Viele haben mich gefragt, warum ich mich auf diese Reise begeben habe, warum ich jegliche Vorsicht habe fahren lassen. Die einfache Antwort? Neugier. Es war im Monat der Sejad vor 49 Jahren, dass meine Mutter mir ein Geheimnis über meine Vergangenheit offenbarte. Ich stammte vom Volk der Fahedi ab. Ich habe nie erfahren, ob es eine Verbindung der Liebe, oder eine Vergewaltigung des Krieges war, die sich vor hundert Jahren in meinem Stammbaum ereignete. Nach all der Zeit hat diese grausame Unterscheidung wohl auch jegliche Bedeutung verloren.
Natürlich war ich ganz fasziniert von diesem fremden, unbekannten Blut, dass in meinen Adern floss und wollte mehr über meine Abstammung erfahren. Doch all die Geschichten, die ich las, all die Berichte von Tot und Verderben, haben mich nur mit Schrecken erfüllt. Es waren Legenden von Monstern, von blutrünstigen Barbaren, wie sie kleinen Kindern in Ammenmärchen erzählt werden.
Ich war damals, wenn ich mich richtig erinnere, 22 Jahre alt. Zu jung, um die Weisheit des Alters zu haben, aber auch zu alt, um noch die Ratschläge der Älteren anzunehmen. Und so machte ich mich auf eine Reise, auf die Suche nach diesem Volk.
„Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle
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Tenja wurde von einem einzigen Schlag gegen die Tür geweckt und fiel beinahe aus dem Bett. Fluchend zwang sie sich nach oben, schob sich die verschwitzten Haare aus dem Gesicht und gähnte erst einmal lautstark. Als sich ihre Augen langsam an das Tageslicht gewöhnten, öffnete sie blinzelnd die Tür und sah nur noch den Rücken ihrer Mutter, wie diese Tenjas kleinen Bruder nach unten scheuchte. Über die Schulter hinweg rief die alte Frau: „Zieh dich an und komm zum Essen.“
Tenja nahm weder das Zittern der Stimme, noch den Blick wahr, der den ihren nicht treffen wollte. Ihr Kopf war noch zu verschlafen und so zog sie sich mit mechanischen Bewegungen an, schrubbte sich in dem kleinen Wassertiegel sauber – so gut das auch ging – und trat zu ihren Eltern an den Esstisch.
Sie waren gute Schauspieler, ihre Eltern, weswegen ihr wohl nichts aufgefallen wäre. Leider konnte man das von ihrem kleinen Bruder nicht sagen, der sie mit großen Augen über die Essteller hinweg anstarrte. Sein Vater gab ihm einen kleinen Klapps auf den Schädel und er widmete sich seinem Essen – etwas zu spät.
„Was ist los?“, fragte sie mit vollem Mund, worauf ihre Mutter breit lächelte.
„Nichts, mein Kind. Es ist alles gut.“
Tenjas Blick glitt zu ihrem kleinen Bruder, der sich nur noch tiefer in die Schüssel beugte: „Eon, was ist los?“
„Ich darf nicht mit dir reden.“, nuschelte er leise.
Sie warf ihren Eltern einen verwirrten Blick zu, worauf ihre Mutter seufzte: „Das habe ich nicht gesagt, Eon. Ich meinte nur, dass du… deine Schwester nicht bei ihrem Namen nennen sollst.“
Tenjas Löffel fiel auf den Boden und sie starrte ihre Familie mit großen Augen an. Die Mundwinkel ihres Vaters zuckten – mehr als eine Andeutung erlaubte er sich nicht. Aber es war ihre Mutter, die ihr zuzwinkerte. Eon blickte nur noch verwirrter, er verstand nicht, was heute für ein Tag war.
Ich habe meinen Namen verloren…
Tenja kannte die Bedeutung nur zu gut – heute war der Tag, an dem sie erwachsen werden würde.
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Gegensätzlich zu vielen Geschichten war es nicht schwer, die Fahedi zu finden. Ihr Dorf zu betreten, war allerdings eine ganz andere Angelegenheit. Das ganze Volk, wenn man die wenigen tausend Menschen denn als solches bezeichnen konnte, hatte sich in den Fang-Bergen eingelebt. Auf dutzende, vielleicht sogar hunderte Siedlungen verteilt, lebten sie abgeschieden von der Außenwelt. Händler wurden am Gebirgsfuß begrüßt und bezahlt, Reisende wurden zu Umwegen angeregt und Dummköpfe, die ihr Zuhause betreten wollten? Nun, ich bin niemand anderem begegnet, der diesen Fehler beging.
In meinen Forschungen gab es ein paar Fakten, über die sich alle Quellen einig zu sein schienen. Die Fremdenfeindlichkeit war das eine, ihre kämpferische Macht das andere. So oft las ich von der unvergleichlichen – ja, fast schon unnatürlichen – Stärke der Krieger der Fahedi. Man sagte sogar, dass sie unsterblich, unverwundbar in jeder Schlacht sein sollen. Aber ich hielt mich für etwas Besonderes, ein verlorenes Kind und trat vor die Passwächter. Ich erzählte ihnen von meiner Abstammung, von meinem Wunsch nach der Wahrheit. Davon, dass ich mir sicher war, all diese Geschichten seien nichts weiter als Lügen.
Und wie reagierten sie?
Sie schlugen mich grün und blau. Dann ließen sie mich am Wegesrand liegen.
„Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle
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Als es an der Tür des Hauses klopfte, war Tenja die Erste, die aufsprang und das Schloss aufriss. Ihre Mutter begann sie bereits für ihr Ungestüm zu tadeln, als die Gana, eine der Dorfältesten, das Haus betrat. Sie war bereits ganz runzlig, das weiße Haar war in dutzenden, meterlangen Zöpfen immer wieder um ihren Körper und um ihre Glieder gewickelt. Ihre bernsteinbraunen Augen blickten ihre Familie durchdringend an. In diesem Moment spürte Tenja Scham. Scham, für ihre braunen Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten, Scham für ihre grünen Augen.
Ob Eon sich wohl ähnlich fühlt? Nein, er ist noch zu jung. Wahrscheinlich hat er noch nie darüber nachgedacht, wieso unsere Augen so anders als die unserer Eltern sind. So anders, als die eines jeden auf diesem Berg.
„Gana.“, grüßte ihr Vater die Ältere mit einer tiefen Verbeugung.
Die Frau musterte einen jeden von ihnen mit ausdruckslosem Blick, bis sie sich Tenja zuwandte: „Du wirst mich begleiten, Kind der Fahedi. Wenn du weinst, dich nach deinem Blute umdrehst, oder auch nur zögerst, hast du versagt. Dies ist die erste Prüfung der Schleifung.“
Dann drehte sie sich um und verließ das Haus. Kein Abschied, keine Worte an ihre Familie. Nicht einmal einen Blick wagte sie, sondern stolperte hinter der Alten heraus. Hinter sich erklangen die Fragen ihres Bruders, aber keiner ihrer Eltern wagte zu antworten, während die Gana in Hörweite war. Nein, sie weinten nur still.
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Als ich wieder aufwachte war es bereits Nacht und mein Körper schmerzte auf grausamste Weise. Ich weinte eine Weile. Zu einem Teil vor Schmerz, zu einem anderen vor Enttäuschung. Und trotzdem stand ich am Ende auf und schlich mich den Berg hinauf. Ein Teil von mir wusste, dass sie mich töten würden, sollten sie mich das nächste Mal sehen. Und trotzdem – von irrsinnigen Emotionen beherrscht – schlich ich mich über die Felshänge. Vorbei an den Wachen und dann noch weiter und immer weiter. Bis ich zu einem kleinen Dorf kam. Mir fiel sofort auf, wie seltsam hier ein Jeder aussah. Manche trugen Haare, länger als ich sie bei irgendeinem Menschen jemals gesehen hatte. Andere, meistens ein wenig jünger als ich selbst, liefen mit einem blanken Kopf umher.
Und obwohl sie alle unterschiedlichste Kleidung trugen, die verschiedensten Gesichts- und Körperformen besaßen, hatten sie alle eine gewisse Ähnlichkeit. Augen in der Farbe von Bernstein und Haare, so weiß wie Schnee.
Als mir diese Wahrheit bewusst wurde, wandte ich schnell meinen Blick zu Boden, versuchte keine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich hatte Angst, mehr noch vor der Wahrheit, die mein Erfolg enthüllen würde, als die Strafe, die mein Fehlschlag herbeiführen würde. Denn ich hatte es begriffen, von dem Moment an, als die viel zu starken Schläge auf mich eingeprasselt waren. Ich hatte verstanden, dass all diese Legenden, all diese Geschichten einen wahren Kern hatten. Und so sehr ich diese Wahrheit fürchtete, so sehr ich einfach nur wegrennen wollte, trieb mich etwas voran. Nicht die Suche nach meinem Erbe, diese kam mir nun wie die irrsinnige Idee eines Kindes vor. Nein, meine Schritte wurden von einem der grundlegendsten Gefühle überhaupt angetrieben.
Neugier.
„Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle
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Tenja wurde in einen kleinen Tempel geführt, wo die Gana endlich stehen blieb und ihr – sie könnte es für Respekt halten – zunickte: „Jetzt komm, Namenlose.“
Sie hastete hinterher, bis sie eine Grube auffanden, die in der Mitte eines leeren Saales im Boden war. Tenja runzelte die Stirn, als sie ein seltsames Zischen hören konnte. Da unten bewegte sich etwas…
Die Gana gab ihr einen kräftigen Stoß in den Rücken und mit wedelnden Armen – im letzten Versuch ihr Gleichgewicht zu halten – stürzte Tenja nach unten. Zum Glück war die Grube nicht tief und als sie aufschlug, landete sie weich. Sie wollte gerade dem Goldenen danken, als etwas über ihre Hand streifte. Dann über ihr Bein, über ihre Hüfte, ihre Zehen und ihren Arm. Hier unten war etwas und dieses etwas bewegte sich.
Licht, ich brauche…
Der Gedanke versiegte, als sie das Zischen ein weiteres Mal hörte, diesmal aus allen Richtungen. Von ihrem eigenen Körper aus und von unter ihr. Und dann erst begriff sie, dass in der Grube nicht nur irgendein Wesen war. Die Grube war gefüllt – gefüllt mit hunderten Schlangen.
Tenja entwich ein panisches Schluchzen und sie versuchte sich aufzurichten, aber glitt an den schuppigen Körpern ab. Ihre Finger krallten sich in die Wände, doch es gab keine Unebenheit. Sie saß fest.
„Beruhige dich, Namenlose.“, drang die Stimme der Gana von oben herab und sie begriff, dass die alte Frau am Rand saß. Sie wollte schreien, fluchen, betteln, oder drohen; doch all das blieb ihr im Mund stecken.
Ich bin kein Kind! Ich bin Tenja von den Fahedi! Und ich werde es beweisen.
Die Schlangen griffen sie nicht an. Wenn sie nicht in Panik geraten wäre, hätte sie das auch schon vorher bemerkt. Warum sollte eine Gana auch jemanden töten, der bereit für das Schleifen war? Sie hatte gesehen, was die letzte Prüfung, die Dritte, anrichtete.
Also ist das nichts, als eine weitere Prüfung.
Zitternd sank sie auf die Knie und wartete, ließ zu, dass die Kreaturen an ihr hochglitten, sich um ihre Arme wanden. Ihr Atem wurde schwerer, als sich eine von ihnen um ihren Brustkorb wand. Und als Schuppen ihren Hals streiften, lief eine dünne Träne über ihre Wange. Sie hoffte nur, dass die Gana sie nicht sehen konnte.
Dann, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, fragte die alte Frau: „Hast du jemals getötet?“
Es war gut, dass sie etwas fragte, irgendetwas tat. Das bedeutete, dass sie selbst etwas tun konnte, außer zu warten und dass es irgendwann vorbei war. Und so, ohne eine Sekunde zu zögern, antwortete sie: „Nein.“
Es kam keine Antwort. Kein Hinweis, ob es die richtige Antwort gewesen war. Dann, als ihr Herz begann, schneller zu schlagen, stellte die alte Frau ihre zweite Frage: „Hast du jemals gelitten?“
Darauf runzelte sie verwirrt die Stirn. Was war das für eine Frage? Hatte nicht ein jeder gelitten? Kannte nicht jedes Kind, jedes Lebewesen Schmerz? Was für eine einfache Frage. Und so öffnete sie den Mund, wollte ihre Antwort geben, als das Zischen um sie herum lauter wurde. Und etwas Scharfes gegen ihren Hals drückte.
War das ein Zahn? Wollte eine dieser Schlangen ihr den Hals aufreißen? Wollten sie sie verschlingen? Wollten sie ihr zeigen… was Leid war?
Wie kann ich behaupten, jemals gelitten zu haben, wenn ich solche Angst vor diesem Biss habe? Ist es das, was mir diese Prüfung beweisen soll? Das ich noch ein Kind bin? Wollen sie mich zu ihrer Antwort zwingen?
Aber nein, dass ergebe keinen Sinn. Es war etwas anderes. Es musste etwas anderes sein. Und dann, als sie über diese Dinge nachdachte, die niemals ihren Verstand belastet hatten, verstand sie es. Verstand, dass ihre Antwort eine Lüge gewesen war. Dass sie wusste, wie Leid aussah – sie hatte es in den Augen so vieler anderer gesehen, ein jedes Mal, wenn sie das Schleifen gesehen hatte. Sie kannte nicht wahres Leid.
Also, ohne ein weiteres Zögern, antwortete sie: „Nein.“
Das Stechen an ihrem Hals verschwand, der Druck auf ihren Körper nahm ab, aber wieder gab es keine Antwort. Sie wartete diesmal mit mehr Zuversicht. Sie war sich sicher, dass es nicht schlimmer werden konnte.
„Hast du jemals geliebt?“
War es nur ihre Einbildung, oder wurden die Schlangen leiser? Bewegten sie sich kaum noch, als würden sie auf ihre Antwort warten?
Sie lauschen, hoffen auf meinen Fehler. Bereit mich zu zerfleischen, mich zu töten, ehe ich mein Kindesleib verloren habe.
Aber sie konnte nicht lügen, nicht ohne die Fänge zu spüren. Und sie konnte nicht die Wahrheit sagen, soviel hatte sie begriffen. Diese Fragen drehten sich um ihre Unschuld – darum, ob sie noch ein Kind war. Was wäre, wenn sie eine dieser Fragen bejahte? Würde man sie trotzdem schleifen, sie zu einer Erwachsenen machen? Oder wäre sie für immer gefangen, im Körper eines Kindes? Eine Ausgestoßene, die niemals eine wahre Fahedi werden könnte.
Und unter all diesen Gedanken wanden sich Erinnerungen. Erinnerungen an diesen Jungen – Hujo, wie er noch gestern hieß. Sie erinnerte sich an sein Lachen, seine leuchtenden Augen und an das Gefühl, ihn zu küssen. Wie sie sich geliebt hatten, in dieser einen Nacht unter der aufgehenden Sonne. Seine Wärme, diese Zuneigung und…
Die Tränen liefen über ihre Wangen, völlig ungehemmt und ihr fehlte die Kraft, es zu verhindern. Sie wollte still trauern, aber dann entwich das Schluchzen ihrem Mund. Würde die Gana sie dafür schlagen, oder auf ihre Antwort warten? Eine Frage, auf die es keine richtige Antwort gab.
Ich werde es nicht leugnen, ich werde meine Gefühle nicht verstecken. Sollen sie mich hassen, sollen sie mich verjagen. Ich schäme mich nicht.
„J…“, begann sie und Zähne gruben sich in ihren Hals. Nicht tief genug, um sie zu töten, doch warmes Blut tropfte auf ihre Schulter. Eine andere Schlange grub ihre Fänge in ihren Arm, eine andere in ihr Bein. Sie schrie vor Schmerz auf, die Antwort blieb im Halse stecken. Und dann, als sie bemerkte, dass sie noch lebte, noch atmen konnte, sank sie in sich zusammen.
„Wieso…“
Tenjas Worte waren nur ein Flüstern. Vielleicht erreichten sie die Gana überhaupt nicht. Also fragte sie noch einmal, zitternd, aber mit kräftiger Stimme: „Warum greifen sie mich an?“
Ihre Angst, dass die Frage unbeantwortet bleiben könnte, erfüllte sich zum Glück nicht: „Sie interessieren sich nicht für die läppischen Lügen, die wir uns selbst erzählen. Sie kennen unser Inneres, unsere Herzen. Das sind die Lügen, auf die sie antworten.“
„Aber ich liebe ihn…“
Es kam lange Zeit keine Antwort, nicht einmal ein Atmen war zu hören. Dann flüsterte die alte Frau, mit einem Hauch von Mitgefühl: „In der zweiten Prüfung geht es nicht darum, dir die Wahrheit zu zeigen. Es geht darum, zu entscheiden, ob du noch geschliffen werden kannst.“
„Was für eine abscheuliche Tradition.“
Sie sagte darauf nichts – vielleicht war das Antwort genug -, sondern fragte erneut: „Hast du jemals geliebt?“
„Nein.“, kam die tonlose Antwort und als die Schlangen – um ihren ganzen Körper gewickelt – ihre Fänge von ihr lösten, wollte sie schreien. Aber sie saß nur ruhig da, hörte der Leiter zu, die hinabgeworfen wurde. Langsam, lethargisch, zwang sie sich nach oben. Blut tropfte von ihrer Haut, sie zitterte, ihr Verstand war ein Wirbelsturm. Dann blickte sie auf und sah die Gana vor einem Stuhl sitzen, ein kleines Messer in der Hand. Neben ihr stand ein Eimer mit Flüssigkeit.
„Zieh dich aus.“
Sie schluckte kurz, ihr Blick auf die Klinge gebannt, aber dann zog sie hastig Kutte, Hemd, Schuhe und Hose aus, bis sie völlig nackt vor der alten Frau stand, die auf den Stuhl deutete. Sobald sie saß, schmierte die Gana ihren Kopf mit der Flüssigkeit ein. Sie war irgendwie schaumig, ganz anders, als Tenja es vermutet hatte. Dann fuhr die Klinge über ihren Kopf und die Haare fielen.
Es dauerte nicht lange, bis ihre ganze Kopfbehaarung auf dem Boden verteilt war, aber die alte Frau arbeitete nur ruhig weiter. Ihre Schultern, Arme und Achseln wurden alle sorgsam beschmiert und dann von jedem noch so winzigen Härchen befreit. Selbst zwischen ihren Beinen, wo sie erst seit etwas über einem Jahr Haare hatte, fuhr die Klinge entlang. Und wie durch ein Wunder hatte Tenja am Ende keinen einzigen Kratzer. Nein, jetzt fühlte sie sich nur noch nackter, als es eigentlich möglich sein sollte.
Die alte Frau erhob sich und lächelte sie an: „Komm, Kind. Es wird Zeit für das Schleifen.“
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Es gab ein paar Dinge, die ich bereits nach wenigen Stunden verstand. Zum einen, dass die Fahedi einen nur schwer zu verstehenden Dialekt des Grenndischen verwendeten und für mich deshalb in vielen Situationen nur schwer zu verstehen waren. Gleichzeitig hieß das aber auch für mich, dass ich keinerlei Wortwechsel riskieren konnte, ohne als Fremdling erkannt zu werden.
Zum anderen waren meine ersten Vermutungen wohl korrekt gewesen. Ein Jeder in diesem Dorf hatte dieselbe Augenfarbe und dieselbe Haarfarbe. Dementsprechend musste ich mich mit einem Kopftuch bedecken und den Blick auch weiterhin gesenkt halten. War das meinem Stolz zuträglich? Sicher nicht, aber welchem Mann von starkem Blute hindert der Stolz am Entdeckertum.
Zuletzt begriff ich, dass ich einen besonderen Tag zum Besuch gewählt habe. Alle Dorfbewohner waren ganz hektisch, ja sogar aufgeregt. Man könnte meinen ein großes Fest stände bevor, auch wenn ich weder Zelte, noch Musiker bemerkte. Und sie alle sprachen von demselben Wort, dass ich – in Anbetracht meiner nicht perfekten Kenntnisse des Grenndischen und dem örtlichen Dialekt – nur als ‚Härtung‘ wiedergeben kann.
Und so folgte ich dem Strom, der mich durch die Gassen und Viertel der Siedlung führte, bis sich die Menge auf einem großen Marktplatz verteilte. Ich selbst suchte mir einen ruhigen Platz neben einem hölzernen Gestell. Hoffte, dass ich vor jeder Aufmerksamkeit geschützt sein würde, aber trotzdem einen guten Blick haben konnte. Und was für ein Anblick es war!
All diese Leute – Hunderte, wenn meine Überschlagung korrekt war – starrten zu einer großen Plattform, auf der drei Gestelle standen. Sie bestanden aus jeweils zwei senkrechten Holzpfeilern, an denen Ketten herabhingen. Und zur rechten, von meiner Seite aus, warteten mehrere alte Leute mit drei Kesseln. In diesem Moment hat sich eine gehörige Prise Angst zu meiner Neugier gesellt, aber diese wurde auch nicht weniger. Und dann kamen sie.
Zwei Mädchen und ein Junge, so nackt wie am Tage der Geburt. Nach meiner Einschätzung waren sie alle zwischen 15 und 17 Jahren, auch wenn das schwer zu deuten war, da sie völlig unnatürlich aussahen. Ja, irgendetwas hatte sie ihrer Haare beraubt. Vielleicht war es eine Krankheit, oder etwas Kulturelles? Damals kannte ich keine Antwort, aber mittlerweile bin ich diese Erlebnisse so oft im Kopfe durchgegangen, dass ich mir sicher bin, dass es Zweiteres war.
Diese drei Kinder – dieses Wort klingt für mich am besten – knieten sich dann zwischen die Pfeiler und wurden sogleich mit den Ketten gefesselt. Ihre Arme seitlich nach oben gestreckt, die Füße etwas schlaffer auf dem Boden gehalten. Es erinnerte mich an Szenen der Auspeitschung, wie ich sie auf Gemälden gesehen hatte. Vielleicht auch an öffentliche Hinrichtungen, aber diese Gedanken habe ich schnell vertrieben.
Dann trat einer der alten Männer nach vorne, trug einen der Kessel mit sich, bis er hinter dem Jungen stand. Zwei andere Gestalten hockten sich links und rechts neben das arme Kerlchen. Sie sagten etwas, dass ich nicht verstehen konnte und dann – ich will es eigentlich nicht beschreiben – schütteten sie den Inhalt des Kessels über das Kind.
Es war schwarz, aber glitzerte silbern und sobald es den Jungen berührte, begann er zu schreien. Ich kann diesen Schrei nicht beschreiben, da ich seit diesem Tag nichts Vergleichbares gehört habe. Und für diese Tatsache danke ich den Göttern. Also kann ich es nur so benennen: Wenn es jemals einen Schrei des reinsten Leides gegeben hat, so war es dieser. Der Junge kreischte, als würde man ihn häuten, als würde er in Lava getaucht. Und die beiden Alten neben ihm? Die begannen, die Flüssigkeit zu verschmieren, verteilten sie auf jedem Abschnitt seines Körpers. Sie hoben ihn auch ein Stück hoch, um die Schienbeine zu bestreichen. Und während all dieses Vorganges, der mir noch heute Übelkeit bereitet, saßen die beiden Mädchen nur mit starrem Blick da. Und mir wurde klar, dass ich diesen Schrei noch zwei Mal hören würde.
Als der Kessel geleert war, hing der Junge kraftlos in den Ketten, sein Keuchen laut genug, dass auch ich es wahrnehmen konnte. Ich glaubte, dass es vorbei war, dass er nun sicher war, aber dann bemerkte ich das Schwert. Der gleiche Mann, der den Kessel benutzt hatte, zog nun einen Säbel hervor, hob ihn zum Schlag. Ich konnte es nicht begreifen, warum sollten sie ihn töten? Hatte er etwas falsch gemacht? Hätte er nicht schreien dürfen?
All diese Gedanken glitten durch meinen Kopf, als die Klinge hinabfiel und… Ihr werdet mir nicht glauben, aber sie prallte am Hals des Jungen ab. Als wäre sie gegen Stahl geschlagen worden. Dieses Kind, dass voller Schmerz in den Fesseln hing, zuckte nur leicht zusammen, als hätte man ihm einen Klapps gegeben. Und ich begriff, was all diese Legenden bedeuteten. Was die Fahedi waren. Und – ich schämte mich dieser Wahrheit, aber will sie auch nicht leugnen – in diesem Moment war ich stolz, dieses Blut in meinen Adern zu haben.
Als der zweite Kessel geleert wurde und die Frau zu schreien begann, kam es mir nun wie eine Prüfung vor, eine letzte Stufe zur Unverwundbarkeit. Ich verstand, warum man ihnen die Haare genommen hatte. Natürlich sollte diese magische Flüssigkeit nicht aufgehalten werden. Und dann, als sie in ihren Ketten zusammensackte, starrte ich mit großen Augen auf die erhobene Klinge. Ich musste lächeln und dankte den Göttern, Zeuge dieses Anblickes geworden zu sein.
Dann fuhr der Säbel nieder und trennte den Kopf des Kindes von ihren Schultern. Blut spritzte zwischen ihren Schultern hervor, ihr Schädel fiel von der Plattform und Stille überkam die Massen.
„Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle
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Tenja starrte mit großen Augen auf den Kopf, der über den Rand der Plattform rollte und dahinter verschwand. Sie hatte das Mädchen, dass gestern noch Tola genannt wurde, schon seit ihrer Geburt gekannt. Und nun war sie tot. Sie hatte bei der letzten Prüfung, dem eigentlichen Schleifen, versagt.
Gerade noch waren ihre Gedanken bei Hujo gewesen. Sie hatte sich gleichzeitig gefreut ihn bei der dritten Prüfung zu sehen, aber ihn auch gehasst, wegen dem, was es bedeutete. Wegen der Lügen, die er ihr ins Ohr geflüstert hatte. Aber diese Gedanken hatten nur Scham und Wut auf sich selber geweckt, die Heuchlerin, die sie war. Und dann, als die Klinge bewies, dass er nun den Körper eines Mannes hatte, wollte sie lachen. Nur um dann das Blut neben ihr zu sehen.
Als der Gana nun hinter sie trat, den Kessel erhoben, musste sie ihre Angst ein weiteres Mal bezwingen. Sie zwang sich, ihre Eltern, ihren Bruder anzusehen, die vor ihr standen und sie mit zuversichtlichen Augen anblickten. Das gab ihr Kraft, genug Kraft, um sich aufzurichten und zu nicken.
Sobald der erste Tropfen auf ihre Schulter fiel, hatte Tenja das Gefühl, diese würde in Flammen aufgehen. Als wäre es flüssiges Feuer, dass man über sie schüttete. Die Idee, das Schleifen ohne einen Laut zu bestehen, war nun irrsinnig und irrelevant. Jetzt konnte sie nur noch kreischen. Sie schrie, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte. Ihr ganzer Körper wurde in Flammen gebadet, während sich ihre Haut aufzulösen schien. Am Rand ihrer Wahrnehmung spürte sie Lappen, die dieses etwas auf ihrem ganzen Körper verteilten. Ihre Fußsohlen gingen in Flammen auf, ihre Knie, selbst auf ihre Lippen wurde das Feuer gebracht. Sie hätte geweint, wenn sie dafür die Kraft gehabt hätte. Sie hätte geflucht, wenn sie dafür einen Gedanken gehabt hätte. Sie hätte sich getötet, wenn es ihr möglich gewesen wäre. Aber so konnte sie nur schreien, schreien und schreien. Bis das Feuer verschwand und sie nur noch in der kalten Luft hing.
Knirschen kündigte den Gana an, der sich hinter ihr aufbaute. Wahrscheinlich hätte sie beten sollen, oder auch nur einen Gedanken aufbringen müssen, aber dazu war sie nicht fähig. Sie starrte nur auf das Meer aus bernsteinfarbenen Augen, hörte die Klinge durch die Luft fallen und dann schlug etwas gegen ihren Hals. Es tat ein wenig weh, dass schon, aber sie lebte noch. Sie zwang sich, den Blick ihrer Eltern zu suchen, sah den Stolz und die Erleichterung darin. Ihr Bruder war wohl mehr verwirrt und verängstigt, als alles andere. Der Gana beugte sich zu ihr nach unten und murmelte: „Vernimm deinen neuen Namen, Frau der Fahedi, Taja Sonnenfall.“
Ein dünnes Lächeln stahl sich auf Tajas Lippen, während sie die Masse anblickte. Sie musterte all diese Menschen, die sie mit den verschiedensten Ausdrücken ansahen. Dann runzelte sie die Stirn.
Dieser Mann hat seltsame Augen.
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Als der Kopf des Mädchens fiel, begriff ich, was diese Barbarei wirklich war. Ein grausames Glücksspiel, ein Vertrag mit dunklen Göttern. Am liebsten wäre ich gleich in diesem Moment geflohen, aber ich tat es doch nicht. Warum?
Zum einen hätte es Aufmerksamkeit auf mich gezogen, etwas was ich nach diesem Anblick noch weniger wollte, als zuvor.
Zum anderen war da ein irrationales Gefühl von Verbundenheit zu diesem dritten Kind. Dem Mädchen, dass noch immer darauf wartete, dass eine mir unbekannte Macht über ihr Leben entschied. Ich wollte bei ihr bleiben und ihre Tapferkeit, ihr Ende, oder auch ihren Triumph verfolgen. Nicht um eines Tages davon zu erzählen – ihr müsst begreifen, dass mir dieser Bericht erst viel später in den Sinn kam – sondern, damit es jemand bezeugen konnte, der keiner ihres Volkes war.
Dumme Sentimentalität? Wahrscheinlich.
Und so hörte ich ihren Schreien zu und seufzte erleichtert, als die Klinge an ihrem Hals abprallte. Grinsend rutschte ich langsam zurück, als… waren sich unsere Blick begegnet?
Nun etwas hastiger, ging ich von dem Holzgestell weg und machte mich auf den Rückweg, während sich die Masse begann, aufzulösen. Wie schon zuvor zwang ich meinen Blick auf den Boden und lief davon. Ein Teil von mir wollte noch etwas verweilen, noch mehr über dieses Volk erfahren, aber ein viel größerer Teil lachte bei dieser Vorstellung. Ich hatte bereits erfahren, was sie waren und wollte mit diesem Teil meiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben.
Zitternd drückte ich mich durch ein paar Nebengassen, bis ich einen ruhigen Weg zu den Bergen fand. Jetzt konnte ich von hier verschwinden und hoffentlich niemals wiederkommen.
„Du bist nicht von hier.“
Es war eine junge Stimme, weiblich, und ich wirbelte voller Schrecken herum. Vor mir stand – wenn ich es richtig erkannte – das Mädchen von der Prüfung. Nur ein paar Decken bedeckten sie und irgendetwas an ihr war anders, aber ich konnte es nicht ganz bestimmen.
Ich stammelte irgendetwas, nur dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Alles, was mir bis zu diesem Tag im Kopf geblieben ist, sind diese unlesbaren, bernsteinfarbenen Augen. Ich versuchte irgendetwas zu sagen, aber meine Stimme gab auf.
„Renn…“, flüsterte sie auf einmal. Ihre Stimme war unsicher und zitterte: „Verschwinde, bevor ich dich töte.“
Seit diesem Tag, an dem ich Hals über Kopf geflohen bin, habe ich noch oft über diese Worte nachgedacht. Über ihren Wortlaut, den Ton und die Bedeutung dahinter. Es war keine Drohung, soviel weiß ich.
Es war eine Bitte, geboren aus Angst. Wie oft habe ich mich gefragt, wovor sie solche Angst hatte. Vor der Pflicht, mich zu töten? Vor etwas, dass sie dazu zwingen würde? Würde es einen Unterschied machen?
Ich wünschte, ich würde die Antwort kennen. Dass ich sie fragen, mit ihr reden könnte. Aber in den Jahrzehnten, seitdem ich aus dem Dorf geflohen bin, habe ich mich niemals wieder dort hin getraut. Und die Götter wissen, dass mir auch jetzt der Mut fehlt.
„Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle
ENDE
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