7 Tage vor Beginn des Raubes
Die Wüstensonne ließ die Pferde vor Schweiß triefen, als die Reiter abstiegen. Sie marschierten auf die leerstehende Kutsche zu, während einer zurückblieb um die Umgebung im Auge zu behalten.
Bern unterdrückte bei jedem Schritt den Schmerz und strich sich über die Hüfte. Er stützte sich auf seinen Gehstock, während Helen sofort zur Kutsche rannte. Mit erhobener Schrotflinte suchte sie zuerst alles nach Fallen ab, bevor sie ihm zunickte.
Bern trat an ihre Seite und rief: »Bringt die Farbe!«
Eine Frau rannte an seine Seite und zog einen Stahlkanister vom Rücken. Innerhalb von Sekunden begann sie, die gelbe Farbe mit einem Pinsel auf die Holzwände aufzutragen. Als es dick genug war, nickte Bern und legte seine Hand auf den immer noch nassen Grund. Augenblicklich spürte er, wie sich seine Sinne auf die gesamte Oberfläche übertrugen. Die Magie tief in ihm schien zu brodeln, als sie in Richtung des Gelb zerrte. Wie ein wildes Tier riss es in Richtung der Farbe. Seine Finger prickelten und er musste sich zusammenreißen, die Kraft unter Kontrolle zu halten. Dann gab er der Magie freien Lauf.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich der Boden unter seiner Hand wölbte und dann fielen die kleinen Stoffpäckchen aus der Wand. Nach etwa einer Minute war er sicher, dass die Wand leer war. Dann beugte er sich unter einem Ächzen nach unten und öffnete Eines. Ein kleiner Haufen geriebener Blätter kam zum Vorschein.
Oh, du wunderschönes Terz. Du riechst förmlich nach Geld.
Helen sammelte die Päckchen ein und warf sie in Richtung eines ihrer Leute: »Wiegt das Zeug. Wenn auch nur ein Gramm zu wenig ist, will ich das wissen.«
Dann drehte sie sich zu der Frau mit den Farbkanistern um und murmelte: »Du kannst schon einmal anfangen, neu aufzutragen.«
Die Frau nickte und begann, die Farbe mit einem Messer wieder vom Holz zu kratzen. Da sie noch nicht einmal getrocknet war, konnten sie sie mit geringerer Qualität wohl wiederverwenden. Sobald der Junge an der Waage nickte, wurde lila Farbe auf die Kutsche geschmiert und Bern zog einen Stapel Geldscheine hervor.
Wieder zog die Magie in ihm nach dem gefärbten Holz, nur dass es sich diesmal gänzlich anders anfühlte. Wie der Unterschied zwischen Hunger und dem Schmerz nach einem zu vollen Mahl. Man konnte es nicht wirklich beschreiben.
Also presste Bern das Geld gegen das Holz und das Papier versank. Er achtete darauf, dass er nicht zu tief drückte, aber auch nichts mehr hinausschaute. Danach fügte er noch einen Zettel hinzu, indem er den nächsten Abgabeort benannte und die Farbe wurde wieder abgetragen.
Helen lehnte sich neben ihm an die Kutsche und fragte: »Denkst du, wir sollten das Vorgehen ändern? Die Grenzwärter fangen langsam an, On’Shen bei den Kontrollen zu nutzen. Wenn sie den Stoff finden…«
Sie beendete den Satz nicht, aber er antwortete trotzdem: »Farbe ist zu teuer, als dass sie jede Kutsche an der Grenze anmalen könnten. Sie werden maximal ein paar Stichproben machen. Sollte keine Probleme geben.«
Helen nickte knapp und sah dann in Richtung ihrer Leute. Einer von ihnen, sein Name war Connor, grub seit ihrer Ankunft mit ein paar anderen einen Graben. Bern beugte sich zu ihr hinüber: »Haben sie schon erraten, wofür sie graben?«
Helen schüttelte mit ernstem Blick den Kopf: »Sie denken, da unten ist irgendetwas. Halten sich wohl für Schatzsucher.«
Bern nickte und humpelte in Richtung der Gruppe. Connor ließ den Spaten sinken und sagte: »Keine Ahnung, wie weit wir noch graben sollen, Boss. Da ist nichts.«
Bern nickte und zog seine Revolver aus dem Hüfthalfter. Connor konnte nur überrascht aufblicken, bevor er ihm ins Bein schoss. Mit einem Schrei brach der Mann zusammen und die anderen sprangen zur Seite. Ehe sie es groß verarbeiten konnten, schnippte Helen und befahl zwei der Frauen: »Packt ihn!«
Sie zuckten kurz zusammen, aber rissen den Mann dann an den Armen nach oben, bis er einigermaßen stand. Dann ging Helen zu ihm und begann, auf ihn einzuschlagen. Ihr muskelbepackter Körper und ihre präzisen Treffer erzeugten im Zusammenspiel eine gute Menge aus Schmerz, ohne dass er das Bewusstsein verlor. Sie hörte auf, als Connor nur noch am Wimmern war und dann trat Bern auf ihn zu. Er packte sein Kinn und blickte ihm fest in die Augen: »Dieses Grab? Das ist deins! Du weißt sicher am besten, dass es tief genug ist. Die Frage ist nur, wie viel von dir im Grab landet.«
»Boss… ich bitte dich! Ich verstehe nicht…«
»Hast du Helen schon einmal in Aktion gesehen? Irgendeine Kri’Shen? Ziemlich abartiger Anblick…«
»Bitte… ich weiß nicht, was du von mir willst!«
Bern nickte knapp: »Natürlich, wie gedankenlos von mir. Ich will wissen, an wen du mich verraten hast.«
»Das habe ich ni…«
»Nein, nein… Du hängst hinterher. Ich weiß bereits, dass du mich verraten hast. Jetzt will ich nur wissen, an wen!«
»Bitte nicht…«
»Helen!«
Sie trat mit verkrampftem Gesicht nach vorne und berührte Connor am Arm. Während der Mann schrie, bildeten sich Risse an seinem Arm, Blut begann zu spritzen und dann fielen ein Haufen Knochen, Hautfetzen und Muskeln auf den Boden. Dann begann Connor erst so richtig zu schreien. Helen wandte den Blick ab.
Einer ihrer Leute klemmte schnell den Armstumpf ab und Bern schlug ihm noch einmal ins Gesicht: »Also? An wen?«
Connor blinzelte – er war nahe der Ohnmacht – und flüsterte dann: »Es war ein Marschall… Er traf mich in Sinclair. Wollte wissen, wie die Tekkis ihre Ware über die Grenze bringen.«
Scheint die Wahrheit zu sagen. Könnte wahrscheinlich nicht genug Kraft aufbringen, um sich eine Lüge auszudenken.
»Hast du einen Namen für mich?«
Er holte einmal rasselnd Luft und dann tropfte Blut von seiner Lippe. Schlussendlich schüttelte er den Kopf. Bern nickte knapp und drückte ihm den Revolver an die Stirn.
Der Schuss schallte über die Ebene und der Verräter fiel in die Grube.
Sinclair war eine der größten Städte in der weißen Steppe. Manche sagten, dass sie im Vergleich zu den entfernten Städten viel kleiner war, aber wer sollte das schon wissen. Es war Jahre her, seit jemand die Steppe verlassen hatte.
Aus Berns Perspektive war Sinclair aber eine gigantische Stadt, mit mehreren Kirchen und Vierteln, die jeweils von eigenen Bürgermeistern regiert wurden. Viel wichtiger war aber, dass es sowohl der Stützpunkt des Königs, als auch des Pfeilers war und damit der Mittelpunkt des Landes.
Bern und seine Leute ignorierten diesen ganzen Prunk und ritten direkt in Richtung Slums. Wie immer wurden sie von den Gendarmen ignoriert, die von Bern bezahlt wurden und konnten so problemlos ihr Heim erreichen. Das Holzhaus war größer, als die meisten anderen in der Umgebung, was daran lag, dass ein Bordell und eine kleines Kasino mit eingebaut waren.
Sie wurden von EnChalice, dem Verwalter, begrüßt. Er fragte nicht, warum ihnen einer fehlte, sondern bot ihnen gleich den guten Wein an. Bern und Helen folgten ihm dann ins Geschäftszimmer, wo sie das Terz auf dem Tisch ausbreiteten.
»Ein Kilo Gepresstes.«, sagte Bern: »Lege ein Zehntel zurück und bring den Rest unter die Leute.«
EnChalice nickte wortlos und sammelte die Drogen ein. Als nächstes reichte er Bern die Geschäftsbücher: »Haben gute Einnahmen gemacht, Boss. Auch wenn die verdammten Gen unsere Huren ständig bei der Arbeit stören.«
»Die Untersuchungen werden häufiger?«
»Ja… sie vermuten wohl, dass wir im Terzhandel sind.«
Bern massierte sich stöhnend die Stirn, aber nickte dann.
Wir werden es irgendwie schaffen. Das Geschäft befindet sich im ständigen Wandel und wir werden uns irgendwie über Wasser halten.
»Da ist noch etwas.«, sagte Helen auf einmal und blickte Chalice nachdenklich an. Bern rügte sich innerlich, dass ihm der Blick nicht vorher aufgefallen war, aber ließ sich nichts anmerken.
»Ja, gut erkannt, Maki. Wir haben Besuch von einer Frau bekommen. Sie scheint euch anheuern zu wollen.«
Er runzelte bei den Worten die Stirn, aber fragte dann: »Wo ist sie?«
»Im ‚Goldenen Schleier‘. Sie zahlt gut…«
Nachdem er sich kurz erfrischt hatte, ging Bern gemeinsam mit Helen in das angrenzende Bordell. Die tanzenden Frauen begannen sofort, ihn anzulächeln und manche gingen sogar so weit, sich an ihn ranzumachen. Helen grinste ihn an, worauf er die Huren wütend wegschickte.
Denken die wirklich, ich würde mich so leicht verführen lassen? Wie sollte ich diesen Laden leiten, wenn mich ein paar schöne Augen aus der Reserve locken? Andererseits leitet EnChalice wohl eher den Laden.
Sobald sie durch den Tumult waren, betraten sie eines der Privatzimmer. Auf einem der Betten lagen zwei nackte Frauen, die miteinander rummachten, während eine Dritte es sich auf einem Sessel gemütlich gemacht hatte und zusah. Bern trat zu ihr und murmelte: »Es würde sie das Gleiche kosten, wenn sie mitmachen würden. Die meisten würden das bevorzugen.«
Die Frau lächelte: »Die Meisten sind nicht geschäftlich hier. Es kommt immer auf den ersten Eindruck an, Bern. Euer erster Eindruck soll nicht mein nackter Arsch sein.«
Bern schnippte kurz mit den Fingern und die beiden Huren verschwanden. Dann zog er sich einen Stuhl heraus, wohingegen sich Helen hinter die Frau stellte.
»Wie kann ich ihnen helfen, Miss…«
»Hoggs. Mia Hoggs. Ich will sie rekrutieren, Mister Fain.«
»Keine Ahnung, was sie gehört haben, Miss Hoggs, aber ich bin mittlerweile selbstständig. Ich führe meine Geschäfte und nehme keine Aufträge an.«
Mia lächelte: »Das ist mir sehr wohl bewusst. Allerdings ist mein Angebot gut genug, dass sie aus dem Ruhestand kommen werden.«
»Wieviel auch immer sie mir bieten…«
»Ich biete ihnen kein Geld, Mister Fain. Einen Anteil am Gewinn.«
Bern lehnte sich nachdenklich zurück und fragte dann ruhig: »Was ist das für ein Auftrag? So konkret, wie möglich.«
Die Frau grinste: »Woher kommt Terz, Mister Fain?«
»Was?«
»Terz? Wo kommt es her?«
»Das… weiß niemand. Der König lässt es mit dem Zug von der Grenze aus anfahren. Niemand ist seit Jahrzehnten dadurch gegangen. Woher sollen wir es wissen?«
Mia nickte zustimmend: »Terz ist die einzige Substanz auf der Welt, die einem einfachen Menschen ausreichend Kräfte gibt, um es mit einem Shen aufzunehmen. Die leistungsverstärkende Wirkung ist quasi die Grundlage der gesamten Armee. Da Terz weitaus seltener als Farbe ist, ist es die wertvollste Substanz dieser Welt. Aber es kommt nur einmal im Jahr durch einen einzigen Ort. Was denkt ihr, wie viel Terz sich in diesem Zug befindet?«
»Verdammt viel.«, riet er, ohne groß darüber nachzudenken: »Es wird gepresst sein, aber wenn man es auseinandernimmt und auflöst… Tausend Kilo?«
»Über Dreitausend.«
Drei… von diesem Geld kann man eine ganze Stadt kaufen. Mindestens!
»Und sie wollen einen Teil der Lieferung abzweigen?«
»Ich will die ganze verdammte Lieferung!«, widersprach Mina grinsend: »Und ich will sie für diese Aufgabe.«
Den König selbst bestehlen. Danach wäre die halbe Welt und der Pfeiler selbst hinter uns her. Das wäre es dann mit unserem ruhigen Leben. Aber wir hätten mehr Geld, als wir uns jemals erträumt hatten. Und dann wäre egal, aus welchem Loch wir gekrochen sind. Uns würde die ganze Welt gehören. Gott… gib mir die Kraft, dieser Versuchung zu widerstehen.
»Wie groß wäre mein Anteil?«, fragte er leise und bemerkte, dass Helen bei diesen Worten das Gesicht verzog. Vielleicht hätte er es absprechen müssen, aber das war seine Entscheidung. Er war immerhin ihr Anführer. Sie musste ihre eigene treffen.
Mia nickte zufrieden: »Ein Drittel des Terz. Bevor ihr auch nur darüber nachdenkt, mich zu betrügen… Ihr wollt mich nicht als Feindin, Fain. Fragt nach meinem Namen, dann wisst ihr, warum.«
»Ich habe noch nicht zugestimmt.«, murmelte er ruhig: »Jedes Jahr fahren hunderte Züge mit verschiedenster Ladung und es ist nie bekannt, wann die neue Terzlieferung kommt. Selbst die anderen Transporte – mit Farbe und Lebensmitteln – werden bereits außerordentlich bewacht. Wir reden hier von einer kleinen Armee und mehreren Shen.«
Ohne ihn noch einmal anzusehen, stand sie auf und marschierte zur Tür: »Ihre Aufgabe ist es, das Terz zu besorgen. Wir werden noch einmal Kontakt aufnehmen und dann gebe ich ihnen die Informationen zum Zug. Aber von da an sind sie auf sich gestellt. Besorgen sie sich gute Leute und machen sie einen Plan. Ich stelle die nötigen Informationen.« Mit diesen Worten schloss sich die Tür hinter ihr und Bern ließ sich in den Stuhl sinken. Er hoffte, dass Helen das Glitzern in seinen Augen nicht bemerkte.
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