Der Ritter zügelte sein Pferd und starrte auf das hinunter, was eigentlich ein Dorf hätte sein sollen. Er war noch nie in Regin gewesen und konnte nicht wissen, wie es eigentlich hätte aussehen sollen, aber gewiss nicht so.
Der Fluss, der in das Dorf floss, kam auf der anderen Seite seltsam dunkel, unnatürlich, hervor. In der Mitte waren dutzende Häuser eingestürzt, teilweise bis auf die Grundfeste niedergebrannt. Und im Kern dieser Zerstörung? Etwas Dunkles; etwas, das der Ritter nicht begreifen konnte. Es wirkte wie eine Befleckung der Welt, der Realität selbst. Seine Augen wurden von diesem Unding angezogen, während sein Verstand ihn anbettelte, zurückzureiten.
Auch sein Pferd wurde nervöser, umso näher sie diesem Dorf kamen. Immer wieder begann es zu tänzeln und einmal hätte es ihn beinahe abgeworfen. Fluchend stieg der Ritter ab und sprach beruhigend auf das Tier ein. Es spannte sich an, als wollte es auf einmal davon preschen und murrend führte er es wieder weg von dem Dorf und band es an einem entfernten Baum an.
Dann ging er wieder voran. Bald fiel ihm die Stille auf. Keine Stimmen, keine Tiere – nicht einmal die Geräusche des Handwerks. Es war eine unnatürliche Stille, die nur von gleichmäßigen Tönen unterbrochen wurde. Metall auf Metall. Ein Knarzen von Holz. Das Schlagen eines Fensters. Viel zu gleichmäßig…
Eine Gänsehaut bildete sich auf den Armen des Mannes und er zog seinen Mantel enger um sich. Seine Hand zuckte zu dem Schwert an seiner Seite, aber er entschied sich dagegen. Dies war eine Untersuchung, kein Kampfeinsatz.
Als er den Rand des Dorfes erreichte – noch immer, ohne das geringste Anzeichen von Leben entdeckt zu haben – rief er mit stählerner Stimme: „Dorf Regin, mein Name ist Sir Daios von Kent. Ich wurde von König Singar geschickt, um den Vorfall zu untersuchen.“
Vorfall… was für ein einfacher Begriff. Er passte so gar nicht zu den dutzenden, sich widersprechenden Berichten – einer davon angsteinflößender, als der andere. Als Daios die Briefe gelesen hatte, war er sich sicher gewesen, dass die Verfasser dem Wahnsinn verfallen waren. Aber dann würde er sich nun an den Ort begeben, der diesen Wahnsinn verursacht hatte.
Von einem Schauder durchgeschüttelt, wartete er auf eine Antwort, einen Ausruf, irgendetwas, dass die Stille durchbrach – etwas, dass nicht so unnatürlich regelmäßig war.
Er wusste, dass er zu lange wartete und schämte sich dafür. Ein Ritter der Krone sollte keine Angst haben. Und doch stand er nun hier, die Hand krampfhaft um den Schwertknauf geschlossen.
Also zwang Daios einen Fuß vor den nächsten und betrat Regin.
Das Erste was ihm auffiel, war die Verrottung. Das Holz der Häuser sah aus, als wäre es uralt. Der Stein war vermoost, Leder zerfallen und er konnte Schimmel entdecken. Aber das ergab keinen Sinn.
Noch vor zwei Tagen war dieses Dorf normal gewesen, aber nun stand er vor Ruinen, die Monate, vielleicht sogar Jahre alt waren. Stöcke zerbrachen unter seinen Füßen, als er weiterlief. Dann sah er den ersten Menschen.
Es war eine Frau von vielleicht fünfzig Jahren. Ihr Haar musste einmal ein schönes Rot gewesen sein, in ihrem Gesicht gab es noch Hinweise auf eine frühere Schönheit. Doch diese Zeiten waren vorbei.
Ihre Haut war blass, an manchen Stellen aufgesprungen und vermodert. Ihr fettiges Haar hing nur noch in Fetzen. Mit Augen voller Grauen sah Daios zu, wie diese Frau – die eindeutig noch lebte – gegen eine Tür lief. Sie stand vor dem Eingang des Hauses und trat immer wieder nach vorne, schmetterte Kopf und Oberkörper gegen das dicke Holz. Jedes Mal taumelte sie einen Schritt zurück und trat wieder nach vorne.
„Ihr… geht es euch gut?“
Die Frau antwortete nicht, lief nur stetig weiter gegen die Wand. Zitternd griff Daios nach ihrer Schulter und sie erstarrte. Dann drehte sie den Kopf. Das Knirschen von Knochen erfüllte die Stille und die Haut ihres Halses riss auf, sodass Blut an ihr hinablief. Ihre Augen, die zu lebendig für eine Tote, aber zu leer für eine Lebende waren, blickten durch ihn hindurch. Taumelnd wich er zurück, wäre beinahe über seine eigenen Füße gestolpert. Doch sobald seine Hand ihre Schulter entließ, wandte sie sich wieder zur Tür und rannte dagegen. Immer und immer wieder.
Der Ritter versuchte seine Atmung zu beruhigen, während er weiter in das Dorf lief. Langsam wischte er sich den Schweiß von der Stirn, aber diese Augen waren in seinen Verstand gebrannt. Das metallische Geräusch kam nun näher, also folgte er ihm nach kurzem Zögern.
Er kam zu einem Gebäude, dass an eine Schmiede erinnerte. Das Dach war eingestürzt, der Stein hundertfach zersprungen, aber irgendwie hielten sich die Mauern noch oben. Sein Blick fiel auf einen muskelbepackten Mann, der immer wieder mit dem Hammer auf den Amboss schlug.
Er wollte etwas sagen, ihn einfach nur ansprechen, aber diesmal fehlte ihm der nötige Mut. Also trat er um die mächtige Gestalt herum und starrte, mit von grauen erfüllten Blick, auf den Schmied. Er schlug immer wieder mit dem Hammer zu, regelmäßig und immer auf die gleiche Stelle. Dieselbe Stelle, auf der einmal seine Hand gelegen hatte.
Ab seinem Handgelenk war nur noch eine rote Masse übrig. Zersplitterte Knochen, Fleischklumpen und getrocknetes Blut waren auf dem Amboss verteilt und der Hammer schlug immer wieder nieder.
Wie oft hat er zugeschlagen? Wie viele Hammerschläge braucht es, damit eine Hand sich so völlig auflöst? Götter, wie kann er überhaupt noch leben?
Daios verließ die Schmiede und atmete einmal tief durch. Doch die Luft des Dorfes gab ihm keine Erleichterung, sie fühlte sich zu trocken an. Als wäre die Luft selbst tot. Er räusperte sich nervös, aber das ließ nur seinen Hals kratzen. Also griff er mit zitternden Händen nach seiner Wasserflasche und setzte sie an seine Lippen. Klares Wasser, das war es, was er jetzt brauchte.
Sobald das kühle Nass begann seine Lippen zu benetzen, spuckte er es aus und ließ den Schlauch fallen. Als er auf dem Boden landete, sprudelte das dickflüssige Wasser auf den Boden. Es hatte fahl geschmeckt, uralt.
Vermodertes… Wasser?
Er war sich sicher, dass er es heute Morgen aus einer frischen Quelle genommen hatte. Also wie?
Seine Gedanken wurden von einem Schrei unterbrochen, der weit entfernt an sein Ohr drang. Sein ritterlicher Instinkt übernahm und er rannte in Richtung der schreienden Frau. Nach ein paar Schritten erklang er wieder und nach der gleichen Anzahl ein weiteres Mal.
Während die Schreie immer lauter wurden, nahm die Geschwindigkeit seiner Schritte ab. Angst begann, in seinen Körper zu kriechen – eine grauenhafte Vorahnung. Er blieb vor einem relativ intakten Haus stehen, wo ein Mann auf der Treppe saß und still in die Leere blickte. Blut tropfte über sein Kinn und von seiner Unterlippe war nur noch ein zerkauter Fetzen übrig. Seine Zähne schlossen und öffneten sich im gleichen Takt, wie die Schreie, die aus dem Haus drangen.
Also stieg Daios die Stufen hinauf, legte eine Hand an die Tür, aber zögerte dennoch. Er wusste nicht, was dahinter war, aber er wusste, dass er die Tür nicht öffnen sollte.
Aber könnte ich meinen Schwur noch ernst nehmen, wenn dem nicht so ist?
Ein weiterer Schrei zerriss die Stille und er gab dem Holz einen leichten Druck. Ein Teil der Platten zersplitterte, als eine verrostete Angel zerbrach. Die Tür schlug zu Boden.
Die Frau, die auf dem Bett lag, war hochschwanger. Ihre Augen waren gen Himmel gerichtet, ihr Mund zu einem Schrei geöffnet. Sie war in viele geschimmelte Fetzen gekleidet, die vielleicht einmal kühlende Laken gewesen waren.
Vor ihren gespreizten Beinen hockte eine alte Frau, deren Kopf auf die Brust gesunken war. Auf Daios wirkte es beinahe, als würde die Hebamme schlafen. Wenn da nicht die Pfütze wäre, die sich unter ihrem eingefallenen Gesicht gebildet hatte. Gleichmäßig, jeden der Schreie begleitend, fiel ein Tropfen aus ihrem Auge und landete in dem Teich.
Langsam ging Daios auf ein Knie und sah in ihr Gesicht. Ihr rechtes Auge, dass all die Zeit geweint hatte, war nun völlig aufgelöst. Alles was verblieb, war eine leere Augenhöhle, aus der trotzdem weiterhin etwas tropfte.
Der Ritter wollte aufstehen, diesen Ort verlassen, als er etwas aus den Augenwinkeln sah.
Götter, nicht! Bitte, lasst es nicht…
Und doch drehte er den Kopf, wandte sich der Frau zu und blickte zwischen ihren Beinen hindurch. Auf einen winzigen Kopf und leere – doch noch entfernt lebendige – Augen, die ihn anstarrten.
Daios sprang auf, rannte aus dem Haus und fiel davor auf die Knie. Sein ganzer Körper rebellierte und als er sich nach vorne beugte, übergab er sich. Sein Husten verwandelte sich in ein Röcheln und dann in ein atemloses Keuchen. Er schlang die Arme um seinen Körper, konnte aber nichts gegen das Zittern tun.
Geburt und Tod, keines und doch beides. Auf ewig in einem Punkt zwischen den Welten gefangen. Was könnte eine größere Schandtat am Leben selbst sein, eine größere Perversion der rechten Dinge?
„Du hättest dort nicht reingehen sollen.“
Er glaubte zuerst nicht, dass die Stimme real war, aber dann sah er verwirrt auf. Hinter einer zerfallenen Mauer blickte ihm eine Gestalt entgegen. Es war ein Kind, vielleicht neun Jahre alt, dass ihn anblinzelte. Ungleichmäßig anblinzelte.
Ihre Augen waren viel zu lebendig, als dass sie hierhergehören könnte. Daios schluckte, bevor er sich an einem Lächeln versuchte: „Hallo…“
Das Mädchen sah ihn angsterfüllt an, als er sich langsam erhob und das Erbrochene vom Kinn wischte. Ja, sie war… normal. Ihr Blinzeln war ungleichmäßig, ihre Bewegung nicht in diesem Takt gefangen. Diese Erkenntnis rührte ihn fast zu Tränen, aber er zwang sich zur Ruhe: „Ich…“
Er musste sich räuspern, um die stumpfe Zunge zu lockern: „Ich bin ein Ritter des Königs. Man hat mich geschickt, um… mich umzusehen.“
Das Kind blickte ihn reglos an, vielleicht verstand sie ihn nicht. Als er auf sie zutrat, ihr die Hand reichen wollte, sprang sie ängstlich zurück. Er schluckte kurz und blickte dann zu Boden: „Es tut mir leid, ich bleibe hier stehen. In Ordnung?“
Nach einer Weile nickte sie. Dann, als wäre es diese Frage gewesen, die sie schon die Ganze Zeit beschäftigt hatte, sagte sie: „Lebt es noch?“
„Was meinst du?“
Sie nickte in Richtung des Hauses und der Geburt: „Ich habe gehört, dass Frau Lenen ein Kind bekommt. Ich habe mich aber nicht getraut…“
Sie blickte traurig zu Boden. Daios brauchte nur eine Sekunde, um sich zu einer Antwort zu entscheiden: „Es ist tot. Nicht wie… die Anderen.“
Das Mädchen nickte mit einem traurigen Lächeln. Dann fragte sie: „Bist du hier, um uns zu retten?“
Was konnte er antworten, was keine Lüge war? Wie sollte er ihr Mut machen, ohne den Glauben an sich selbst zu verlieren?
Er fand keine Antwort auf diese Fragen und so sagte er: „Ich werde dich hier rausbringen, Kleine. Bist du die Einzige, die noch…“
Er wusste nicht, was hier los war und so blieb ihm das Wort „lebendig“ im Hals stecken. Aber sie schien ihn zu verstehen, denn sie nickte: „Tante Beru hat mich in den Keller gebracht, als sich der Himmel verändert hat. Eigentlich durfte ich nicht rauskommen, aber… ich habe so lange gewartet.“
„Es war richtig, dass du rausgekommen bist. Wie heißt du?“
Sie sah ihn mit großen Augen an, als wäre diese Frage irgendwie seltsam. Dann füllte sich ihr Blick mit Schrecken und sie flüsterte: „Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht erinnern.“
„Das ist in Ordnung.“, antwortete er schnell: „Kannst du mir erzählen, was hier passiert ist?“
Das namenlose Mädchen zögerte bei dieser Frage, aber erklärte dann: „Es war Kuchentag. Mama hat versprochen, dass es Apfelkuchen geben würde. Ich war draußen mit meinen Freunden spielen. Mit… äh…“
Ihre Stimmte brach ab, als sie sich auch nicht mehr an die Namen ihrer Freunde erinnern konnte. Dann schüttelte sie mit wässrigen Augen den Kopf: „Wir waren draußen und dann wurde der Himmel komisch. Da waren Farben, als würde der Himmel brennen. Ganz lauter Krach kam von da oben und wir haben hochgesehen. Wir haben zugeguckt, als diese Gestalten gekämpft haben.“
„Kämpfende Gestalten? Bist du dir sicher?“, fragte Daios mit zitternder Stimme, worauf sie nickte. Also war es wahr… Sie hatten andere Berichte gehört, dass zwei Wesen, ungleich allem menschlichen, im Himmel gegeneinander gekämpft hatten. Er hatte es für Schwachsinn gehalten und würde es auch jetzt noch, wenn er nicht dieses Dorf gesehen hätte.
„Zwei Götter, die sich gegenseitig bekämpft haben?“, murmelte er leise verwirrt. Was sollte sonst zu solch einer Monstrosität fähig sein? Was sonst, könnte diese Karikatur einer Realität erschaffen?
„Dann hat der Boden zu beben begonnen.“, fuhr das Mädchen leise fort: „Wir sind alle zurück gerannt, zu unseren Eltern. Mama hatte große Angst und Papa hat die ganze Zeit zum Himmel geguckt. Und dann…“
Hier brach sie ab und blickte in Richtung der Dorfmitte. Dorthin, wo Daios bereits aus der Entfernung dieses Unding gesehen hatte: „Dann ist jemand vom Himmel gefallen.“
„Jemand? Nicht etwas?“, fragte er schnell nach. Ein Bericht hatte erwähnt, dass etwas Strahlendes – man hatte es Feuerball genannt – zu Boden gestürzt sei. Direkt auf das Dorf Regin zu: „Willst du sagen, dass es ein Mensch war?“
„Ich weiß es nicht. Aber sie hat gebrannt und da war überall Blut. Es war wie Regen. Sie ist dort hinten hingestürzt und dann hat Mama – ja, ich glaube es war Mama, nicht Beru – mich genommen und zum Keller gebracht. Hat gesagt, dass ich dort warten soll. Dass sie noch Papa holen will und… und…“
Tränen flossen dem Kind über die Wange und endlich ließ sie Daios nah genug, dass er sie in den Arm schließen konnte. Er spürte ihr Zittern, auch wenn er es kaum von seinem eigenen unterscheiden konnte. Wenn über diesem Dorf wirklich zwei Gottheiten gewütet hatten, wäre die gefallene Gestalt…
„Die Leiche eines Gottes.“, hauchte er voller Angst. Und wer konnte schon sagen, was das bedeutete. Jede Vermutung über den Zustand dieses Dorfes war absurd, weil es um Dinge ging, die er nicht verstehen konnte. Vielleicht niemand in diesem ganzen Reich.
Doch was war seine Pflicht? Konnte er das Mädchen nehmen und zurückreiten? Wäre sein Auftrag damit erfüllt? Aber was würde das ändern? Dieses Dorf wäre auch weiterhin gefangen in diesem Rhythmus des Wahnsinns. War es nicht seine Pflicht, mehr zu erfahren? Seinem König zu berichten, was in dieser Mitte war?
Und doch schlug sein Herz immer schneller und seine Füße traten wie von selbst in Richtung des Dorfendes. Das Mädchen klammerte sich an ihn, doch ihre Angst beschämte ihn nur. Wie konnte er ihr Mut zusprechen, wenn er selbst sich von seiner Angst beherrschen ließ?
Und so drückte er sie sanft von sich und wandte sich in Richtung der Dorfmitte. Sie schluchzte und flehte ihn an, zurückzubleiben, doch in ihm war ein irrer Wunsch erblüht. Er wollte sehen, was zu Boden gestürzt war, was für diese Monstrosität verantwortlich war.
Und so zog er sein Schwert, ohne zu wissen wofür, und setzte einen Schritt nach vorne. Das Kind blieb schluchzend hinter ihm zurück und dort war es wohl auch sicherer. Es war nur ein kurzer Weg, nicht einmal zwei Biegungen, aber trotzdem zog dieser sich in seinem Kopf stundenlang hin.
Als er dann endlich um die Hausecke blickte, verschlug es ihm den Atem. Er verstand, warum das Mädchen es als SIE bezeichnet hatte, aber konnte auch seinen ersten Eindruck nicht als Falsch befinden. SIE war ein Unding, bar jeder Realität.
Die Frau war auf einem Zaun aufgespießt worden, der sie weder liegen ließ, noch ihr das Stehen ermöglichte. Ihr Gesicht, ihre Haut und ihre Kleidung waren nicht als etwas Menschliches erkennbar. Dunkelheit, schwärzer als jede Nacht, schien alles an ihr auszumachen. An dem Zaun hinab floss das pechschwarze Blut, dass einen See zu ihren Füßen erschaffen hatte. Einen See, größer noch als die meisten Häuser. Vielleicht hätte er aus der Nähe ihre Gesichtszüge ausmachen können. Doch so stand er nur vor all dem Blut – mehr, als jeder Körper tragen konnte – und starrte auf dieses Wesen. War es eine Göttin? Etwas anderes? Machte es einen Unterschied?
Und in dem Moment, als ihm völlig unsinnige Fragen durch den Kopf gingen, bemerkte er es. Ein winziges Erschauern der Oberfläche des Sees. Blinzelnd hockte er sich hin und sah genauer hin. Ja, die Oberfläche schien zu vibrieren. In einem gleichmäßigen, langsamen Takt.
Zitternd blickte er auf, sah nun genauer auf das tote Ding. Er erkannte, wie ihre Augenlider zitterten, wie ihre Lippen sich ein kleines bisschen öffneten. Er bemerkte das Zucken eines Fingers.
All das, im selben Takt. Ein Rhythmus, der – sowie ihm nun auffiel – von Geräuschen aus dem Dorf begleitet wurde. Dem Schrei einer Frau, dem Schlagen eines Hammers auf einen Amboss.
Und er wusste, dass in eben diesem Rhythmus eine Träne aus einem leeren Auge fiel und eine Frau sich gegen eine Tür warf. Ein Rhythmus, der von diesem Ding kam. Und dieser Rhythmus war…
„…ein Herzschlag.“
Daios wirbelte herum und rannte, so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an, aber er warf sie kurzerhand über seine Schulter. Sein Herz schlug, schneller noch, als jemals zuvor. Er hörte die geschrienen Fragen des Kindes, aber ignorierte sie.
Er stürmte aus dem Dorf und zu seinem Pferd, das wild an seiner Leine riss, beinahe wahnsinnig geworden. Er flüsterte beruhigend auf das Tier ein und hievte das Mädchen auf den Sattel. Als er das Gefühl hatte, sein Reittier weitgenug beruhigt zu haben, sprang er auf und begann zu reiten.
Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an und fragte: „Aber… meine Eltern…“
Er lächelte sie traurig an: „Ich bringe dich erstmal in Sicherheit, Kind. Und dort werden wir vielleicht jemanden finden, der deinem Dorf helfen kann.“
Er log sie an, oder glaubte die Worte jedenfalls nicht. Aber in diesem Moment war es ihm egal. Ihn interessiert nicht, wie der König auf dieses schlafende Ding reagieren würde. Was er wegen dem Dorf tun konnte.
Nein, er musste nur so weit wie möglich weg, bevor es aufwachte.
—
Drei Tage später erreichte eine Legion Soldaten den Standort von Regin. Angeführt von den vier besten Magiern des Königreiches, waren die Tausend Mann vom König gesandt worden.
Doch als sie, bereit für die Schlacht, ihr Ziel erreichten, fanden sie nur eine grüne Wiese vor. Alle Karten waren sich einig, dass das Dorf hier sein sollte. Doch das Gras war hochgewachsen, als hätte es niemand in den letzten Jahren berührt. Kein Anzeichen eines alten Gebäudes, oder von einstigem Leben. Keine Spur von den gut zweihundert Bewohnern des Dorfes.
Und doch, auch wenn es keiner der Soldaten zugeben wollte, waren sie sich alle einig, dass an der Geschichte etwas Wahres war. Denn sie alle hörten, abseits von dem Schlagen ihres eigenen Herzens noch ein anderes Geräusch. Einen langsamen Rhythmus, der alles an diesem Ort zu berühren schien.
ENDE
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