7 Tage vor dem Raub
Der Regen schlug auf die Dächer der Stadt, während die Rufe der Bewohner durch die Straßen schallten. Die Kutsche des Gouverneurs fuhr über den holprigen Weg, bis sie vor der Bank anhielt. Mehrere Schaulustige drehten sich nach dem ungewöhnlichen Besuch um, aber wurden dann von dem Kutscher verscheucht.
Sarah strich sich ihre Haare aus dem Gesicht und lud in aller Ruhe ihr Gewehr. Dann blickte sie vom Dach hinunter und wartete. Sobald die Kutsche zum Stillstand kam, sprangen zuerst zwei Leibwächter in dicken, dunkelgrauen Ledermänteln und breitkrempigen Hüten raus. Sie konnte zwar nur jeweils ein kurzläufiges Gewehr auf ihren Rücken sehen, aber wahrscheinlich trugen sie auch mindestens einen Revolver.
Sie legte ihr Gewehr an und richtete es auf die Kutschentür. Gouverneur Jefferson – in einen feinen schwarzen Anzug gekleidet – trat als nächstes raus. Nicht das dunkle Grau, das auch Sarah trug, sondern pechschwarze Kleidung. Teuer, aber dafür war man vor Magie sicher.
Sie blinzelte sich das Regenwasser aus den Augen und zielte. Sie machte sich keine Sorgen, ob sie treffen würde. Nachdenklich summte sie ein altes Militärlied, während ihre Finger den Takt trommelten.
Als dann der dritte Leibwächter ausstieg, verschluckte sie sich beinahe. Er trug weiße Handschuhe. Ihr brach der Schweiß aus und ihr Atem begann, sich zu beschleunigen. Jefferson hatte einen verdammten Shen als Leibwächter? Sie hätte mehr verlangen sollen… Vielleicht war er aber auch nur ein normaler Mann? Manche trugen die Handschuhe nur zur Abschreckung, auch wenn das ebenso gefährlich werden konnte.
Sie verdrängte all ihre Bedenken und konzentrierte sich auf ihren Auftrag. Der Gouverneur marschierte selbstbewusst in Richtung der Bank, während sich seine Wächter um ihn verteilten. Sie richtete den Lauf auf seinen Kopf, atmete aus und drückte ab.
Der Kopf des Mannes platzte in einem Schwall aus Blut und er brach augenblicklich zusammen. Ohne sich einen Moment des Triumphes zu gönnen, zog sie den Bügel der Waffe nach unten, sodass eine neue Kugel geladen wurde. Dann richtete sie das Gewehr auf den Mann mit den weißen Handschuhen. Wenn sie rechtzeitig…
Der Mann hatte aber gute Reflexe und wirbelte in Sarahs Richtung herum. Er warf seinen Mantel in dem Moment über sich, als Sarah abdrückte. Die Kugel prallte am Stoff ab, aber sie schoss noch zwei weitere Kugeln, in der Hoffnung eines Glückstreffers.
Dann wirbelte sie herum, warf sich das Gewehr auf den Rücken und begann zu rennen. Göttliche Eier nochmal, es war also wirklich ein Shen. Sie würde wetten, dass sein Mantel innen grün angemalt war. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Warum musste es auch noch ein Kri’Shen sein?
Sie sprang von einem Dach zum nächsten und versuchte, möglichst viel Abstand zu bekommen. Dann schlug eine Kugel neben ihr in das Holz. Fluchend warf sie sich zur Seite, aber noch zwei weitere Schüsse knallten auf das Dach und eine Stimme rief: »Bleib stehen, wenn dein Hirn nicht von der Sonne gebraten werden soll!«
Sarah erstarrte, während ihr Herzschlag in den Ohren dröhnte. Dann drehte sie sich langsam um. Der Kri’Shen stand schweratmend auf dem anderen Dach und hielt einen Revolver in ihre Richtung.
Die Trommel sollte sechs Kugeln haben, also noch drei Schuss. Vielleicht noch eine zweite Waffe unter dem Mantel…
Langsam erhob sie sich, worauf der Mann sie anlächelte: »Wer hat dich beauftragt, Mädchen?«
Mädchen? Ich gehe auf die vierzig zu, du…
Sie verbiss sich jede Wut und klopfte betont langsam ihren Mantel ab. Dann ließ sie die Hand dort, wo ihr versteckter Revolver nur einen Griff entfernt war. Der Mann nickte derweil, als wenn er keine Antwort erwartet hätte und sagte: »Nimm langsam dein Gewehr ab und lege es zur Seite. Danach wirst du dir Handschellen anlegen.«
Langsam griff sie zu ihrem Gewehr, während sie über seine Schulter blickte. Die anderen beiden Wächter waren nicht in der Nähe, aber es war bereits seltsam, dass der Shen so schnell hatte sein können.
Vielleicht Terz-Drogen? Dann wird eine Kugel wohl nicht ausreichen.
Also zog sie ihr Gewehr vom Rücken und nutzte die Bewegung, um ihre Hand in den Mantel gleiten zu lassen. Dann streckte sie den Arm aus, während der Mann den allgemeinen Fehler beging. Er sah in Richtung ihres Gewehrs.
In ihrem Kopf spielte wieder das Marschlied und ihre Finger begannen wie von selbst, sich im Rhythmus zu bewegen. Die Bewegung hielt den Blick des Shen gefesselt, während sie ihren Revolver aus dem Halfter zog.
Kein Hinweis darauf, was von seiner Kleidung grün bemalt ist, also muss ich seinen Kopf erwischen.
In dem Moment fiel ihr eine Bewegung am Rand des anderen Hauses auf. Die anderen beiden Leibwächter zogen sich gerade auf das Dach. Dann konnte sie keine Zeit mehr verschwenden.
Sarah ließ ihr Gewehr fallen.
Natürlich starrte der Wächter auf den sich bewegenden Gegenstand und Sarah konnte ihren Revolver – noch immer unter ihrem Mantel versteckt – ausrichten. Während sie sich duckte, drückte sie sechsmal den Abzug. Die Schüsse hallten in ihren Ohren, Stofffetzen ihres Mantels flogen durch die Luft und Blut spritzte fast bis zu ihr. Der Mann schaffte es sogar, einen Schuss abzugeben, bevor er zusammenbrach, aber dieser war völlig verrissen.
Sarah machte sich nicht die Mühe die Einschusslöcher in seinem Gesicht zu zählen – es waren sechs -, sondern hob ihr Gewehr wieder vom Boden und legte an. Die anderen beiden Männer hatten sich bei den Schüssen hinter der Dachkante versteckt, also schoss sie nur zweimal in ihre Richtung, damit sie auch ja dortblieben.
Dann drehte sie sich wieder um und rannte. Die Straßen unter ihr leerten sich mittlerweile, als sich die Leute in Sicherheit bringen wollten. Sie sah mehrere bewaffnete Gestalten, die aus den Häusern kamen, während andere versuchten, ihre Pferde zu beruhigen.
Schlimm genug, dass mir der Sheriff auf den Fersen sein wird, ich kann nicht auch noch Kopfgeldjäger gebrauchen.
Also gab sie sich alle Mühe, nicht entdeckt zu werden und sprang dabei von Dach zu Dach. Sobald sich der Tumult vor allem in der Entfernung befand, lief sie zur Dachkante und suchte die Straßen ab. Es dauerte nicht lange, bis sie eine Kutsche mit einem lila Fähnchen erkannte. Sie sprang vom Dach auf einen Balkon, ächzte beim Aufprall und ließ sich dann neben den Pferden in den Dreck fallen.
Sie schlug sich ein paar Mal aufs Bein und zeigte dann der Kutscherin ihren geklauten Marschallsring: »Sie haben fünf Minuten, um mich zum Ketticviertel zu fahren.«
Acht Minuten später stieß sie die Tür zur ‚Gelben Braut‘ auf und bestellte an der Theke einen gewässerten Schnaps. Da sie ihre Auftraggeberin noch nirgendwo sehen konnte, setzte sie sich an einen abgelegenen Tisch und starrte auf ihr Glas. Dann ließ sie das kühle Nass langsam hinterlaufen. Manchmal hasste sie ihre Selbstbeherrschung.
Keiner der Anwesenden nahm sie sonderlich zur Kenntnis, was für die Fragwürdigkeit dieser Taverne sprach. Sie tastete sich kurz nach Verletzungen ab, aber abgesehen von Prellungen und einer Schürfwunde, war sie gut weggekommen.
Ich könnte fast den Eindruck bekommen, dass es einfach ist, einen Gouverneur zu töten.
Sie lächelte kurz, aber dann setzte sich jemand auf den Stuhl vor ihr. Es war ein Junge, vielleicht zwanzig. Die Art, wie er sich immer wieder am Nacken kratzte, wies ihn deutlich als Terzsüchtigen aus. Außerdem spielte er unaufhörlich mit den Knöpfen seines verdreckten Hemdes.
Nervös, aber er spricht eine Fremde an. Demnach ein Schwarzmarkthändler.
»Was willst du mir andrehen?«, fragte sie ruhig, aber ließ es möglichst genervt klingen. Sie hatte schon mehrmals ihr Essen mit guten Investitionen bezahlen können, also war sie nicht so dumm, um ihn wegzuschicken.
Der Händler blinzelte ein paar Mal, bis er lächelte – man konnte die Zähne beinahe bis zur Wurzel sehen, was ihren Verdacht mit dem Terz bestätigte – und sagte: »Terz.«
Er griff in sein Jacket und stellte ein kleines Fläschchen auf den Tisch, das mit dünnem Kraut gefüllt war. Die getrocknete Pflanze hatte immer noch eine leichte Rotfärbung.
Gut und gerne fünfzig Milligramm, scheint komplett gefüllt. Sieht auch nicht aus, als hätte er anderes dazwischen gemischt.
»Qualität?«
»Hoch.«
Nehmen wir einmal mittelmäßig an.
»Wie viel willst du?«
»Hundert.«
Fünfzig Milligramm mittelmäßiges Terz sollten mindestens hundertfünfzig wert sein. Ganz zu schweigen davon, dass ich seit Wochen keines mehr habe.
Ihre Gedanken brachen ab, als ihr eine Frau auffiel, die gerade die Taverne betrat. Sie hatte schneeweißes, langes Haar und ein hübsches rotes Kleid. Dieser eine Fleck zog zwischen den ganzen Grautönen förmlich die Blicke auf sich, aber sie schien sich nicht daran zu stören.
Die Frau ging direkt auf Sarahs Tisch zu und musterte dann das Glas nachdenklich: »Das Terz ist ausgetrocknet.«
Sarah blickte sofort zu dem Jungen, dessen Augen sich vor Schreck weitete. Dann musterte sie noch einmal das Glas und als sie sich darauf konzentrierte, erkannte sie die dünnen Risse entlang der Blätter. Also hatte er sie wirklich bescheißen wollen: »Mach, dass du wegkommst, Kleiner.«
Er packte das Glas und begann zu rennen. Sarah murmelte noch einen leisen Fluch, während sich ihre Auftraggeberin an den Tisch setzte. Die Frau griff in ihre Handtasche und ließ einen kleinen Packen über den Tisch rutschen. Sarah zählte das Geld kurz und stand auf.
»Warte kurz, ich habe noch einen Auftrag für dich.«
Sie spielte nachdenklich mit ihrem Revolver, während sie die Andere weiterreden ließ: »Gegen meinen nächsten Auftrag wird der Gouverneur wie eine Übungsrunde wirken.«
»War sie das?«, fragte Sarah leise und drehte sich zu der Frau um: »Die knappe Zeit, wenige Informationen und sofort der nächste Auftrag. Wer lässt einen Gouverneur nur zum Test töten?«
Sie überlegte kurz, ob sie so offen reden sollte, aber die andere Frau schien sich keinerlei Sorgen zu machen: »Es war nicht nur ein Test, Sarah. Ich wollte diesen Mann tot, aber es ist nicht das Ende.«
»Wie viel?«
»Hunderttausend und alles, was du während des Auftrages verdienst.«
Sarah musste sich zusammenreißen, damit ihr nicht der Kiefer runterklappte.
Hundert…tausend… Das ist mehr, als ich im ganzen ehrlich Leben verdienen könnte. Selbst für den Gouverneur gab es nur zehntausend.
Sie ließ sich in den Stuhl sinken und lachte tonlos: »Was soll ich für sie tun? Den Pfeiler töten?«
Die Frau schüttelte knapp den Kopf: »Nein, aber du sollst den König bestehlen.«
Sarah nickte langsam: »Was ist der Auftrag?«
Die Frau lächelte: »Es wird bald einen Raub geben. Du wirst voraussichtlich dafür rekrutiert werden.«
»Ich soll ihn scheitern lassen?«
»Nein, er soll gelingen. Ich brauche nur jemanden, der meine Interessen vertritt.«
»Das ist ziemlich ungenau, Miss.«
»Das ist alles, was ich dir fürs Erste sagen werde.«, kam die knappe Antwort. Sarah überlegte noch kurz, aber antwortete dann mit einem Nicken.
»Sagst du mir wenigstens, was wir stehlen werden?« »Terz, meine Liebe. Dreitausend Kilo Terz.«
Hinterlasse einen Kommentar