Der Farbraub: Kapitel 3

6 Tage vor Beginn des Raubes

Wenn man in Sinclair einen Verbrecher anheuern wollte, gab es zwei Möglichkeiten. Zum einen konnte man durch Straßen und Tavernen laufen und hoffen, dass jemand betrunken genug war, um über seine Arbeit zu reden. Zum anderen brauchte man Kontakte. Wenn man seine Fähigkeiten bei illegalen Aktivitäten verdingen wollte, musste man sich erst einmal einen Namen aufbauen, damit die Leute auf einen aufmerksam wurden – quasi die erste Variante. Wenn man dann ein paar Aufträge erledigt hatte, wird man weiterempfohlen – dann hatte man es zur Zweiten geschafft.

Als Sarah aus dem Gefängnis gekommen war, hatte sie von all dem nur eine sehr entfernte Ahnung gehabt. Ihr war vor allem klar gewesen, dass sie von der Regierung nicht mehr beschäftigt werden würde und sie wollte sich nicht mit Gelegenheitsjobs rumschlagen. Also war sie in eine der Tavernen gelaufen, die für ihre fragwürdige Kundschaft bekannt war, und hatte eine Schlägerei angefangen. Als sie genug Leuten die Schädel eingeschlagen und ein wenig mit ihrer Zielsicherheit geprotzt hatte, musste sie sich nur jeden Tag an die Bar setzen und schon kamen die Aufträge.

Als sie nun sieben Jahre später in der ‚Gelben Braut‘ saß, wurde sie von allen Anderen mit einem grundlegenden Respekt behandelt. Die Art von Respekt, die man sich verdienen musste.

Sie war überrascht, als sich die Vorhersage dieser Frau als korrekt herausstellte. Der Mann, der sich neben sie setzte, hinkte und nutzte einen teuer aussehenden Gehstock aus weißem Holz.

Ich kenn mich zwar nicht so gut mit Shen aus, aber das wirkt wie eine interessante Waffe. Ob er seine Magie wohl durch den gesamten Stock leiten kann?

Der Mann hatte einen kurzen schwarzen Bart und Stoppelhaare, wobei er sich in einen schwarzen Mantel geworfen hatte und auch einen breitkrempigen Hut in der gleichen Farbe trug. Am auffälligsten war aber, dass er schwarze Handschuhe trug, als wenn der Gehstock kein Beweis für seine Magie wäre. Er machte sich nicht die Mühe zu lächeln, sondern kam gleich zur Sache: »Sarah EnMelrow?«

Sie blinzelte überrascht, als sie ihren vollen Namen hörte, aber nickte dann: »Und sie?«

»Bern Fain. Ich möchte sie rekrutieren.«

Diese Tusse hatte wirklich recht? Beeindruckend…

»Ich bin teuer, Mister Fain. Aber ich bin mein Geld auch wert.«

Fain lächelte: »Ich plane einen Raub und sie würden einen Anteil am Gewinn erhalten.«

»Wie viel?«

»Sie und drei Andere bekommen jeweils ein Achtel der Beute. Ich nehme die Hälfte.«

Nicht ungewöhnlich, aber man kann nicht abschätzen, ob es sich lohnt. Nicht, dass es bei hunderttausend zusätzlich sonderlich wichtig ist.

Sie lehnte sich zurück und versuchte, möglichst zwiespältig auszusehen: »Von wie viel sprechen wir hier?«

»Etwas… über hunderttausend.«

Sie pfiff beeindruckt, aber flüsterte dann: »Was ist der Auftrag? Den Pfeiler töten?«

»Nein, aber er könnte ihnen hinterher am Arsch hängen.«

Sie kratzte sich nachdenklich an der Nase: »Und das sagt ihr mir alles einfach so?«

»Sie haben einen guten Ruf, Miss EnMelrow. Das haben Leute gesagt, denen ich vertraue. Außerdem ist ihre Geschichte verdammt intere…«

»Schon verstanden.«, unterbrach sie ihn: »Von wem haben sie meinen Namen?«

»Nesselchen… sie hat in den höchsten Tönen von euch gesprochen.«

Sie nickte zufrieden: »Nennen sie mich interessiert.«

»Kommen sie morgen früh zum ‚Goldenen Schleier‘. Man wird sie zu mir bringen.«, antwortete er.

»‚Der ‚Goldene Schleier‘… Bern Fain! Ich dachte mir doch, dass mir ihr Name bekannt vorkommt.«, flüsterte sie leise. Der Verbrecherboss nickte nur knapp und stand auf. Bevor er aber ging, drehte er sich noch einmal zu ihr um.

»Ich hätte noch eine Frage, Miss EnMelrow. Ich habe mir erlaubt, ihre Akte anzusehen und sie wurden aus der Armee entlassen. Angeblich, weil sie einen anderen Soldaten getötet haben.«

Bei den Worten erstarrte sie und ihre Hand wanderte in Richtung ihrer Waffen. Bern ließ sich allerdings nichts anmerken und musterte sie nur aufmerksam. Sie schnalzte mit der Zunge: »Was ist eure Frage?«

»Warum haben sie ihn umgebracht? Normalerweise wären sie dafür hingerichtet worden, aber man hat sie nur rausgeworfen.«

»Und ausgepeitscht.«

»Ja, nur dreißig Schläge.«

Sie erwiderte seinen Blick ruhig, bis sie einmal tief durchatmete: »Es sollte eigentlich in meiner Akte stehen. Ich habe versucht, etwas zu stehlen.«

»Oh, dass habe ich gelesen. Allerdings passt die Strafe nicht ganz dazu. Die Peitschenhiebe, ja, das klingt nach dem Schwachsinn der Armee. Aber nicht einmal der größte Idiot hätte sie danach unehrenhaft entlassen. Wenn das rauskäme… Sie versetzt? Bestimmt! Sie degradiert, oder in den Zivilbereich gebracht? Ergibt auch Sinn. Aber warum hat man sie herausgeworfen?«

»Der Soldat war der Lustknabe eines hohen Tiers.«, log sie leise: »Allerdings verstehe ich nicht, inwiefern das alles wichtig ist.«

Reicht dir das? Nach zehn Jahren kann das niemand mehr nachprüfen, also bist du in einer Scheiß Sackgasse. Lass mich jetzt gefälligst in Ruhe!

Ihr war natürlich bewusst, dass ihre Lügen absolut nichts brachten. Eigentlich wäre es für sie sogar besser, wenn sie ihm die Wahrheit gesagt hätte.

Aber ich will noch einmal den Mann finden, der mich dazu bringen kann, über Dinge zu reden, wenn ich es nicht will.

»Das ist es nicht.«, antwortete Fain lächelnd: »Nur persönliche Neugier. Noch einen schönen Tag, Miss EnMelrow.«

Sie starrte ihm noch eine Weile hinterher und leerte ein weiteres Glas. Kopfschüttelnd stand sie auf und ging zu ihrem gemieteten Zimmer. Sarah ließ sich in den Sessel fallen und kontrollierte erst noch einmal ihre Waffen. Damals in der Armee, war es ihnen so oft eingebläut wurden, bis sie es noch im Halbschlaf taten.

Aufstehen, Ausrüstung prüfen, Waschen, Essen… Jeden verdammten Tag.

Bei dem Gedanken begannen die Narben auf ihrem Rücken wieder zu jucken und sie holte sich noch einen Drink von unten. Die Frage dieses Bastards hatte unangenehme Erinnerungen geweckt. Zitternd lehnte sie sich zurück und starrte aus dem Fenster.

Das muss endlich aufhören… Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat dasselbe. Nur irgendwie am Leben bleiben, gerade so die Schulden geringhalten. Wo soll das alles hinführen? Aber mit zweihunderttausend… Ich wäre reich. Ich könnte gehen, wohin ich will. So leben, wie ich es immer wollte. Und niemand wird mich diesmal aufhalten können. Mit soviel Geld könnte ich auch endlich diesem Monster entkommen. Sie spürte das Grinsen auf ihrem Gesicht kaum, als sie aufstand und sich nachgoss. Ihr Verstand sagte, dass sie schon wieder zu weit ging, aber sie ertränkte ihn mit einem einzigen Schluck. Vielleicht könnte sie diese Nacht auch einmal feiern.

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