Der Farbraub: Kapitel 4

5 Tage vor Beginn des Raubes

Jeffrey Jefferson war unglaublich. Er sah gut aus, war reich, der schnellste Duellant und außerdem von Gott gesegnet. Er hatte alles, was er sich wünschen würde, abgesehen von einer Sache. Eine Familie.

Bis Gestern hatte er noch einen Vater gehabt, aber irgendein Stück Scheiße hatte ihm eine Kugel in den Kopf geblasen. Und das war dann der Beginn seines Reichtums. Und der Beginn seiner Langeweile, da er jetzt so ziemlich alles tun konnte, was er wollte.

Jeff atmete tief ein, während er auf seinen Balkon trat und den Dienern mitteilte, dass sie auf seine Anwesenheit verzichten müssten. Dann ließ er seine beiden Revolver noch einmal um seine Finger kreisen und stieß sie in die Halfter. Zuletzt warf er sich seinen Mantel – reines schwarz, also verdammt teuer – um die Schulter und band die langen Haare in einem Zopf zurück. Zuletzt streifte er seine weißen Handschuhe über. Dann sprang er vom Balkon.

Die Luft krachte in ihn, während er die hundert Meter an seiner Villa hinabfiel. Er konzentrierte sich auf die Wand, wo er die Sprungplattform fand. Sie bestand aus einem blauen Kreis, der noch einmal großflächig von einem orangenen Kreis eingeschlossen war. Natürlich hatte Jeffrey seinen Fall perfekt begonnen, sodass er genau an diesem Kreis vorbeifiel. Sobald er in die Nähe der Farbe kam, begann sich die Magie in ihm – durch die weißen Handschuhe verstärkt – nach dem Orange auszustrecken. Also ließ er sie durch seine Hände frei und sein Flug änderte augenblicklich die Richtung. Er wurde in Richtung der Wand gezogen, bis er mit seinen Händen festklebte. Dort hing er ein paar Sekunden, bevor er seine Magie zurückzog und zum blauen Kreis hinunterfiel. Wieder brodelte die Magie in ihm, aber als er sie diesmal aus seinen Händen fließen ließ, katapultierte sie ihn weg von dem Sprungkreis.

Seine Ohren wurden von einem Rauschen erfüllt, er musste seine Augen zukneifen und die Villa blieb hinter ihm zurück. Er glitt über die Stadt, ein Held des Himmels.

Während sich sein Sprung langsam in einen Sturz verwandelte, drehte er sich und blickte auf den Sprungkreis, der auf eine Kirche gemalt worden war. Es hatte lange gedauert, bis man den Re’Shen gestattet hatte, überall in der Stadt diese Zeichnungen anzubringen, aber nun konnten sie quasi die ganze Stadt innerhalb von wenigen Minuten überqueren. Er runzelte genervt die Stirn, als er eine andere Frau sah, die durch die Lüfte flog. Das war sein Reich! Schlussendlich fand er aber die Großmütigkeit in sich, sie gewähren zu lassen.

Er erreichte den Ball innerhalb von drei Minuten. Da es allgemein als unhöflich angesehen wurde, mit Magie anzukommen, nutzte er bei seinem letzten Sprung ein bisschen mehr Kraft. Er zielte natürlich perfekt und flog direkt durch die offenstehende Balkontür. Er hörte überraschte Schreie, aber streckte grinsend die Hände raus, stieß mit seiner Magie gegen einen riesigen Muskelberg und kam so in der Mitte der Tanzfläche zum Stehen.

Er gab den anderen Gästen ein paar Sekunden Zeit, um ihn zu bewundern, bevor er seinen Mantel an den nächststehenden Diener gab und sein Jackett gerade zog. Sobald er sich ein Glas Wein geschnappt hatte, trat er zu einer Gruppe von jungen Leuten – jeder von ihnen ein wenig ärmer als er – und sagte: »Verzeiht meine Verspätung, Freunde. Ist schon etwas Interessantes passiert?«

Eine Frau gluckste bei seinen Worten: »Du hast wirklich ein Händchen für Auftritte, Jeffrey. Noch nichts wirklich spannendes, aber Lord Briston ist heute mit Lady Dallis aufgetaucht, also…«

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Jeff nur noch mit einem halben Ohr zuhörte. Für jeden anderen wären diese politischen Intrigen und Gerüchte sicher faszinierend gewesen, aber er war niemand, der sich mit so etwas abgeben musste. Der Abend zog sich eine Weile hin, er tanzte mit ein paar Leuten, die ihm ihr Beileid aussprachen. Er hatte noch nie verstanden, warum man ihn bemitleidete und nicht seinen Vater. Ihm ging es sicher noch schlechter.

Nach bestimmt zwei Stunden fiel es dann aber auch ihm schwer, seine Langeweile zu unterdrücken, also begann er seinen Mantel zu suchen.

Vielleicht kann ich heute Abend noch einmal im Schleier vorbeischauen. Hatte Bern nicht erwähnt…

Seine Gedanken brachen ab, als es auf einmal still wurde. Jeder Anwesende hatte sich von ihm weggedreht und starrte auf den Haupteingang. Verwirrt drängte er sich durch die Menge, um zu sehen, was den Aufruhr verursacht hatte. Dann erstarrte er.

Im Eingang stand ein Mann. Ein Mann, der sich völlig in Weiß gekleidet hatte.

Niemand, außer einem Mann trug weiß. Es war Wahnsinn, da man sich damit angreifbar gegenüber Shen machte. Schwarze Kleidung machte es unmöglich, dass jemand Magie auf einen wirken konnte. Grau – weitaus billiger – gab wenigstens keine Nachteile. Aber weiß leitete Magie. Shen mussten eigentlich die Dinge berühren, um Magie anzuwenden, aber mit weißen Handschuhen konnten sie es auf einem halben Meter Entfernung. Wenn das Ziel aber auch weiß trug…

Es ist blanker Selbstmord. Niemand ist so verrückt. Niemand, außer einem Mann… Und der weiß, dass sich niemand trauen würde, ihn anzugreifen.

Er hatte den Pfeiler Gottes bisher nur wenige Male gesehen, das letzte Mal vor beinahe fünf Jahren. Und ein fünfzehnjähriger Junge konnte noch nicht wirklich begreifen, was er vor seinen Augen hatte. Anders als Jeff jetzt…

Der Pfeiler Gottes… Als das perfekte Wesen erschaffen. Göttliche Eier, ich werde noch religiös.

Der Pfeiler war wunderschön. Er hatte dunkle Haut, war glattrasiert und seine Augen waren dunkelstes Grün. Seine Züge waren ausgeprägt, man konnte die Muskeln unter seiner Kleidung erahnen und alles an ihm strahlte Würde aus. Jeff musste sich dazu zwingen, nach Luft zu schnappen, während dieser Mann durch den Ballsaal trat.

Er wurde von einer Welle aus Verbeugungen und Knicksen begleitet. Die Menge spaltete sich vor ihm und gerade, als Jeff ebenfalls zur Seite treten wollte, blieb der Mann vor ihm stehen. Er war viel zu lange von diesen intelligenten Augen gefesselt, dann sprach der Pfeiler: »Mister Jefferson, mein Beileid für euren Verlust. Euer Vater war ein beeindruckender Mann und ich habe sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet.«

Seine Stimme war tief und beinahe einschläfernd, er hätte ihr stundenlang zuhören können. Jeff räusperte sich und unterdrückte den Drang, einen Witz zu reisen.

Nicht in diesem Moment. Nicht vor ihm! Gott, ich könnte ihn hier und jetzt töten.

Seine Magie riss nach dem Körper vor ihm. Niemand wusste, warum der menschliche Körper von allen drei Shen-Arten beeinflusst werden konnte. Aber auch nur auf eine Weise. Die Magie in Jeff zerrte danach, diesen Mann wegzustoßen, aber so dumm war er nicht. Er hatte eine gute Idee davon, was der Pfeiler mit ihm tun könnte.

Jeff beschränkte sich auf eine dankbare Floskel und verneigte sich noch einmal vor ihm. Der Pfeiler nickte zufrieden und sagte dann etwas lauter: »Verzeiht die Ablenkung. Macht weiter wie vorher!«

Nach kurzem Zögern spielte die Musik wieder auf und die ersten Pärchen widmeten sich erneut dem Tanz. Jeff konnte derweil den Blick nicht von seinem Gegenüber nehmen.

Ein Wunder, wenn sich heute Abend auch nur einer an meinen Auftritt erinnern wird. Nein, sie werden alle über den Pfeiler reden und ich kann es ihnen nicht einmal verübeln.

»Pfeiler.«, sagte er schnell, bevor sich der Mann umdrehen konnte: »Würdet ihr mir den ersten Tanz gestatten?«

Der Mann hob eine seiner perfekt geformten Augenbrauen, aber nickte dann. Die meisten Männer würden aus Angst vor Gerüchten niemals mit einem anderen Mann tanzen, aber darüber brauchte sich der Auserwählte Gottes wohl keine Gedanken machen.

Die Leute machten ihnen Platz und dann begannen sie sich umeinander zu drehen. Natürlich war der Pfeiler ein perfekter Tänzer, aber Jeff konnte gut mithalten. Und dass, obwohl seine Gedanken kaum bei der Sache waren. Zum einen musste er sich bei dieser Nähe erst recht bemühen, seine Magie zurückzuhalten und dann musste er versuchen, sich nicht in diesen Mann zu verlieben.

Seine Bewegungen, sein selbstbewusstes Lächeln und sein verdammter Blick… wie kann alles an einem Menschen so perfekt sein? Kein Wunder, dass er ein Dutzend Königreiche stürzen konnte.

Jeffrey schüttelte nervös den Blick und löste sich dann mit einer Verbeugung von dem Mann: »Ich danke euch, Pfeiler.«

»Euer Vater war ein guter Mann, Mister Jefferson. Wenn ich euch einen Gefallen tun kann, müsst ihr es nur sagen.«

»Ihr könntet mich zu einem Essen einladen.«, schlug Jeff vor, ehe er seinen Mund unter Kontrolle bringen konnte. Für einen langen Moment starrten sie einander an. Jeff spürte, wie sein Gesicht wärmer wurde und dann brach die Maske des Pfeilers. Für einen Moment verschwand die Höflichkeit und seine Augen blickten auf ihn hinab.

Es war ein Blick, wie man ihn einem Haustier zuwerfen würde. Vielleicht auch einem aufdringlichen Kind, oder einem Diener, der seinen Platz nicht kannte.

Wie kann er mich so ansehen? Mich? Ich bin… großartig…

Jeff drehte sich um und stürmte durch den Tanzsaal. Durch seine Handschuhe konnte er alle Nahestehenden spüren und stieß sie leicht zur Seite. Er hörte Flüche hinter sich, während die Umstehenden ins Taumeln gerieten, aber er sprang kurzerhand vom Balkon.

Er fiel nur wenige Meter, bevor er einen blau angemalten Kieselstein fallen ließ und die Hand nach ihm ausstreckte. Der kleine Schub nach oben dämpfte seinen Fall ab, sodass er sanft auf der Straße niederging.

»Das ist das Schöne an dir, Jeff. Man weiß, dass du es nie lange auf einem Ball aushältst.«

Er wirbelte herum und hatte den Revolver gezogen, ehe er die Worte völlig wahrgenommen hatte. Sein Blick richtete sich auf eine großgewachsene Frau – gut über zwei Meter – die nur so mit Muskeln bepackt war. Sie hatte ihre schulterlangen, roten Haare zu einem Dutzend kleiner Zöpfe zusammengebunden und trug eine graue Uniform, von der aber alle Zugehörigkeitssymbole entfernt worden waren.

»Was machst du hier, Hel?«, fragte er verwirrt, aber schlug in ihre ausgestreckte Hand ein. In dem Moment, als sich ihre weißen Handschuhe berührten, konnte er ihren gesamten Arm spüren und seine Magie zerrte danach. Seufzend ließ er los und zog seine Handschuhe aus.

Helena Maki tat es ihm gleich und antwortete: »Bern hat mich geschickt. Er stellt eine Truppe für ein verdammt großes Ding zusammen.«

Bei den Worte runzelte er die Stirn: »Und du machst mit? Was ist mit deinem Ausstieg?«

Ihr Gesicht entgleiste für einen Moment und Jeff seufzte: »Du hast immer noch nicht mit ihm darüber geredet?«

»Es gab noch nicht den richtigen Zeitpunkt.«

»Verdammt, Hel, du machst dich kaputt. Dieses Leben macht dich kaputt.«

Natürlich wusste sie das alles und deswegen verwunderte es ihn auch nicht, als er Scham in ihrem Gesicht entdeckte: »Das wird groß, Jeff. Er braucht mich.«

»Du schuldest Bern einen Scheiß.«

Sie glaubte ihm nicht, aber es war eindeutig, dass sie nicht weiter darüber reden wollte. Also seufzte er leise und fragte: »Wie groß?«

»Der größte Raub der Geschichte.« Jeff lächelte bei diesen Worten: »Ich bin ganz Ohr.«

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