Autor: Nico Wendland

  • Der Farbraub: Kapitel 4

    5 Tage vor Beginn des Raubes

    Jeffrey Jefferson war unglaublich. Er sah gut aus, war reich, der schnellste Duellant und außerdem von Gott gesegnet. Er hatte alles, was er sich wünschen würde, abgesehen von einer Sache. Eine Familie.

    Bis Gestern hatte er noch einen Vater gehabt, aber irgendein Stück Scheiße hatte ihm eine Kugel in den Kopf geblasen. Und das war dann der Beginn seines Reichtums. Und der Beginn seiner Langeweile, da er jetzt so ziemlich alles tun konnte, was er wollte.

    Jeff atmete tief ein, während er auf seinen Balkon trat und den Dienern mitteilte, dass sie auf seine Anwesenheit verzichten müssten. Dann ließ er seine beiden Revolver noch einmal um seine Finger kreisen und stieß sie in die Halfter. Zuletzt warf er sich seinen Mantel – reines schwarz, also verdammt teuer – um die Schulter und band die langen Haare in einem Zopf zurück. Zuletzt streifte er seine weißen Handschuhe über. Dann sprang er vom Balkon.

    Die Luft krachte in ihn, während er die hundert Meter an seiner Villa hinabfiel. Er konzentrierte sich auf die Wand, wo er die Sprungplattform fand. Sie bestand aus einem blauen Kreis, der noch einmal großflächig von einem orangenen Kreis eingeschlossen war. Natürlich hatte Jeffrey seinen Fall perfekt begonnen, sodass er genau an diesem Kreis vorbeifiel. Sobald er in die Nähe der Farbe kam, begann sich die Magie in ihm – durch die weißen Handschuhe verstärkt – nach dem Orange auszustrecken. Also ließ er sie durch seine Hände frei und sein Flug änderte augenblicklich die Richtung. Er wurde in Richtung der Wand gezogen, bis er mit seinen Händen festklebte. Dort hing er ein paar Sekunden, bevor er seine Magie zurückzog und zum blauen Kreis hinunterfiel. Wieder brodelte die Magie in ihm, aber als er sie diesmal aus seinen Händen fließen ließ, katapultierte sie ihn weg von dem Sprungkreis.

    Seine Ohren wurden von einem Rauschen erfüllt, er musste seine Augen zukneifen und die Villa blieb hinter ihm zurück. Er glitt über die Stadt, ein Held des Himmels.

    Während sich sein Sprung langsam in einen Sturz verwandelte, drehte er sich und blickte auf den Sprungkreis, der auf eine Kirche gemalt worden war. Es hatte lange gedauert, bis man den Re’Shen gestattet hatte, überall in der Stadt diese Zeichnungen anzubringen, aber nun konnten sie quasi die ganze Stadt innerhalb von wenigen Minuten überqueren. Er runzelte genervt die Stirn, als er eine andere Frau sah, die durch die Lüfte flog. Das war sein Reich! Schlussendlich fand er aber die Großmütigkeit in sich, sie gewähren zu lassen.

    Er erreichte den Ball innerhalb von drei Minuten. Da es allgemein als unhöflich angesehen wurde, mit Magie anzukommen, nutzte er bei seinem letzten Sprung ein bisschen mehr Kraft. Er zielte natürlich perfekt und flog direkt durch die offenstehende Balkontür. Er hörte überraschte Schreie, aber streckte grinsend die Hände raus, stieß mit seiner Magie gegen einen riesigen Muskelberg und kam so in der Mitte der Tanzfläche zum Stehen.

    Er gab den anderen Gästen ein paar Sekunden Zeit, um ihn zu bewundern, bevor er seinen Mantel an den nächststehenden Diener gab und sein Jackett gerade zog. Sobald er sich ein Glas Wein geschnappt hatte, trat er zu einer Gruppe von jungen Leuten – jeder von ihnen ein wenig ärmer als er – und sagte: »Verzeiht meine Verspätung, Freunde. Ist schon etwas Interessantes passiert?«

    Eine Frau gluckste bei seinen Worten: »Du hast wirklich ein Händchen für Auftritte, Jeffrey. Noch nichts wirklich spannendes, aber Lord Briston ist heute mit Lady Dallis aufgetaucht, also…«

    Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Jeff nur noch mit einem halben Ohr zuhörte. Für jeden anderen wären diese politischen Intrigen und Gerüchte sicher faszinierend gewesen, aber er war niemand, der sich mit so etwas abgeben musste. Der Abend zog sich eine Weile hin, er tanzte mit ein paar Leuten, die ihm ihr Beileid aussprachen. Er hatte noch nie verstanden, warum man ihn bemitleidete und nicht seinen Vater. Ihm ging es sicher noch schlechter.

    Nach bestimmt zwei Stunden fiel es dann aber auch ihm schwer, seine Langeweile zu unterdrücken, also begann er seinen Mantel zu suchen.

    Vielleicht kann ich heute Abend noch einmal im Schleier vorbeischauen. Hatte Bern nicht erwähnt…

    Seine Gedanken brachen ab, als es auf einmal still wurde. Jeder Anwesende hatte sich von ihm weggedreht und starrte auf den Haupteingang. Verwirrt drängte er sich durch die Menge, um zu sehen, was den Aufruhr verursacht hatte. Dann erstarrte er.

    Im Eingang stand ein Mann. Ein Mann, der sich völlig in Weiß gekleidet hatte.

    Niemand, außer einem Mann trug weiß. Es war Wahnsinn, da man sich damit angreifbar gegenüber Shen machte. Schwarze Kleidung machte es unmöglich, dass jemand Magie auf einen wirken konnte. Grau – weitaus billiger – gab wenigstens keine Nachteile. Aber weiß leitete Magie. Shen mussten eigentlich die Dinge berühren, um Magie anzuwenden, aber mit weißen Handschuhen konnten sie es auf einem halben Meter Entfernung. Wenn das Ziel aber auch weiß trug…

    Es ist blanker Selbstmord. Niemand ist so verrückt. Niemand, außer einem Mann… Und der weiß, dass sich niemand trauen würde, ihn anzugreifen.

    Er hatte den Pfeiler Gottes bisher nur wenige Male gesehen, das letzte Mal vor beinahe fünf Jahren. Und ein fünfzehnjähriger Junge konnte noch nicht wirklich begreifen, was er vor seinen Augen hatte. Anders als Jeff jetzt…

    Der Pfeiler Gottes… Als das perfekte Wesen erschaffen. Göttliche Eier, ich werde noch religiös.

    Der Pfeiler war wunderschön. Er hatte dunkle Haut, war glattrasiert und seine Augen waren dunkelstes Grün. Seine Züge waren ausgeprägt, man konnte die Muskeln unter seiner Kleidung erahnen und alles an ihm strahlte Würde aus. Jeff musste sich dazu zwingen, nach Luft zu schnappen, während dieser Mann durch den Ballsaal trat.

    Er wurde von einer Welle aus Verbeugungen und Knicksen begleitet. Die Menge spaltete sich vor ihm und gerade, als Jeff ebenfalls zur Seite treten wollte, blieb der Mann vor ihm stehen. Er war viel zu lange von diesen intelligenten Augen gefesselt, dann sprach der Pfeiler: »Mister Jefferson, mein Beileid für euren Verlust. Euer Vater war ein beeindruckender Mann und ich habe sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet.«

    Seine Stimme war tief und beinahe einschläfernd, er hätte ihr stundenlang zuhören können. Jeff räusperte sich und unterdrückte den Drang, einen Witz zu reisen.

    Nicht in diesem Moment. Nicht vor ihm! Gott, ich könnte ihn hier und jetzt töten.

    Seine Magie riss nach dem Körper vor ihm. Niemand wusste, warum der menschliche Körper von allen drei Shen-Arten beeinflusst werden konnte. Aber auch nur auf eine Weise. Die Magie in Jeff zerrte danach, diesen Mann wegzustoßen, aber so dumm war er nicht. Er hatte eine gute Idee davon, was der Pfeiler mit ihm tun könnte.

    Jeff beschränkte sich auf eine dankbare Floskel und verneigte sich noch einmal vor ihm. Der Pfeiler nickte zufrieden und sagte dann etwas lauter: »Verzeiht die Ablenkung. Macht weiter wie vorher!«

    Nach kurzem Zögern spielte die Musik wieder auf und die ersten Pärchen widmeten sich erneut dem Tanz. Jeff konnte derweil den Blick nicht von seinem Gegenüber nehmen.

    Ein Wunder, wenn sich heute Abend auch nur einer an meinen Auftritt erinnern wird. Nein, sie werden alle über den Pfeiler reden und ich kann es ihnen nicht einmal verübeln.

    »Pfeiler.«, sagte er schnell, bevor sich der Mann umdrehen konnte: »Würdet ihr mir den ersten Tanz gestatten?«

    Der Mann hob eine seiner perfekt geformten Augenbrauen, aber nickte dann. Die meisten Männer würden aus Angst vor Gerüchten niemals mit einem anderen Mann tanzen, aber darüber brauchte sich der Auserwählte Gottes wohl keine Gedanken machen.

    Die Leute machten ihnen Platz und dann begannen sie sich umeinander zu drehen. Natürlich war der Pfeiler ein perfekter Tänzer, aber Jeff konnte gut mithalten. Und dass, obwohl seine Gedanken kaum bei der Sache waren. Zum einen musste er sich bei dieser Nähe erst recht bemühen, seine Magie zurückzuhalten und dann musste er versuchen, sich nicht in diesen Mann zu verlieben.

    Seine Bewegungen, sein selbstbewusstes Lächeln und sein verdammter Blick… wie kann alles an einem Menschen so perfekt sein? Kein Wunder, dass er ein Dutzend Königreiche stürzen konnte.

    Jeffrey schüttelte nervös den Blick und löste sich dann mit einer Verbeugung von dem Mann: »Ich danke euch, Pfeiler.«

    »Euer Vater war ein guter Mann, Mister Jefferson. Wenn ich euch einen Gefallen tun kann, müsst ihr es nur sagen.«

    »Ihr könntet mich zu einem Essen einladen.«, schlug Jeff vor, ehe er seinen Mund unter Kontrolle bringen konnte. Für einen langen Moment starrten sie einander an. Jeff spürte, wie sein Gesicht wärmer wurde und dann brach die Maske des Pfeilers. Für einen Moment verschwand die Höflichkeit und seine Augen blickten auf ihn hinab.

    Es war ein Blick, wie man ihn einem Haustier zuwerfen würde. Vielleicht auch einem aufdringlichen Kind, oder einem Diener, der seinen Platz nicht kannte.

    Wie kann er mich so ansehen? Mich? Ich bin… großartig…

    Jeff drehte sich um und stürmte durch den Tanzsaal. Durch seine Handschuhe konnte er alle Nahestehenden spüren und stieß sie leicht zur Seite. Er hörte Flüche hinter sich, während die Umstehenden ins Taumeln gerieten, aber er sprang kurzerhand vom Balkon.

    Er fiel nur wenige Meter, bevor er einen blau angemalten Kieselstein fallen ließ und die Hand nach ihm ausstreckte. Der kleine Schub nach oben dämpfte seinen Fall ab, sodass er sanft auf der Straße niederging.

    »Das ist das Schöne an dir, Jeff. Man weiß, dass du es nie lange auf einem Ball aushältst.«

    Er wirbelte herum und hatte den Revolver gezogen, ehe er die Worte völlig wahrgenommen hatte. Sein Blick richtete sich auf eine großgewachsene Frau – gut über zwei Meter – die nur so mit Muskeln bepackt war. Sie hatte ihre schulterlangen, roten Haare zu einem Dutzend kleiner Zöpfe zusammengebunden und trug eine graue Uniform, von der aber alle Zugehörigkeitssymbole entfernt worden waren.

    »Was machst du hier, Hel?«, fragte er verwirrt, aber schlug in ihre ausgestreckte Hand ein. In dem Moment, als sich ihre weißen Handschuhe berührten, konnte er ihren gesamten Arm spüren und seine Magie zerrte danach. Seufzend ließ er los und zog seine Handschuhe aus.

    Helena Maki tat es ihm gleich und antwortete: »Bern hat mich geschickt. Er stellt eine Truppe für ein verdammt großes Ding zusammen.«

    Bei den Worte runzelte er die Stirn: »Und du machst mit? Was ist mit deinem Ausstieg?«

    Ihr Gesicht entgleiste für einen Moment und Jeff seufzte: »Du hast immer noch nicht mit ihm darüber geredet?«

    »Es gab noch nicht den richtigen Zeitpunkt.«

    »Verdammt, Hel, du machst dich kaputt. Dieses Leben macht dich kaputt.«

    Natürlich wusste sie das alles und deswegen verwunderte es ihn auch nicht, als er Scham in ihrem Gesicht entdeckte: »Das wird groß, Jeff. Er braucht mich.«

    »Du schuldest Bern einen Scheiß.«

    Sie glaubte ihm nicht, aber es war eindeutig, dass sie nicht weiter darüber reden wollte. Also seufzte er leise und fragte: »Wie groß?«

    »Der größte Raub der Geschichte.« Jeff lächelte bei diesen Worten: »Ich bin ganz Ohr.«

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  • Der Farbraub: Kapitel 3

    6 Tage vor Beginn des Raubes

    Wenn man in Sinclair einen Verbrecher anheuern wollte, gab es zwei Möglichkeiten. Zum einen konnte man durch Straßen und Tavernen laufen und hoffen, dass jemand betrunken genug war, um über seine Arbeit zu reden. Zum anderen brauchte man Kontakte. Wenn man seine Fähigkeiten bei illegalen Aktivitäten verdingen wollte, musste man sich erst einmal einen Namen aufbauen, damit die Leute auf einen aufmerksam wurden – quasi die erste Variante. Wenn man dann ein paar Aufträge erledigt hatte, wird man weiterempfohlen – dann hatte man es zur Zweiten geschafft.

    Als Sarah aus dem Gefängnis gekommen war, hatte sie von all dem nur eine sehr entfernte Ahnung gehabt. Ihr war vor allem klar gewesen, dass sie von der Regierung nicht mehr beschäftigt werden würde und sie wollte sich nicht mit Gelegenheitsjobs rumschlagen. Also war sie in eine der Tavernen gelaufen, die für ihre fragwürdige Kundschaft bekannt war, und hatte eine Schlägerei angefangen. Als sie genug Leuten die Schädel eingeschlagen und ein wenig mit ihrer Zielsicherheit geprotzt hatte, musste sie sich nur jeden Tag an die Bar setzen und schon kamen die Aufträge.

    Als sie nun sieben Jahre später in der ‚Gelben Braut‘ saß, wurde sie von allen Anderen mit einem grundlegenden Respekt behandelt. Die Art von Respekt, die man sich verdienen musste.

    Sie war überrascht, als sich die Vorhersage dieser Frau als korrekt herausstellte. Der Mann, der sich neben sie setzte, hinkte und nutzte einen teuer aussehenden Gehstock aus weißem Holz.

    Ich kenn mich zwar nicht so gut mit Shen aus, aber das wirkt wie eine interessante Waffe. Ob er seine Magie wohl durch den gesamten Stock leiten kann?

    Der Mann hatte einen kurzen schwarzen Bart und Stoppelhaare, wobei er sich in einen schwarzen Mantel geworfen hatte und auch einen breitkrempigen Hut in der gleichen Farbe trug. Am auffälligsten war aber, dass er schwarze Handschuhe trug, als wenn der Gehstock kein Beweis für seine Magie wäre. Er machte sich nicht die Mühe zu lächeln, sondern kam gleich zur Sache: »Sarah EnMelrow?«

    Sie blinzelte überrascht, als sie ihren vollen Namen hörte, aber nickte dann: »Und sie?«

    »Bern Fain. Ich möchte sie rekrutieren.«

    Diese Tusse hatte wirklich recht? Beeindruckend…

    »Ich bin teuer, Mister Fain. Aber ich bin mein Geld auch wert.«

    Fain lächelte: »Ich plane einen Raub und sie würden einen Anteil am Gewinn erhalten.«

    »Wie viel?«

    »Sie und drei Andere bekommen jeweils ein Achtel der Beute. Ich nehme die Hälfte.«

    Nicht ungewöhnlich, aber man kann nicht abschätzen, ob es sich lohnt. Nicht, dass es bei hunderttausend zusätzlich sonderlich wichtig ist.

    Sie lehnte sich zurück und versuchte, möglichst zwiespältig auszusehen: »Von wie viel sprechen wir hier?«

    »Etwas… über hunderttausend.«

    Sie pfiff beeindruckt, aber flüsterte dann: »Was ist der Auftrag? Den Pfeiler töten?«

    »Nein, aber er könnte ihnen hinterher am Arsch hängen.«

    Sie kratzte sich nachdenklich an der Nase: »Und das sagt ihr mir alles einfach so?«

    »Sie haben einen guten Ruf, Miss EnMelrow. Das haben Leute gesagt, denen ich vertraue. Außerdem ist ihre Geschichte verdammt intere…«

    »Schon verstanden.«, unterbrach sie ihn: »Von wem haben sie meinen Namen?«

    »Nesselchen… sie hat in den höchsten Tönen von euch gesprochen.«

    Sie nickte zufrieden: »Nennen sie mich interessiert.«

    »Kommen sie morgen früh zum ‚Goldenen Schleier‘. Man wird sie zu mir bringen.«, antwortete er.

    »‚Der ‚Goldene Schleier‘… Bern Fain! Ich dachte mir doch, dass mir ihr Name bekannt vorkommt.«, flüsterte sie leise. Der Verbrecherboss nickte nur knapp und stand auf. Bevor er aber ging, drehte er sich noch einmal zu ihr um.

    »Ich hätte noch eine Frage, Miss EnMelrow. Ich habe mir erlaubt, ihre Akte anzusehen und sie wurden aus der Armee entlassen. Angeblich, weil sie einen anderen Soldaten getötet haben.«

    Bei den Worten erstarrte sie und ihre Hand wanderte in Richtung ihrer Waffen. Bern ließ sich allerdings nichts anmerken und musterte sie nur aufmerksam. Sie schnalzte mit der Zunge: »Was ist eure Frage?«

    »Warum haben sie ihn umgebracht? Normalerweise wären sie dafür hingerichtet worden, aber man hat sie nur rausgeworfen.«

    »Und ausgepeitscht.«

    »Ja, nur dreißig Schläge.«

    Sie erwiderte seinen Blick ruhig, bis sie einmal tief durchatmete: »Es sollte eigentlich in meiner Akte stehen. Ich habe versucht, etwas zu stehlen.«

    »Oh, dass habe ich gelesen. Allerdings passt die Strafe nicht ganz dazu. Die Peitschenhiebe, ja, das klingt nach dem Schwachsinn der Armee. Aber nicht einmal der größte Idiot hätte sie danach unehrenhaft entlassen. Wenn das rauskäme… Sie versetzt? Bestimmt! Sie degradiert, oder in den Zivilbereich gebracht? Ergibt auch Sinn. Aber warum hat man sie herausgeworfen?«

    »Der Soldat war der Lustknabe eines hohen Tiers.«, log sie leise: »Allerdings verstehe ich nicht, inwiefern das alles wichtig ist.«

    Reicht dir das? Nach zehn Jahren kann das niemand mehr nachprüfen, also bist du in einer Scheiß Sackgasse. Lass mich jetzt gefälligst in Ruhe!

    Ihr war natürlich bewusst, dass ihre Lügen absolut nichts brachten. Eigentlich wäre es für sie sogar besser, wenn sie ihm die Wahrheit gesagt hätte.

    Aber ich will noch einmal den Mann finden, der mich dazu bringen kann, über Dinge zu reden, wenn ich es nicht will.

    »Das ist es nicht.«, antwortete Fain lächelnd: »Nur persönliche Neugier. Noch einen schönen Tag, Miss EnMelrow.«

    Sie starrte ihm noch eine Weile hinterher und leerte ein weiteres Glas. Kopfschüttelnd stand sie auf und ging zu ihrem gemieteten Zimmer. Sarah ließ sich in den Sessel fallen und kontrollierte erst noch einmal ihre Waffen. Damals in der Armee, war es ihnen so oft eingebläut wurden, bis sie es noch im Halbschlaf taten.

    Aufstehen, Ausrüstung prüfen, Waschen, Essen… Jeden verdammten Tag.

    Bei dem Gedanken begannen die Narben auf ihrem Rücken wieder zu jucken und sie holte sich noch einen Drink von unten. Die Frage dieses Bastards hatte unangenehme Erinnerungen geweckt. Zitternd lehnte sie sich zurück und starrte aus dem Fenster.

    Das muss endlich aufhören… Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat dasselbe. Nur irgendwie am Leben bleiben, gerade so die Schulden geringhalten. Wo soll das alles hinführen? Aber mit zweihunderttausend… Ich wäre reich. Ich könnte gehen, wohin ich will. So leben, wie ich es immer wollte. Und niemand wird mich diesmal aufhalten können. Mit soviel Geld könnte ich auch endlich diesem Monster entkommen. Sie spürte das Grinsen auf ihrem Gesicht kaum, als sie aufstand und sich nachgoss. Ihr Verstand sagte, dass sie schon wieder zu weit ging, aber sie ertränkte ihn mit einem einzigen Schluck. Vielleicht könnte sie diese Nacht auch einmal feiern.

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  • Der Farbraub: Kapitel 2

    7 Tage vor Beginn des Raubes

    Die Wüstensonne ließ die Pferde vor Schweiß triefen, als die Reiter abstiegen. Sie marschierten auf die leerstehende Kutsche zu, während einer zurückblieb um die Umgebung im Auge zu behalten.

    Bern unterdrückte bei jedem Schritt den Schmerz und strich sich über die Hüfte. Er stützte sich auf seinen Gehstock, während Helen sofort zur Kutsche rannte. Mit erhobener Schrotflinte suchte sie zuerst alles nach Fallen ab, bevor sie ihm zunickte.

    Bern trat an ihre Seite und rief: »Bringt die Farbe!«

    Eine Frau rannte an seine Seite und zog einen Stahlkanister vom Rücken. Innerhalb von Sekunden begann sie, die gelbe Farbe mit einem Pinsel auf die Holzwände aufzutragen. Als es dick genug war, nickte Bern und legte seine Hand auf den immer noch nassen Grund. Augenblicklich spürte er, wie sich seine Sinne auf die gesamte Oberfläche übertrugen. Die Magie tief in ihm schien zu brodeln, als sie in Richtung des Gelb zerrte. Wie ein wildes Tier riss es in Richtung der Farbe. Seine Finger prickelten und er musste sich zusammenreißen, die Kraft unter Kontrolle zu halten. Dann gab er der Magie freien Lauf.

    Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich der Boden unter seiner Hand wölbte und dann fielen die kleinen Stoffpäckchen aus der Wand. Nach etwa einer Minute war er sicher, dass die Wand leer war. Dann beugte er sich unter einem Ächzen nach unten und öffnete Eines. Ein kleiner Haufen geriebener Blätter kam zum Vorschein.

    Oh, du wunderschönes Terz. Du riechst förmlich nach Geld.

    Helen sammelte die Päckchen ein und warf sie in Richtung eines ihrer Leute: »Wiegt das Zeug. Wenn auch nur ein Gramm zu wenig ist, will ich das wissen.«

    Dann drehte sie sich zu der Frau mit den Farbkanistern um und murmelte: »Du kannst schon einmal anfangen, neu aufzutragen.«

    Die Frau nickte und begann, die Farbe mit einem Messer wieder vom Holz zu kratzen. Da sie noch nicht einmal getrocknet war, konnten sie sie mit geringerer Qualität wohl wiederverwenden. Sobald der Junge an der Waage nickte, wurde lila Farbe auf die Kutsche geschmiert und Bern zog einen Stapel Geldscheine hervor.

    Wieder zog die Magie in ihm nach dem gefärbten Holz, nur dass es sich diesmal gänzlich anders anfühlte. Wie der Unterschied zwischen Hunger und dem Schmerz nach einem zu vollen Mahl. Man konnte es nicht wirklich beschreiben.

    Also presste Bern das Geld gegen das Holz und das Papier versank. Er achtete darauf, dass er nicht zu tief drückte, aber auch nichts mehr hinausschaute. Danach fügte er noch einen Zettel hinzu, indem er den nächsten Abgabeort benannte und die Farbe wurde wieder abgetragen.

    Helen lehnte sich neben ihm an die Kutsche und fragte: »Denkst du, wir sollten das Vorgehen ändern? Die Grenzwärter fangen langsam an, On’Shen bei den Kontrollen zu nutzen. Wenn sie den Stoff finden…«

    Sie beendete den Satz nicht, aber er antwortete trotzdem: »Farbe ist zu teuer, als dass sie jede Kutsche an der Grenze anmalen könnten. Sie werden maximal ein paar Stichproben machen. Sollte keine Probleme geben.«

    Helen nickte knapp und sah dann in Richtung ihrer Leute. Einer von ihnen, sein Name war Connor, grub seit ihrer Ankunft mit ein paar anderen einen Graben. Bern beugte sich zu ihr hinüber: »Haben sie schon erraten, wofür sie graben?«

    Helen schüttelte mit ernstem Blick den Kopf: »Sie denken, da unten ist irgendetwas. Halten sich wohl für Schatzsucher.«

    Bern nickte und humpelte in Richtung der Gruppe. Connor ließ den Spaten sinken und sagte: »Keine Ahnung, wie weit wir noch graben sollen, Boss. Da ist nichts.«

    Bern nickte und zog seine Revolver aus dem Hüfthalfter. Connor konnte nur überrascht aufblicken, bevor er ihm ins Bein schoss. Mit einem Schrei brach der Mann zusammen und die anderen sprangen zur Seite. Ehe sie es groß verarbeiten konnten, schnippte Helen und befahl zwei der Frauen: »Packt ihn!«

    Sie zuckten kurz zusammen, aber rissen den Mann dann an den Armen nach oben, bis er einigermaßen stand. Dann ging Helen zu ihm und begann, auf ihn einzuschlagen. Ihr muskelbepackter Körper und ihre präzisen Treffer erzeugten im Zusammenspiel eine gute Menge aus Schmerz, ohne dass er das Bewusstsein verlor. Sie hörte auf, als Connor nur noch am Wimmern war und dann trat Bern auf ihn zu. Er packte sein Kinn und blickte ihm fest in die Augen: »Dieses Grab? Das ist deins! Du weißt sicher am besten, dass es tief genug ist. Die Frage ist nur, wie viel von dir im Grab landet.«

    »Boss… ich bitte dich! Ich verstehe nicht…«

    »Hast du Helen schon einmal in Aktion gesehen? Irgendeine Kri’Shen? Ziemlich abartiger Anblick…«

    »Bitte… ich weiß nicht, was du von mir willst!«

    Bern nickte knapp: »Natürlich, wie gedankenlos von mir. Ich will wissen, an wen du mich verraten hast.«

    »Das habe ich ni…«

    »Nein, nein… Du hängst hinterher. Ich weiß bereits, dass du mich verraten hast. Jetzt will ich nur wissen, an wen!«

    »Bitte nicht…«

    »Helen!«

    Sie trat mit verkrampftem Gesicht nach vorne und berührte Connor am Arm. Während der Mann schrie, bildeten sich Risse an seinem Arm, Blut begann zu spritzen und dann fielen ein Haufen Knochen, Hautfetzen und Muskeln auf den Boden. Dann begann Connor erst so richtig zu schreien. Helen wandte den Blick ab.

    Einer ihrer Leute klemmte schnell den Armstumpf ab und Bern schlug ihm noch einmal ins Gesicht: »Also? An wen?«

    Connor blinzelte – er war nahe der Ohnmacht – und flüsterte dann: »Es war ein Marschall… Er traf mich in Sinclair. Wollte wissen, wie die Tekkis ihre Ware über die Grenze bringen.«

    Scheint die Wahrheit zu sagen. Könnte wahrscheinlich nicht genug Kraft aufbringen, um sich eine Lüge auszudenken.

    »Hast du einen Namen für mich?«

    Er holte einmal rasselnd Luft und dann tropfte Blut von seiner Lippe. Schlussendlich schüttelte er den Kopf. Bern nickte knapp und drückte ihm den Revolver an die Stirn.

    Der Schuss schallte über die Ebene und der Verräter fiel in die Grube.

    Sinclair war eine der größten Städte in der weißen Steppe. Manche sagten, dass sie im Vergleich zu den entfernten Städten viel kleiner war, aber wer sollte das schon wissen. Es war Jahre her, seit jemand die Steppe verlassen hatte.

    Aus Berns Perspektive war Sinclair aber eine gigantische Stadt, mit mehreren Kirchen und Vierteln, die jeweils von eigenen Bürgermeistern regiert wurden. Viel wichtiger war aber, dass es sowohl der Stützpunkt des Königs, als auch des Pfeilers war und damit der Mittelpunkt des Landes.

    Bern und seine Leute ignorierten diesen ganzen Prunk und ritten direkt in Richtung Slums. Wie immer wurden sie von den Gendarmen ignoriert, die von Bern bezahlt wurden und konnten so problemlos ihr Heim erreichen. Das Holzhaus war größer, als die meisten anderen in der Umgebung, was daran lag, dass ein Bordell und eine kleines Kasino mit eingebaut waren.

    Sie wurden von EnChalice, dem Verwalter, begrüßt. Er fragte nicht, warum ihnen einer fehlte, sondern bot ihnen gleich den guten Wein an. Bern und Helen folgten ihm dann ins Geschäftszimmer, wo sie das Terz auf dem Tisch ausbreiteten.

    »Ein Kilo Gepresstes.«, sagte Bern: »Lege ein Zehntel zurück und bring den Rest unter die Leute.«

    EnChalice nickte wortlos und sammelte die Drogen ein. Als nächstes reichte er Bern die Geschäftsbücher: »Haben gute Einnahmen gemacht, Boss. Auch wenn die verdammten Gen unsere Huren ständig bei der Arbeit stören.«

    »Die Untersuchungen werden häufiger?«

    »Ja… sie vermuten wohl, dass wir im Terzhandel sind.«

    Bern massierte sich stöhnend die Stirn, aber nickte dann.

    Wir werden es irgendwie schaffen. Das Geschäft befindet sich im ständigen Wandel und wir werden uns irgendwie über Wasser halten.

    »Da ist noch etwas.«, sagte Helen auf einmal und blickte Chalice nachdenklich an. Bern rügte sich innerlich, dass ihm der Blick nicht vorher aufgefallen war, aber ließ sich nichts anmerken.

    »Ja, gut erkannt, Maki. Wir haben Besuch von einer Frau bekommen. Sie scheint euch anheuern zu wollen.«

    Er runzelte bei den Worten die Stirn, aber fragte dann: »Wo ist sie?«

    »Im ‚Goldenen Schleier‘. Sie zahlt gut…«

    Nachdem er sich kurz erfrischt hatte, ging Bern gemeinsam mit Helen in das angrenzende Bordell. Die tanzenden Frauen begannen sofort, ihn anzulächeln und manche gingen sogar so weit, sich an ihn ranzumachen. Helen grinste ihn an, worauf er die Huren wütend wegschickte.

    Denken die wirklich, ich würde mich so leicht verführen lassen? Wie sollte ich diesen Laden leiten, wenn mich ein paar schöne Augen aus der Reserve locken? Andererseits leitet EnChalice wohl eher den Laden.

    Sobald sie durch den Tumult waren, betraten sie eines der Privatzimmer. Auf einem der Betten lagen zwei nackte Frauen, die miteinander rummachten, während eine Dritte es sich auf einem Sessel gemütlich gemacht hatte und zusah. Bern trat zu ihr und murmelte: »Es würde sie das Gleiche kosten, wenn sie mitmachen würden. Die meisten würden das bevorzugen.«

    Die Frau lächelte: »Die Meisten sind nicht geschäftlich hier. Es kommt immer auf den ersten Eindruck an, Bern. Euer erster Eindruck soll nicht mein nackter Arsch sein.«

    Bern schnippte kurz mit den Fingern und die beiden Huren verschwanden. Dann zog er sich einen Stuhl heraus, wohingegen sich Helen hinter die Frau stellte.

    »Wie kann ich ihnen helfen, Miss…«

    »Hoggs. Mia Hoggs. Ich will sie rekrutieren, Mister Fain.«

    »Keine Ahnung, was sie gehört haben, Miss Hoggs, aber ich bin mittlerweile selbstständig. Ich führe meine Geschäfte und nehme keine Aufträge an.«

    Mia lächelte: »Das ist mir sehr wohl bewusst. Allerdings ist mein Angebot gut genug, dass sie aus dem Ruhestand kommen werden.«

    »Wieviel auch immer sie mir bieten…«

    »Ich biete ihnen kein Geld, Mister Fain. Einen Anteil am Gewinn.«

    Bern lehnte sich nachdenklich zurück und fragte dann ruhig: »Was ist das für ein Auftrag? So konkret, wie möglich.«

    Die Frau grinste: »Woher kommt Terz, Mister Fain?«

    »Was?«

    »Terz? Wo kommt es her?«

    »Das… weiß niemand. Der König lässt es mit dem Zug von der Grenze aus anfahren. Niemand ist seit Jahrzehnten dadurch gegangen. Woher sollen wir es wissen?«

    Mia nickte zustimmend: »Terz ist die einzige Substanz auf der Welt, die einem einfachen Menschen ausreichend Kräfte gibt, um es mit einem Shen aufzunehmen. Die leistungsverstärkende Wirkung ist quasi die Grundlage der gesamten Armee. Da Terz weitaus seltener als Farbe ist, ist es die wertvollste Substanz dieser Welt. Aber es kommt nur einmal im Jahr durch einen einzigen Ort. Was denkt ihr, wie viel Terz sich in diesem Zug befindet?«

    »Verdammt viel.«, riet er, ohne groß darüber nachzudenken: »Es wird gepresst sein, aber wenn man es auseinandernimmt und auflöst… Tausend Kilo?«

    »Über Dreitausend.«

    Drei… von diesem Geld kann man eine ganze Stadt kaufen. Mindestens!

    »Und sie wollen einen Teil der Lieferung abzweigen?«

    »Ich will die ganze verdammte Lieferung!«, widersprach Mina grinsend: »Und ich will sie für diese Aufgabe.«

    Den König selbst bestehlen. Danach wäre die halbe Welt und der Pfeiler selbst hinter uns her. Das wäre es dann mit unserem ruhigen Leben. Aber wir hätten mehr Geld, als wir uns jemals erträumt hatten. Und dann wäre egal, aus welchem Loch wir gekrochen sind. Uns würde die ganze Welt gehören. Gott… gib mir die Kraft, dieser Versuchung zu widerstehen.

    »Wie groß wäre mein Anteil?«, fragte er leise und bemerkte, dass Helen bei diesen Worten das Gesicht verzog. Vielleicht hätte er es absprechen müssen, aber das war seine Entscheidung. Er war immerhin ihr Anführer. Sie musste ihre eigene treffen.

    Mia nickte zufrieden: »Ein Drittel des Terz. Bevor ihr auch nur darüber nachdenkt, mich zu betrügen… Ihr wollt mich nicht als Feindin, Fain. Fragt nach meinem Namen, dann wisst ihr, warum.«

    »Ich habe noch nicht zugestimmt.«, murmelte er ruhig: »Jedes Jahr fahren hunderte Züge mit verschiedenster Ladung und es ist nie bekannt, wann die neue Terzlieferung kommt. Selbst die anderen Transporte – mit Farbe und Lebensmitteln – werden bereits außerordentlich bewacht. Wir reden hier von einer kleinen Armee und mehreren Shen.«

    Ohne ihn noch einmal anzusehen, stand sie auf und marschierte zur Tür: »Ihre Aufgabe ist es, das Terz zu besorgen. Wir werden noch einmal Kontakt aufnehmen und dann gebe ich ihnen die Informationen zum Zug. Aber von da an sind sie auf sich gestellt. Besorgen sie sich gute Leute und machen sie einen Plan. Ich stelle die nötigen Informationen.« Mit diesen Worten schloss sich die Tür hinter ihr und Bern ließ sich in den Stuhl sinken. Er hoffte, dass Helen das Glitzern in seinen Augen nicht bemerkte.

  • Der Farbraub: Kapitel 1

    7 Tage vor dem Raub

    Der Regen schlug auf die Dächer der Stadt, während die Rufe der Bewohner durch die Straßen schallten. Die Kutsche des Gouverneurs fuhr über den holprigen Weg, bis sie vor der Bank anhielt. Mehrere Schaulustige drehten sich nach dem ungewöhnlichen Besuch um, aber wurden dann von dem Kutscher verscheucht.

    Sarah strich sich ihre Haare aus dem Gesicht und lud in aller Ruhe ihr Gewehr. Dann blickte sie vom Dach hinunter und wartete. Sobald die Kutsche zum Stillstand kam, sprangen zuerst zwei Leibwächter in dicken, dunkelgrauen Ledermänteln und breitkrempigen Hüten raus. Sie konnte zwar nur jeweils ein kurzläufiges Gewehr auf ihren Rücken sehen, aber wahrscheinlich trugen sie auch mindestens einen Revolver.

    Sie legte ihr Gewehr an und richtete es auf die Kutschentür. Gouverneur Jefferson – in einen feinen schwarzen Anzug gekleidet – trat als nächstes raus. Nicht das dunkle Grau, das auch Sarah trug, sondern pechschwarze Kleidung. Teuer, aber dafür war man vor Magie sicher.

    Sie blinzelte sich das Regenwasser aus den Augen und zielte. Sie machte sich keine Sorgen, ob sie treffen würde. Nachdenklich summte sie ein altes Militärlied, während ihre Finger den Takt trommelten.

    Als dann der dritte Leibwächter ausstieg, verschluckte sie sich beinahe. Er trug weiße Handschuhe. Ihr brach der Schweiß aus und ihr Atem begann, sich zu beschleunigen. Jefferson hatte einen verdammten Shen als Leibwächter? Sie hätte mehr verlangen sollen… Vielleicht war er aber auch nur ein normaler Mann? Manche trugen die Handschuhe nur zur Abschreckung, auch wenn das ebenso gefährlich werden konnte.

    Sie verdrängte all ihre Bedenken und konzentrierte sich auf ihren Auftrag. Der Gouverneur marschierte selbstbewusst in Richtung der Bank, während sich seine Wächter um ihn verteilten. Sie richtete den Lauf auf seinen Kopf, atmete aus und drückte ab.

    Der Kopf des Mannes platzte in einem Schwall aus Blut und er brach augenblicklich zusammen. Ohne sich einen Moment des Triumphes zu gönnen, zog sie den Bügel der Waffe nach unten, sodass eine neue Kugel geladen wurde. Dann richtete sie das Gewehr auf den Mann mit den weißen Handschuhen. Wenn sie rechtzeitig…

    Der Mann hatte aber gute Reflexe und wirbelte in Sarahs Richtung herum. Er warf seinen Mantel in dem Moment über sich, als Sarah abdrückte. Die Kugel prallte am Stoff ab, aber sie schoss noch zwei weitere Kugeln, in der Hoffnung eines Glückstreffers.

    Dann wirbelte sie herum, warf sich das Gewehr auf den Rücken und begann zu rennen. Göttliche Eier nochmal, es war also wirklich ein Shen. Sie würde wetten, dass sein Mantel innen grün angemalt war. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Warum musste es auch noch ein Kri’Shen sein?

    Sie sprang von einem Dach zum nächsten und versuchte, möglichst viel Abstand zu bekommen. Dann schlug eine Kugel neben ihr in das Holz. Fluchend warf sie sich zur Seite, aber noch zwei weitere Schüsse knallten auf das Dach und eine Stimme rief: »Bleib stehen, wenn dein Hirn nicht von der Sonne gebraten werden soll!«

    Sarah erstarrte, während ihr Herzschlag in den Ohren dröhnte. Dann drehte sie sich langsam um. Der Kri’Shen stand schweratmend auf dem anderen Dach und hielt einen Revolver in ihre Richtung.

    Die Trommel sollte sechs Kugeln haben, also noch drei Schuss. Vielleicht noch eine zweite Waffe unter dem Mantel…

    Langsam erhob sie sich, worauf der Mann sie anlächelte: »Wer hat dich beauftragt, Mädchen?«

    Mädchen? Ich gehe auf die vierzig zu, du…

    Sie verbiss sich jede Wut und klopfte betont langsam ihren Mantel ab. Dann ließ sie die Hand dort, wo ihr versteckter Revolver nur einen Griff entfernt war. Der Mann nickte derweil, als wenn er keine Antwort erwartet hätte und sagte: »Nimm langsam dein Gewehr ab und lege es zur Seite. Danach wirst du dir Handschellen anlegen.«

    Langsam griff sie zu ihrem Gewehr, während sie über seine Schulter blickte. Die anderen beiden Wächter waren nicht in der Nähe, aber es war bereits seltsam, dass der Shen so schnell hatte sein können.

    Vielleicht Terz-Drogen? Dann wird eine Kugel wohl nicht ausreichen.

    Also zog sie ihr Gewehr vom Rücken und nutzte die Bewegung, um ihre Hand in den Mantel gleiten zu lassen. Dann streckte sie den Arm aus, während der Mann den allgemeinen Fehler beging. Er sah in Richtung ihres Gewehrs.

    In ihrem Kopf spielte wieder das Marschlied und ihre Finger begannen wie von selbst, sich im Rhythmus zu bewegen. Die Bewegung hielt den Blick des Shen gefesselt, während sie ihren Revolver aus dem Halfter zog.

    Kein Hinweis darauf, was von seiner Kleidung grün bemalt ist, also muss ich seinen Kopf erwischen.

    In dem Moment fiel ihr eine Bewegung am Rand des anderen Hauses auf. Die anderen beiden Leibwächter zogen sich gerade auf das Dach. Dann konnte sie keine Zeit mehr verschwenden.

    Sarah ließ ihr Gewehr fallen.

    Natürlich starrte der Wächter auf den sich bewegenden Gegenstand und Sarah konnte ihren Revolver – noch immer unter ihrem Mantel versteckt – ausrichten. Während sie sich duckte, drückte sie sechsmal den Abzug. Die Schüsse hallten in ihren Ohren, Stofffetzen ihres Mantels flogen durch die Luft und Blut spritzte fast bis zu ihr. Der Mann schaffte es sogar, einen Schuss abzugeben, bevor er zusammenbrach, aber dieser war völlig verrissen.

    Sarah machte sich nicht die Mühe die Einschusslöcher in seinem Gesicht zu zählen – es waren sechs -, sondern hob ihr Gewehr wieder vom Boden und legte an. Die anderen beiden Männer hatten sich bei den Schüssen hinter der Dachkante versteckt, also schoss sie nur zweimal in ihre Richtung, damit sie auch ja dortblieben.

    Dann drehte sie sich wieder um und rannte. Die Straßen unter ihr leerten sich mittlerweile, als sich die Leute in Sicherheit bringen wollten. Sie sah mehrere bewaffnete Gestalten, die aus den Häusern kamen, während andere versuchten, ihre Pferde zu beruhigen.

    Schlimm genug, dass mir der Sheriff auf den Fersen sein wird, ich kann nicht auch noch Kopfgeldjäger gebrauchen.

    Also gab sie sich alle Mühe, nicht entdeckt zu werden und sprang dabei von Dach zu Dach. Sobald sich der Tumult vor allem in der Entfernung befand, lief sie zur Dachkante und suchte die Straßen ab. Es dauerte nicht lange, bis sie eine Kutsche mit einem lila Fähnchen erkannte. Sie sprang vom Dach auf einen Balkon, ächzte beim Aufprall und ließ sich dann neben den Pferden in den Dreck fallen.

    Sie schlug sich ein paar Mal aufs Bein und zeigte dann der Kutscherin ihren geklauten Marschallsring: »Sie haben fünf Minuten, um mich zum Ketticviertel zu fahren.«

    Acht Minuten später stieß sie die Tür zur ‚Gelben Braut‘ auf und bestellte an der Theke einen gewässerten Schnaps. Da sie ihre Auftraggeberin noch nirgendwo sehen konnte, setzte sie sich an einen abgelegenen Tisch und starrte auf ihr Glas. Dann ließ sie das kühle Nass langsam hinterlaufen. Manchmal hasste sie ihre Selbstbeherrschung.

    Keiner der Anwesenden nahm sie sonderlich zur Kenntnis, was für die Fragwürdigkeit dieser Taverne sprach. Sie tastete sich kurz nach Verletzungen ab, aber abgesehen von Prellungen und einer Schürfwunde, war sie gut weggekommen.

    Ich könnte fast den Eindruck bekommen, dass es einfach ist, einen Gouverneur zu töten.

    Sie lächelte kurz, aber dann setzte sich jemand auf den Stuhl vor ihr. Es war ein Junge, vielleicht zwanzig. Die Art, wie er sich immer wieder am Nacken kratzte, wies ihn deutlich als Terzsüchtigen aus. Außerdem spielte er unaufhörlich mit den Knöpfen seines verdreckten Hemdes.

    Nervös, aber er spricht eine Fremde an. Demnach ein Schwarzmarkthändler.

    »Was willst du mir andrehen?«, fragte sie ruhig, aber ließ es möglichst genervt klingen. Sie hatte schon mehrmals ihr Essen mit guten Investitionen bezahlen können, also war sie nicht so dumm, um ihn wegzuschicken.

    Der Händler blinzelte ein paar Mal, bis er lächelte – man konnte die Zähne beinahe bis zur Wurzel sehen, was ihren Verdacht mit dem Terz bestätigte – und sagte: »Terz.«

    Er griff in sein Jacket und stellte ein kleines Fläschchen auf den Tisch, das mit dünnem Kraut gefüllt war. Die getrocknete Pflanze hatte immer noch eine leichte Rotfärbung.

    Gut und gerne fünfzig Milligramm, scheint komplett gefüllt. Sieht auch nicht aus, als hätte er anderes dazwischen gemischt.

    »Qualität?«

    »Hoch.«

    Nehmen wir einmal mittelmäßig an.

    »Wie viel willst du?«

    »Hundert.«

    Fünfzig Milligramm mittelmäßiges Terz sollten mindestens hundertfünfzig wert sein. Ganz zu schweigen davon, dass ich seit Wochen keines mehr habe.

    Ihre Gedanken brachen ab, als ihr eine Frau auffiel, die gerade die Taverne betrat. Sie hatte schneeweißes, langes Haar und ein hübsches rotes Kleid. Dieser eine Fleck zog zwischen den ganzen Grautönen förmlich die Blicke auf sich, aber sie schien sich nicht daran zu stören.

    Die Frau ging direkt auf Sarahs Tisch zu und musterte dann das Glas nachdenklich: »Das Terz ist ausgetrocknet.«

    Sarah blickte sofort zu dem Jungen, dessen Augen sich vor Schreck weitete. Dann musterte sie noch einmal das Glas und als sie sich darauf konzentrierte, erkannte sie die dünnen Risse entlang der Blätter. Also hatte er sie wirklich bescheißen wollen: »Mach, dass du wegkommst, Kleiner.«

    Er packte das Glas und begann zu rennen. Sarah murmelte noch einen leisen Fluch, während sich ihre Auftraggeberin an den Tisch setzte. Die Frau griff in ihre Handtasche und ließ einen kleinen Packen über den Tisch rutschen. Sarah zählte das Geld kurz und stand auf.

    »Warte kurz, ich habe noch einen Auftrag für dich.«

    Sie spielte nachdenklich mit ihrem Revolver, während sie die Andere weiterreden ließ: »Gegen meinen nächsten Auftrag wird der Gouverneur wie eine Übungsrunde wirken.«

    »War sie das?«, fragte Sarah leise und drehte sich zu der Frau um: »Die knappe Zeit, wenige Informationen und sofort der nächste Auftrag. Wer lässt einen Gouverneur nur zum Test töten?«

    Sie überlegte kurz, ob sie so offen reden sollte, aber die andere Frau schien sich keinerlei Sorgen zu machen: »Es war nicht nur ein Test, Sarah. Ich wollte diesen Mann tot, aber es ist nicht das Ende.«

    »Wie viel?«

    »Hunderttausend und alles, was du während des Auftrages verdienst.«

    Sarah musste sich zusammenreißen, damit ihr nicht der Kiefer runterklappte.

    Hundert…tausend… Das ist mehr, als ich im ganzen ehrlich Leben verdienen könnte. Selbst für den Gouverneur gab es nur zehntausend.

    Sie ließ sich in den Stuhl sinken und lachte tonlos: »Was soll ich für sie tun? Den Pfeiler töten?«

    Die Frau schüttelte knapp den Kopf: »Nein, aber du sollst den König bestehlen.«

    Sarah nickte langsam: »Was ist der Auftrag?«

    Die Frau lächelte: »Es wird bald einen Raub geben. Du wirst voraussichtlich dafür rekrutiert werden.«

    »Ich soll ihn scheitern lassen?«

    »Nein, er soll gelingen. Ich brauche nur jemanden, der meine Interessen vertritt.«

    »Das ist ziemlich ungenau, Miss.«

    »Das ist alles, was ich dir fürs Erste sagen werde.«, kam die knappe Antwort. Sarah überlegte noch kurz, aber antwortete dann mit einem Nicken.

    »Sagst du mir wenigstens, was wir stehlen werden?« »Terz, meine Liebe. Dreitausend Kilo Terz.«

    Nächstes Kapitel

  • Der Herzschlag von Regin

    Der Ritter zügelte sein Pferd und starrte auf das hinunter, was eigentlich ein Dorf hätte sein sollen. Er war noch nie in Regin gewesen und konnte nicht wissen, wie es eigentlich hätte aussehen sollen, aber gewiss nicht so.

    Der Fluss, der in das Dorf floss, kam auf der anderen Seite seltsam dunkel, unnatürlich, hervor. In der Mitte waren dutzende Häuser eingestürzt, teilweise bis auf die Grundfeste niedergebrannt. Und im Kern dieser Zerstörung? Etwas Dunkles; etwas, das der Ritter nicht begreifen konnte. Es wirkte wie eine Befleckung der Welt, der Realität selbst. Seine Augen wurden von diesem Unding angezogen, während sein Verstand ihn anbettelte, zurückzureiten.

    Auch sein Pferd wurde nervöser, umso näher sie diesem Dorf kamen. Immer wieder begann es zu tänzeln und einmal hätte es ihn beinahe abgeworfen. Fluchend stieg der Ritter ab und sprach beruhigend auf das Tier ein. Es spannte sich an, als wollte es auf einmal davon preschen und murrend führte er es wieder weg von dem Dorf und band es an einem entfernten Baum an.

    Dann ging er wieder voran. Bald fiel ihm die Stille auf. Keine Stimmen, keine Tiere – nicht einmal die Geräusche des Handwerks. Es war eine unnatürliche Stille, die nur von gleichmäßigen Tönen unterbrochen wurde. Metall auf Metall. Ein Knarzen von Holz. Das Schlagen eines Fensters. Viel zu gleichmäßig…

    Eine Gänsehaut bildete sich auf den Armen des Mannes und er zog seinen Mantel enger um sich. Seine Hand zuckte zu dem Schwert an seiner Seite, aber er entschied sich dagegen. Dies war eine Untersuchung, kein Kampfeinsatz.

    Als er den Rand des Dorfes erreichte – noch immer, ohne das geringste Anzeichen von Leben entdeckt zu haben – rief er mit stählerner Stimme: „Dorf Regin, mein Name ist Sir Daios von Kent. Ich wurde von König Singar geschickt, um den Vorfall zu untersuchen.“

    Vorfall… was für ein einfacher Begriff. Er passte so gar nicht zu den dutzenden, sich widersprechenden Berichten – einer davon angsteinflößender, als der andere. Als Daios die Briefe gelesen hatte, war er sich sicher gewesen, dass die Verfasser dem Wahnsinn verfallen waren. Aber dann würde er sich nun an den Ort begeben, der diesen Wahnsinn verursacht hatte.

    Von einem Schauder durchgeschüttelt, wartete er auf eine Antwort, einen Ausruf, irgendetwas, dass die Stille durchbrach – etwas, dass nicht so unnatürlich regelmäßig war.

    Er wusste, dass er zu lange wartete und schämte sich dafür. Ein Ritter der Krone sollte keine Angst haben. Und doch stand er nun hier, die Hand krampfhaft um den Schwertknauf geschlossen.

    Also zwang Daios einen Fuß vor den nächsten und betrat Regin.

    Das Erste was ihm auffiel, war die Verrottung. Das Holz der Häuser sah aus, als wäre es uralt. Der Stein war vermoost, Leder zerfallen und er konnte Schimmel entdecken. Aber das ergab keinen Sinn.

    Noch vor zwei Tagen war dieses Dorf normal gewesen, aber nun stand er vor Ruinen, die Monate, vielleicht sogar Jahre alt waren. Stöcke zerbrachen unter seinen Füßen, als er weiterlief. Dann sah er den ersten Menschen.

    Es war eine Frau von vielleicht fünfzig Jahren. Ihr Haar musste einmal ein schönes Rot gewesen sein, in ihrem Gesicht gab es noch Hinweise auf eine frühere Schönheit. Doch diese Zeiten waren vorbei.

    Ihre Haut war blass, an manchen Stellen aufgesprungen und vermodert. Ihr fettiges Haar hing nur noch in Fetzen. Mit Augen voller Grauen sah Daios zu, wie diese Frau – die eindeutig noch lebte – gegen eine Tür lief. Sie stand vor dem Eingang des Hauses und trat immer wieder nach vorne, schmetterte Kopf und Oberkörper gegen das dicke Holz. Jedes Mal taumelte sie einen Schritt zurück und trat wieder nach vorne.

    „Ihr… geht es euch gut?“

    Die Frau antwortete nicht, lief nur stetig weiter gegen die Wand. Zitternd griff Daios nach ihrer Schulter und sie erstarrte. Dann drehte sie den Kopf. Das Knirschen von Knochen erfüllte die Stille und die Haut ihres Halses riss auf, sodass Blut an ihr hinablief. Ihre Augen, die zu lebendig für eine Tote, aber zu leer für eine Lebende waren, blickten durch ihn hindurch. Taumelnd wich er zurück, wäre beinahe über seine eigenen Füße gestolpert. Doch sobald seine Hand ihre Schulter entließ, wandte sie sich wieder zur Tür und rannte dagegen. Immer und immer wieder.

    Der Ritter versuchte seine Atmung zu beruhigen, während er weiter in das Dorf lief. Langsam wischte er sich den Schweiß von der Stirn, aber diese Augen waren in seinen Verstand gebrannt. Das metallische Geräusch kam nun näher, also folgte er ihm nach kurzem Zögern.

    Er kam zu einem Gebäude, dass an eine Schmiede erinnerte. Das Dach war eingestürzt, der Stein hundertfach zersprungen, aber irgendwie hielten sich die Mauern noch oben. Sein Blick fiel auf einen muskelbepackten Mann, der immer wieder mit dem Hammer auf den Amboss schlug.

    Er wollte etwas sagen, ihn einfach nur ansprechen, aber diesmal fehlte ihm der nötige Mut. Also trat er um die mächtige Gestalt herum und starrte, mit von grauen erfüllten Blick, auf den Schmied. Er schlug immer wieder mit dem Hammer zu, regelmäßig und immer auf die gleiche Stelle. Dieselbe Stelle, auf der einmal seine Hand gelegen hatte.

    Ab seinem Handgelenk war nur noch eine rote Masse übrig. Zersplitterte Knochen, Fleischklumpen und getrocknetes Blut waren auf dem Amboss verteilt und der Hammer schlug immer wieder nieder.

    Wie oft hat er zugeschlagen? Wie viele Hammerschläge braucht es, damit eine Hand sich so völlig auflöst? Götter, wie kann er überhaupt noch leben?

    Daios verließ die Schmiede und atmete einmal tief durch. Doch die Luft des Dorfes gab ihm keine Erleichterung, sie fühlte sich zu trocken an. Als wäre die Luft selbst tot. Er räusperte sich nervös, aber das ließ nur seinen Hals kratzen. Also griff er mit zitternden Händen nach seiner Wasserflasche und setzte sie an seine Lippen. Klares Wasser, das war es, was er jetzt brauchte.

    Sobald das kühle Nass begann seine Lippen zu benetzen, spuckte er es aus und ließ den Schlauch fallen. Als er auf dem Boden landete, sprudelte das dickflüssige Wasser auf den Boden. Es hatte fahl geschmeckt, uralt.

    Vermodertes… Wasser?

    Er war sich sicher, dass er es heute Morgen aus einer frischen Quelle genommen hatte. Also wie?

    Seine Gedanken wurden von einem Schrei unterbrochen, der weit entfernt an sein Ohr drang. Sein ritterlicher Instinkt übernahm und er rannte in Richtung der schreienden Frau. Nach ein paar Schritten erklang er wieder und nach der gleichen Anzahl ein weiteres Mal.

    Während die Schreie immer lauter wurden, nahm die Geschwindigkeit seiner Schritte ab. Angst begann, in seinen Körper zu kriechen – eine grauenhafte Vorahnung. Er blieb vor einem relativ intakten Haus stehen, wo ein Mann auf der Treppe saß und still in die Leere blickte. Blut tropfte über sein Kinn und von seiner Unterlippe war nur noch ein zerkauter Fetzen übrig. Seine Zähne schlossen und öffneten sich im gleichen Takt, wie die Schreie, die aus dem Haus drangen.

    Also stieg Daios die Stufen hinauf, legte eine Hand an die Tür, aber zögerte dennoch. Er wusste nicht, was dahinter war, aber er wusste, dass er die Tür nicht öffnen sollte.

    Aber könnte ich meinen Schwur noch ernst nehmen, wenn dem nicht so ist?

    Ein weiterer Schrei zerriss die Stille und er gab dem Holz einen leichten Druck. Ein Teil der Platten zersplitterte, als eine verrostete Angel zerbrach. Die Tür schlug zu Boden.

    Die Frau, die auf dem Bett lag, war hochschwanger. Ihre Augen waren gen Himmel gerichtet, ihr Mund zu einem Schrei geöffnet. Sie war in viele geschimmelte Fetzen gekleidet, die vielleicht einmal kühlende Laken gewesen waren.

    Vor ihren gespreizten Beinen hockte eine alte Frau, deren Kopf auf die Brust gesunken war. Auf Daios wirkte es beinahe, als würde die Hebamme schlafen. Wenn da nicht die Pfütze wäre, die sich unter ihrem eingefallenen Gesicht gebildet hatte. Gleichmäßig, jeden der Schreie begleitend, fiel ein Tropfen aus ihrem Auge und landete in dem Teich.

    Langsam ging Daios auf ein Knie und sah in ihr Gesicht. Ihr rechtes Auge, dass all die Zeit geweint hatte, war nun völlig aufgelöst. Alles was verblieb, war eine leere Augenhöhle, aus der trotzdem weiterhin etwas tropfte.

    Der Ritter wollte aufstehen, diesen Ort verlassen, als er etwas aus den Augenwinkeln sah.

    Götter, nicht! Bitte, lasst es nicht…

    Und doch drehte er den Kopf, wandte sich der Frau zu und blickte zwischen ihren Beinen hindurch. Auf einen winzigen Kopf und leere – doch noch entfernt lebendige – Augen, die ihn anstarrten.

    Daios sprang auf, rannte aus dem Haus und fiel davor auf die Knie. Sein ganzer Körper rebellierte und als er sich nach vorne beugte, übergab er sich. Sein Husten verwandelte sich in ein Röcheln und dann in ein atemloses Keuchen. Er schlang die Arme um seinen Körper, konnte aber nichts gegen das Zittern tun.

    Geburt und Tod, keines und doch beides. Auf ewig in einem Punkt zwischen den Welten gefangen. Was könnte eine größere Schandtat am Leben selbst sein, eine größere Perversion der rechten Dinge?

    „Du hättest dort nicht reingehen sollen.“

    Er glaubte zuerst nicht, dass die Stimme real war, aber dann sah er verwirrt auf. Hinter einer zerfallenen Mauer blickte ihm eine Gestalt entgegen. Es war ein Kind, vielleicht neun Jahre alt, dass ihn anblinzelte. Ungleichmäßig anblinzelte.

    Ihre Augen waren viel zu lebendig, als dass sie hierhergehören könnte. Daios schluckte, bevor er sich an einem Lächeln versuchte: „Hallo…“

    Das Mädchen sah ihn angsterfüllt an, als er sich langsam erhob und das Erbrochene vom Kinn wischte. Ja, sie war… normal. Ihr Blinzeln war ungleichmäßig, ihre Bewegung nicht in diesem Takt gefangen. Diese Erkenntnis rührte ihn fast zu Tränen, aber er zwang sich zur Ruhe: „Ich…“

    Er musste sich räuspern, um die stumpfe Zunge zu lockern: „Ich bin ein Ritter des Königs. Man hat mich geschickt, um… mich umzusehen.“

    Das Kind blickte ihn reglos an, vielleicht verstand sie ihn nicht. Als er auf sie zutrat, ihr die Hand reichen wollte, sprang sie ängstlich zurück. Er schluckte kurz und blickte dann zu Boden: „Es tut mir leid, ich bleibe hier stehen. In Ordnung?“

    Nach einer Weile nickte sie. Dann, als wäre es diese Frage gewesen, die sie schon die Ganze Zeit beschäftigt hatte, sagte sie: „Lebt es noch?“

    „Was meinst du?“

    Sie nickte in Richtung des Hauses und der Geburt: „Ich habe gehört, dass Frau Lenen ein Kind bekommt. Ich habe mich aber nicht getraut…“

    Sie blickte traurig zu Boden. Daios brauchte nur eine Sekunde, um sich zu einer Antwort zu entscheiden: „Es ist tot. Nicht wie… die Anderen.“

    Das Mädchen nickte mit einem traurigen Lächeln. Dann fragte sie: „Bist du hier, um uns zu retten?“

    Was konnte er antworten, was keine Lüge war? Wie sollte er ihr Mut machen, ohne den Glauben an sich selbst zu verlieren?

    Er fand keine Antwort auf diese Fragen und so sagte er: „Ich werde dich hier rausbringen, Kleine. Bist du die Einzige, die noch…“

    Er wusste nicht, was hier los war und so blieb ihm das Wort „lebendig“ im Hals stecken. Aber sie schien ihn zu verstehen, denn sie nickte: „Tante Beru hat mich in den Keller gebracht, als sich der Himmel verändert hat. Eigentlich durfte ich nicht rauskommen, aber… ich habe so lange gewartet.“

    „Es war richtig, dass du rausgekommen bist. Wie heißt du?“

    Sie sah ihn mit großen Augen an, als wäre diese Frage irgendwie seltsam. Dann füllte sich ihr Blick mit Schrecken und sie flüsterte: „Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht erinnern.“

    „Das ist in Ordnung.“, antwortete er schnell: „Kannst du mir erzählen, was hier passiert ist?“

    Das namenlose Mädchen zögerte bei dieser Frage, aber erklärte dann: „Es war Kuchentag. Mama hat versprochen, dass es Apfelkuchen geben würde. Ich war draußen mit meinen Freunden spielen. Mit… äh…“

    Ihre Stimmte brach ab, als sie sich auch nicht mehr an die Namen ihrer Freunde erinnern konnte. Dann schüttelte sie mit wässrigen Augen den Kopf: „Wir waren draußen und dann wurde der Himmel komisch. Da waren Farben, als würde der Himmel brennen. Ganz lauter Krach kam von da oben und wir haben hochgesehen. Wir haben zugeguckt, als diese Gestalten gekämpft haben.“

    „Kämpfende Gestalten? Bist du dir sicher?“, fragte Daios mit zitternder Stimme, worauf sie nickte. Also war es wahr… Sie hatten andere Berichte gehört, dass zwei Wesen, ungleich allem menschlichen, im Himmel gegeneinander gekämpft hatten. Er hatte es für Schwachsinn gehalten und würde es auch jetzt noch, wenn er nicht dieses Dorf gesehen hätte.

    „Zwei Götter, die sich gegenseitig bekämpft haben?“, murmelte er leise verwirrt. Was sollte sonst zu solch einer Monstrosität fähig sein? Was sonst, könnte diese Karikatur einer Realität erschaffen?

    „Dann hat der Boden zu beben begonnen.“, fuhr das Mädchen leise fort: „Wir sind alle zurück gerannt, zu unseren Eltern. Mama hatte große Angst und Papa hat die ganze Zeit zum Himmel geguckt. Und dann…“

    Hier brach sie ab und blickte in Richtung der Dorfmitte. Dorthin, wo Daios bereits aus der Entfernung dieses Unding gesehen hatte: „Dann ist jemand vom Himmel gefallen.“

    „Jemand? Nicht etwas?“, fragte er schnell nach. Ein Bericht hatte erwähnt, dass etwas Strahlendes – man hatte es Feuerball genannt – zu Boden gestürzt sei. Direkt auf das Dorf Regin zu: „Willst du sagen, dass es ein Mensch war?“

    „Ich weiß es nicht. Aber sie hat gebrannt und da war überall Blut. Es war wie Regen. Sie ist dort hinten hingestürzt und dann hat Mama – ja, ich glaube es war Mama, nicht Beru – mich genommen und zum Keller gebracht. Hat gesagt, dass ich dort warten soll. Dass sie noch Papa holen will und… und…“

    Tränen flossen dem Kind über die Wange und endlich ließ sie Daios nah genug, dass er sie in den Arm schließen konnte. Er spürte ihr Zittern, auch wenn er es kaum von seinem eigenen unterscheiden konnte. Wenn über diesem Dorf wirklich zwei Gottheiten gewütet hatten, wäre die gefallene Gestalt…

    „Die Leiche eines Gottes.“, hauchte er voller Angst. Und wer konnte schon sagen, was das bedeutete. Jede Vermutung über den Zustand dieses Dorfes war absurd, weil es um Dinge ging, die er nicht verstehen konnte. Vielleicht niemand in diesem ganzen Reich.

    Doch was war seine Pflicht? Konnte er das Mädchen nehmen und zurückreiten? Wäre sein Auftrag damit erfüllt? Aber was würde das ändern? Dieses Dorf wäre auch weiterhin gefangen in diesem Rhythmus des Wahnsinns. War es nicht seine Pflicht, mehr zu erfahren? Seinem König zu berichten, was in dieser Mitte war?

    Und doch schlug sein Herz immer schneller und seine Füße traten wie von selbst in Richtung des Dorfendes. Das Mädchen klammerte sich an ihn, doch ihre Angst beschämte ihn nur. Wie konnte er ihr Mut zusprechen, wenn er selbst sich von seiner Angst beherrschen ließ?

    Und so drückte er sie sanft von sich und wandte sich in Richtung der Dorfmitte. Sie schluchzte und flehte ihn an, zurückzubleiben, doch in ihm war ein irrer Wunsch erblüht. Er wollte sehen, was zu Boden gestürzt war, was für diese Monstrosität verantwortlich war.

    Und so zog er sein Schwert, ohne zu wissen wofür, und setzte einen Schritt nach vorne. Das Kind blieb schluchzend hinter ihm zurück und dort war es wohl auch sicherer. Es war nur ein kurzer Weg, nicht einmal zwei Biegungen, aber trotzdem zog dieser sich in seinem Kopf stundenlang hin.

    Als er dann endlich um die Hausecke blickte, verschlug es ihm den Atem. Er verstand, warum das Mädchen es als SIE bezeichnet hatte, aber konnte auch seinen ersten Eindruck nicht als Falsch befinden. SIE war ein Unding, bar jeder Realität.

    Die Frau war auf einem Zaun aufgespießt worden, der sie weder liegen ließ, noch ihr das Stehen ermöglichte. Ihr Gesicht, ihre Haut und ihre Kleidung waren nicht als etwas Menschliches erkennbar. Dunkelheit, schwärzer als jede Nacht, schien alles an ihr auszumachen. An dem Zaun hinab floss das pechschwarze Blut, dass einen See zu ihren Füßen erschaffen hatte. Einen See, größer noch als die meisten Häuser. Vielleicht hätte er aus der Nähe ihre Gesichtszüge ausmachen können. Doch so stand er nur vor all dem Blut – mehr, als jeder Körper tragen konnte – und starrte auf dieses Wesen. War es eine Göttin? Etwas anderes? Machte es einen Unterschied?

    Und in dem Moment, als ihm völlig unsinnige Fragen durch den Kopf gingen, bemerkte er es. Ein winziges Erschauern der Oberfläche des Sees. Blinzelnd hockte er sich hin und sah genauer hin. Ja, die Oberfläche schien zu vibrieren. In einem gleichmäßigen, langsamen Takt.

    Zitternd blickte er auf, sah nun genauer auf das tote Ding. Er erkannte, wie ihre Augenlider zitterten, wie ihre Lippen sich ein kleines bisschen öffneten. Er bemerkte das Zucken eines Fingers.

    All das, im selben Takt. Ein Rhythmus, der – sowie ihm nun auffiel – von Geräuschen aus dem Dorf begleitet wurde. Dem Schrei einer Frau, dem Schlagen eines Hammers auf einen Amboss.

    Und er wusste, dass in eben diesem Rhythmus eine Träne aus einem leeren Auge fiel und eine Frau sich gegen eine Tür warf. Ein Rhythmus, der von diesem Ding kam. Und dieser Rhythmus war…

    „…ein Herzschlag.“

    Daios wirbelte herum und rannte, so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an, aber er warf sie kurzerhand über seine Schulter. Sein Herz schlug, schneller noch, als jemals zuvor. Er hörte die geschrienen Fragen des Kindes, aber ignorierte sie.

    Er stürmte aus dem Dorf und zu seinem Pferd, das wild an seiner Leine riss, beinahe wahnsinnig geworden. Er flüsterte beruhigend auf das Tier ein und hievte das Mädchen auf den Sattel. Als er das Gefühl hatte, sein Reittier weitgenug beruhigt zu haben, sprang er auf und begann zu reiten.

    Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an und fragte: „Aber… meine Eltern…“

    Er lächelte sie traurig an: „Ich bringe dich erstmal in Sicherheit, Kind. Und dort werden wir vielleicht jemanden finden, der deinem Dorf helfen kann.“

    Er log sie an, oder glaubte die Worte jedenfalls nicht. Aber in diesem Moment war es ihm egal. Ihn interessiert nicht, wie der König auf dieses schlafende Ding reagieren würde. Was er wegen dem Dorf tun konnte.

    Nein, er musste nur so weit wie möglich weg, bevor es aufwachte.

    Drei Tage später erreichte eine Legion Soldaten den Standort von Regin. Angeführt von den vier besten Magiern des Königreiches, waren die Tausend Mann vom König gesandt worden.

    Doch als sie, bereit für die Schlacht, ihr Ziel erreichten, fanden sie nur eine grüne Wiese vor. Alle Karten waren sich einig, dass das Dorf hier sein sollte. Doch das Gras war hochgewachsen, als hätte es niemand in den letzten Jahren berührt. Kein Anzeichen eines alten Gebäudes, oder von einstigem Leben. Keine Spur von den gut zweihundert Bewohnern des Dorfes.

    Und doch, auch wenn es keiner der Soldaten zugeben wollte, waren sie sich alle einig, dass an der Geschichte etwas Wahres war. Denn sie alle hörten, abseits von dem Schlagen ihres eigenen Herzens noch ein anderes Geräusch. Einen langsamen Rhythmus, der alles an diesem Ort zu berühren schien.

    ENDE

  • Das Schleifen der Unschuld

    Viele haben mich gefragt, warum ich mich auf diese Reise begeben habe, warum ich jegliche Vorsicht habe fahren lassen. Die einfache Antwort? Neugier. Es war im Monat der Sejad vor 49 Jahren, dass meine Mutter mir ein Geheimnis über meine Vergangenheit offenbarte. Ich stammte vom Volk der Fahedi ab. Ich habe nie erfahren, ob es eine Verbindung der Liebe, oder eine Vergewaltigung des Krieges war, die sich vor hundert Jahren in meinem Stammbaum ereignete. Nach all der Zeit hat diese grausame Unterscheidung wohl auch jegliche Bedeutung verloren.

    Natürlich war ich ganz fasziniert von diesem fremden, unbekannten Blut, dass in meinen Adern floss und wollte mehr über meine Abstammung erfahren. Doch all die Geschichten, die ich las, all die Berichte von Tot und Verderben, haben mich nur mit Schrecken erfüllt. Es waren Legenden von Monstern, von blutrünstigen Barbaren, wie sie kleinen Kindern in Ammenmärchen erzählt werden.

    Ich war damals, wenn ich mich richtig erinnere, 22 Jahre alt. Zu jung, um die Weisheit des Alters zu haben, aber auch zu alt, um noch die Ratschläge der Älteren anzunehmen. Und so machte ich mich auf eine Reise, auf die Suche nach diesem Volk.

    „Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle

    Tenja wurde von einem einzigen Schlag gegen die Tür geweckt und fiel beinahe aus dem Bett. Fluchend zwang sie sich nach oben, schob sich die verschwitzten Haare aus dem Gesicht und gähnte erst einmal lautstark. Als sich ihre Augen langsam an das Tageslicht gewöhnten, öffnete sie blinzelnd die Tür und sah nur noch den Rücken ihrer Mutter, wie diese Tenjas kleinen Bruder nach unten scheuchte. Über die Schulter hinweg rief die alte Frau: „Zieh dich an und komm zum Essen.“

    Tenja nahm weder das Zittern der Stimme, noch den Blick wahr, der den ihren nicht treffen wollte. Ihr Kopf war noch zu verschlafen und so zog sie sich  mit mechanischen Bewegungen an, schrubbte sich in dem kleinen Wassertiegel sauber – so gut das auch ging – und trat zu ihren Eltern an den Esstisch.

    Sie waren gute Schauspieler, ihre Eltern, weswegen ihr wohl nichts aufgefallen wäre. Leider konnte man das von ihrem kleinen Bruder nicht sagen, der sie mit großen Augen über die Essteller hinweg anstarrte. Sein Vater gab ihm einen kleinen Klapps auf den Schädel und er widmete sich seinem Essen – etwas zu spät.

    „Was ist los?“, fragte sie mit vollem Mund, worauf ihre Mutter breit lächelte.

    „Nichts, mein Kind. Es ist alles gut.“

    Tenjas Blick glitt zu ihrem kleinen Bruder, der sich nur noch tiefer in die Schüssel beugte: „Eon, was ist los?“

    „Ich darf nicht mit dir reden.“, nuschelte er leise.

    Sie warf ihren Eltern einen verwirrten Blick zu, worauf ihre Mutter seufzte: „Das habe ich nicht gesagt, Eon. Ich meinte nur, dass du… deine Schwester nicht bei ihrem Namen nennen sollst.“

    Tenjas Löffel fiel auf den Boden und sie starrte ihre Familie mit großen Augen an. Die Mundwinkel ihres Vaters zuckten – mehr als eine Andeutung erlaubte er sich nicht. Aber es war ihre Mutter, die ihr zuzwinkerte. Eon blickte nur noch  verwirrter, er verstand nicht, was heute für ein Tag war.

    Ich habe meinen Namen verloren…

    Tenja kannte die Bedeutung nur zu gut – heute war der Tag, an dem sie erwachsen werden würde.

    Gegensätzlich zu vielen Geschichten war es nicht schwer, die Fahedi zu finden. Ihr Dorf zu betreten, war allerdings eine ganz andere Angelegenheit. Das ganze Volk, wenn man die wenigen tausend Menschen denn als solches bezeichnen konnte, hatte sich in den Fang-Bergen eingelebt. Auf dutzende, vielleicht sogar hunderte Siedlungen verteilt, lebten sie abgeschieden von der Außenwelt. Händler wurden am Gebirgsfuß begrüßt und bezahlt, Reisende wurden zu Umwegen angeregt und Dummköpfe, die ihr Zuhause betreten wollten? Nun, ich bin niemand anderem begegnet, der diesen Fehler beging.

    In meinen Forschungen gab es ein paar Fakten, über die sich alle Quellen einig zu sein schienen. Die Fremdenfeindlichkeit war das eine, ihre kämpferische Macht das andere. So oft las ich von der unvergleichlichen – ja, fast schon unnatürlichen – Stärke der Krieger der Fahedi. Man sagte sogar, dass sie unsterblich, unverwundbar in jeder Schlacht sein sollen. Aber ich hielt mich für etwas Besonderes, ein verlorenes Kind und trat vor die Passwächter. Ich erzählte ihnen von meiner Abstammung, von meinem Wunsch nach der Wahrheit. Davon, dass ich mir sicher war, all diese Geschichten seien nichts weiter als Lügen.

    Und wie reagierten sie?

    Sie schlugen mich grün und blau. Dann ließen sie mich am Wegesrand liegen.

    „Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle

    Als es an der Tür des Hauses klopfte, war Tenja die Erste, die aufsprang und das Schloss aufriss. Ihre Mutter begann sie bereits für ihr Ungestüm zu tadeln, als die Gana, eine der Dorfältesten, das Haus betrat. Sie war bereits ganz runzlig, das weiße Haar war in dutzenden, meterlangen Zöpfen immer wieder um ihren Körper und um ihre Glieder gewickelt. Ihre bernsteinbraunen Augen blickten ihre Familie durchdringend an. In diesem Moment spürte Tenja Scham. Scham, für ihre braunen Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten, Scham für ihre grünen Augen.

    Ob Eon sich wohl ähnlich fühlt? Nein, er ist noch zu jung. Wahrscheinlich hat er noch nie darüber nachgedacht, wieso unsere Augen so anders als die unserer Eltern sind. So anders, als die eines jeden auf diesem Berg.

    „Gana.“, grüßte ihr Vater die Ältere mit einer tiefen Verbeugung.

    Die Frau musterte einen jeden von ihnen mit ausdruckslosem Blick, bis sie sich Tenja zuwandte: „Du wirst mich begleiten, Kind der Fahedi. Wenn du weinst, dich nach deinem Blute umdrehst, oder auch nur zögerst, hast du versagt. Dies ist die erste Prüfung der Schleifung.“

    Dann drehte sie sich um  und verließ das Haus. Kein Abschied, keine Worte an ihre Familie. Nicht einmal einen Blick wagte sie, sondern stolperte hinter der Alten heraus. Hinter sich erklangen die Fragen ihres Bruders, aber keiner ihrer Eltern wagte zu antworten, während die Gana in Hörweite war. Nein, sie weinten nur still.

    Als ich wieder aufwachte war es bereits Nacht und mein Körper schmerzte auf grausamste Weise. Ich weinte eine Weile. Zu einem Teil vor Schmerz, zu einem anderen vor Enttäuschung. Und trotzdem stand ich am Ende auf und schlich mich den Berg hinauf. Ein Teil von mir wusste, dass sie mich töten würden, sollten sie mich das nächste Mal sehen. Und trotzdem – von irrsinnigen Emotionen beherrscht – schlich ich mich über die Felshänge. Vorbei an den Wachen und dann noch weiter und immer weiter. Bis ich zu einem kleinen Dorf kam. Mir fiel sofort auf, wie seltsam hier ein Jeder aussah. Manche trugen Haare, länger als ich sie bei irgendeinem Menschen jemals gesehen hatte. Andere, meistens ein wenig jünger als ich selbst, liefen mit einem blanken Kopf umher.

    Und obwohl sie alle unterschiedlichste Kleidung trugen, die verschiedensten Gesichts- und Körperformen besaßen, hatten sie alle eine gewisse Ähnlichkeit. Augen in der Farbe von Bernstein und Haare, so weiß wie Schnee.

    Als mir diese Wahrheit bewusst wurde, wandte ich schnell meinen Blick zu Boden, versuchte keine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich hatte Angst, mehr noch vor der Wahrheit, die mein Erfolg enthüllen würde, als die Strafe, die mein Fehlschlag herbeiführen würde. Denn ich hatte es begriffen, von dem Moment an, als die viel zu starken Schläge auf mich eingeprasselt waren. Ich hatte verstanden, dass all diese Legenden, all diese Geschichten einen wahren Kern hatten. Und so sehr ich diese Wahrheit fürchtete, so sehr ich einfach nur wegrennen wollte, trieb mich etwas voran. Nicht die Suche nach meinem Erbe, diese kam mir nun wie die irrsinnige Idee eines Kindes vor. Nein, meine Schritte wurden von einem der grundlegendsten Gefühle überhaupt angetrieben.

    Neugier.

    „Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle

    Tenja wurde in einen kleinen Tempel geführt, wo die Gana endlich stehen blieb und ihr – sie könnte es für Respekt halten – zunickte: „Jetzt komm, Namenlose.“

    Sie hastete hinterher, bis sie eine Grube auffanden, die in der Mitte eines leeren Saales im Boden war. Tenja runzelte die Stirn, als sie ein seltsames Zischen hören konnte. Da unten bewegte sich etwas…

    Die Gana gab ihr einen kräftigen Stoß in den Rücken und mit wedelnden Armen – im letzten Versuch ihr Gleichgewicht zu halten – stürzte Tenja nach unten. Zum Glück war die Grube nicht tief und als sie aufschlug, landete sie weich. Sie wollte gerade dem Goldenen danken, als etwas über ihre Hand streifte. Dann über ihr Bein, über ihre Hüfte, ihre Zehen und ihren Arm. Hier unten war etwas und dieses etwas bewegte sich.

    Licht, ich brauche…

    Der Gedanke versiegte, als sie das Zischen ein weiteres Mal hörte, diesmal aus allen Richtungen. Von ihrem eigenen Körper aus und von unter ihr. Und dann erst begriff sie, dass in der Grube nicht nur irgendein Wesen war. Die Grube war gefüllt – gefüllt mit hunderten Schlangen.

    Tenja entwich ein panisches Schluchzen und sie versuchte sich aufzurichten, aber glitt an den schuppigen Körpern ab. Ihre Finger krallten sich  in die Wände, doch es gab keine Unebenheit. Sie saß fest.

    „Beruhige dich, Namenlose.“, drang die Stimme der Gana von oben herab und sie begriff, dass die alte Frau am Rand saß. Sie wollte schreien, fluchen, betteln, oder drohen; doch all das blieb ihr im Mund stecken.

    Ich bin kein Kind! Ich bin Tenja von den Fahedi! Und ich werde es beweisen.

    Die Schlangen griffen sie nicht an. Wenn sie nicht in Panik geraten wäre, hätte sie das auch schon vorher bemerkt. Warum sollte eine Gana auch jemanden töten, der bereit für das Schleifen war? Sie hatte gesehen, was die letzte Prüfung, die Dritte, anrichtete.

    Also ist das nichts, als eine weitere Prüfung.

    Zitternd sank sie auf die Knie und wartete, ließ zu, dass die Kreaturen an ihr hochglitten, sich um ihre Arme wanden. Ihr Atem wurde schwerer, als sich eine von ihnen um ihren Brustkorb wand. Und als Schuppen ihren Hals streiften, lief eine dünne Träne über ihre Wange. Sie hoffte nur, dass die Gana sie nicht sehen konnte.

    Dann, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, fragte die alte Frau: „Hast du jemals getötet?“

    Es war gut, dass sie etwas fragte, irgendetwas tat. Das bedeutete, dass sie selbst etwas tun konnte, außer zu warten und dass es irgendwann vorbei war. Und so, ohne eine Sekunde zu zögern, antwortete sie: „Nein.“

    Es kam keine Antwort. Kein Hinweis, ob es die richtige Antwort gewesen war. Dann, als ihr Herz begann, schneller zu schlagen, stellte die alte Frau ihre zweite Frage: „Hast du jemals gelitten?“

    Darauf runzelte sie verwirrt die Stirn. Was war das für eine Frage? Hatte nicht ein jeder gelitten? Kannte nicht jedes Kind, jedes Lebewesen Schmerz? Was für eine einfache Frage. Und so öffnete sie den Mund, wollte ihre Antwort geben, als das Zischen um sie herum lauter wurde. Und etwas Scharfes gegen ihren Hals drückte.

    War das ein Zahn? Wollte eine dieser Schlangen ihr den Hals aufreißen? Wollten sie sie verschlingen? Wollten sie ihr zeigen… was Leid war?

    Wie kann ich behaupten, jemals gelitten zu haben, wenn ich solche Angst vor diesem Biss habe? Ist es das, was mir diese Prüfung beweisen soll? Das ich noch ein Kind bin? Wollen sie mich zu ihrer Antwort zwingen?

    Aber nein, dass ergebe keinen Sinn. Es war etwas anderes. Es musste etwas anderes sein. Und dann, als sie über diese Dinge nachdachte, die niemals ihren Verstand belastet hatten, verstand sie es. Verstand, dass ihre Antwort eine Lüge gewesen war. Dass sie wusste, wie Leid aussah – sie hatte es in den Augen so vieler anderer gesehen, ein jedes Mal, wenn sie das Schleifen gesehen hatte. Sie kannte nicht wahres Leid.

    Also, ohne ein weiteres Zögern, antwortete sie: „Nein.“

    Das Stechen an ihrem Hals verschwand, der Druck auf ihren Körper nahm ab, aber wieder gab es keine Antwort. Sie wartete diesmal mit mehr Zuversicht. Sie war sich sicher, dass es nicht schlimmer werden konnte.

    „Hast du jemals geliebt?“

    War es nur ihre Einbildung, oder wurden die Schlangen leiser? Bewegten sie sich kaum noch, als würden sie auf ihre Antwort warten?

    Sie lauschen, hoffen auf meinen Fehler. Bereit mich zu zerfleischen, mich zu töten, ehe ich mein Kindesleib verloren habe.

    Aber sie konnte nicht lügen, nicht ohne die Fänge zu spüren. Und sie konnte nicht die Wahrheit sagen, soviel hatte sie begriffen. Diese Fragen drehten sich um ihre Unschuld – darum, ob sie noch ein Kind war. Was wäre, wenn sie eine dieser Fragen bejahte? Würde man sie trotzdem schleifen, sie zu einer Erwachsenen machen? Oder wäre sie für immer gefangen, im Körper eines Kindes? Eine Ausgestoßene, die niemals eine wahre Fahedi werden könnte.

    Und unter all diesen Gedanken wanden sich Erinnerungen. Erinnerungen an diesen Jungen – Hujo, wie er noch gestern hieß. Sie erinnerte sich an sein Lachen, seine leuchtenden Augen und an das Gefühl, ihn zu küssen. Wie sie sich geliebt hatten, in dieser einen Nacht unter der aufgehenden Sonne. Seine Wärme, diese Zuneigung und…

    Die Tränen liefen über ihre Wangen, völlig ungehemmt und ihr fehlte die Kraft, es zu verhindern. Sie wollte still trauern, aber dann entwich das Schluchzen ihrem Mund. Würde die Gana sie dafür schlagen, oder auf ihre Antwort warten? Eine Frage, auf die es keine richtige Antwort gab.

    Ich werde es nicht leugnen, ich werde meine Gefühle nicht verstecken. Sollen sie mich hassen, sollen sie mich verjagen. Ich schäme mich nicht.

    „J…“, begann sie und Zähne gruben sich in ihren Hals. Nicht tief genug, um sie zu töten, doch warmes Blut tropfte auf ihre Schulter. Eine andere Schlange grub ihre Fänge in ihren Arm, eine andere in ihr Bein. Sie schrie vor Schmerz auf, die Antwort blieb im Halse stecken. Und dann, als sie bemerkte, dass sie noch lebte, noch atmen konnte, sank sie in sich zusammen.

    „Wieso…“

    Tenjas Worte waren nur ein Flüstern. Vielleicht erreichten sie die Gana überhaupt nicht. Also fragte sie noch einmal, zitternd, aber mit kräftiger Stimme: „Warum greifen sie mich an?“

    Ihre Angst, dass die Frage unbeantwortet bleiben könnte, erfüllte sich zum Glück nicht: „Sie interessieren sich nicht für die läppischen Lügen, die wir uns selbst erzählen. Sie kennen unser Inneres, unsere Herzen. Das sind die Lügen, auf die sie antworten.“

    „Aber ich liebe ihn…“

    Es kam lange Zeit keine Antwort, nicht einmal ein Atmen war zu hören. Dann flüsterte die alte Frau, mit einem Hauch von Mitgefühl: „In der zweiten Prüfung geht es nicht darum,  dir die Wahrheit zu zeigen. Es geht darum, zu entscheiden, ob du noch geschliffen werden kannst.“

    „Was für eine abscheuliche Tradition.“

    Sie sagte darauf nichts – vielleicht war das Antwort genug -, sondern fragte erneut: „Hast du jemals geliebt?“

    „Nein.“, kam die tonlose Antwort und als die Schlangen – um ihren ganzen Körper gewickelt – ihre Fänge von ihr lösten, wollte sie schreien. Aber sie saß nur ruhig da, hörte der Leiter zu, die hinabgeworfen wurde. Langsam, lethargisch, zwang  sie sich nach oben. Blut tropfte von ihrer Haut, sie zitterte, ihr Verstand war ein Wirbelsturm. Dann blickte sie auf und sah die Gana vor einem Stuhl sitzen, ein kleines Messer in der Hand. Neben ihr stand ein Eimer mit Flüssigkeit.

    „Zieh dich aus.“

    Sie schluckte kurz, ihr Blick auf die Klinge gebannt, aber dann zog sie hastig Kutte, Hemd, Schuhe und Hose aus, bis sie völlig nackt vor der alten Frau stand, die auf den Stuhl deutete. Sobald sie saß, schmierte die Gana ihren Kopf mit der Flüssigkeit ein. Sie war irgendwie schaumig, ganz anders, als Tenja es vermutet hatte. Dann fuhr die Klinge über ihren Kopf und die Haare fielen.

    Es dauerte nicht lange, bis ihre ganze Kopfbehaarung auf dem Boden verteilt war, aber die alte Frau arbeitete nur ruhig weiter. Ihre Schultern, Arme und Achseln wurden alle sorgsam beschmiert und dann von jedem noch so winzigen Härchen befreit. Selbst zwischen ihren Beinen, wo sie erst seit etwas über einem Jahr Haare hatte, fuhr die Klinge entlang. Und wie durch ein Wunder hatte Tenja am Ende keinen einzigen Kratzer. Nein, jetzt fühlte sie sich nur noch nackter, als es eigentlich möglich sein sollte.

    Die alte Frau erhob sich und lächelte sie an: „Komm, Kind. Es wird Zeit für das Schleifen.“

    Es gab ein paar Dinge, die ich bereits nach wenigen Stunden verstand. Zum einen, dass die Fahedi einen nur schwer zu verstehenden Dialekt des Grenndischen verwendeten und für mich deshalb in vielen Situationen nur schwer zu verstehen waren. Gleichzeitig hieß das aber auch für mich, dass ich keinerlei Wortwechsel riskieren konnte, ohne als Fremdling erkannt zu werden.

    Zum anderen waren meine ersten Vermutungen wohl korrekt gewesen. Ein Jeder in diesem Dorf hatte dieselbe Augenfarbe und dieselbe Haarfarbe. Dementsprechend musste ich mich  mit einem Kopftuch bedecken und den Blick auch weiterhin gesenkt halten. War das meinem Stolz zuträglich? Sicher nicht, aber welchem Mann von starkem Blute hindert der Stolz am Entdeckertum.

    Zuletzt begriff ich, dass ich einen besonderen Tag zum Besuch gewählt habe. Alle Dorfbewohner waren ganz hektisch, ja sogar aufgeregt. Man könnte meinen ein großes Fest stände bevor, auch wenn ich weder Zelte, noch Musiker bemerkte. Und sie alle sprachen von demselben Wort, dass ich – in Anbetracht meiner nicht perfekten Kenntnisse des Grenndischen und dem örtlichen Dialekt – nur als ‚Härtung‘ wiedergeben kann.

    Und so folgte ich dem Strom, der mich durch die Gassen und Viertel der Siedlung führte, bis sich die Menge auf einem großen Marktplatz verteilte. Ich selbst suchte mir einen ruhigen Platz neben einem hölzernen Gestell. Hoffte, dass ich vor jeder Aufmerksamkeit geschützt sein würde, aber trotzdem einen guten Blick haben konnte. Und was für ein Anblick es war!

    All diese Leute – Hunderte, wenn meine Überschlagung korrekt war – starrten zu einer großen Plattform, auf der drei Gestelle standen. Sie bestanden aus jeweils zwei senkrechten Holzpfeilern, an denen Ketten herabhingen. Und zur rechten, von meiner Seite aus, warteten mehrere alte Leute mit drei Kesseln. In diesem Moment hat sich eine gehörige Prise Angst zu meiner Neugier gesellt, aber diese wurde auch nicht weniger. Und dann kamen sie.

    Zwei Mädchen und ein Junge, so nackt wie am Tage der Geburt. Nach meiner Einschätzung waren sie alle zwischen 15 und 17 Jahren, auch wenn das schwer zu deuten war, da sie völlig unnatürlich aussahen. Ja, irgendetwas hatte sie ihrer Haare beraubt. Vielleicht war es eine Krankheit, oder etwas Kulturelles? Damals kannte ich keine Antwort, aber mittlerweile bin ich diese Erlebnisse so oft im Kopfe durchgegangen, dass ich mir sicher bin, dass es Zweiteres war.

    Diese drei Kinder – dieses Wort klingt für mich am besten – knieten sich dann zwischen die Pfeiler und wurden sogleich mit den Ketten gefesselt. Ihre Arme seitlich nach oben gestreckt, die Füße etwas schlaffer auf dem Boden gehalten. Es erinnerte mich an Szenen der Auspeitschung, wie ich sie auf Gemälden gesehen hatte. Vielleicht auch an öffentliche Hinrichtungen, aber diese Gedanken habe ich schnell vertrieben.

    Dann trat einer der alten Männer nach vorne, trug einen der Kessel mit sich, bis er hinter dem Jungen stand. Zwei andere Gestalten hockten sich links und rechts neben das arme Kerlchen. Sie sagten etwas, dass ich nicht verstehen konnte und dann – ich will es eigentlich nicht beschreiben – schütteten sie den Inhalt des Kessels über das Kind.

    Es war schwarz, aber glitzerte silbern und sobald es den Jungen berührte, begann er zu schreien. Ich kann diesen Schrei nicht beschreiben, da ich seit diesem Tag nichts Vergleichbares gehört habe. Und für diese Tatsache danke ich den Göttern. Also kann ich es nur so benennen: Wenn es jemals einen Schrei des reinsten Leides gegeben hat, so war es dieser. Der Junge kreischte, als würde man ihn häuten, als würde er in Lava getaucht. Und die beiden Alten neben ihm? Die begannen, die Flüssigkeit zu verschmieren, verteilten sie auf jedem Abschnitt seines Körpers. Sie hoben ihn auch ein Stück hoch, um die Schienbeine zu bestreichen. Und während all dieses Vorganges, der mir noch heute Übelkeit bereitet, saßen die beiden Mädchen nur mit starrem Blick da. Und mir wurde klar, dass ich diesen Schrei noch zwei Mal hören würde.

    Als der Kessel geleert war, hing der Junge kraftlos in den Ketten, sein Keuchen laut genug, dass auch ich es wahrnehmen konnte. Ich glaubte, dass es vorbei war, dass er nun sicher war, aber dann bemerkte ich das Schwert. Der gleiche Mann, der den Kessel benutzt hatte, zog nun einen Säbel hervor, hob ihn zum Schlag. Ich konnte es nicht begreifen, warum sollten sie ihn töten? Hatte er etwas falsch gemacht? Hätte er nicht schreien dürfen?

    All diese Gedanken glitten durch meinen Kopf, als die Klinge hinabfiel und… Ihr werdet mir nicht glauben, aber sie prallte am Hals des Jungen ab. Als wäre sie gegen Stahl geschlagen worden. Dieses Kind, dass voller Schmerz in den Fesseln hing, zuckte nur leicht zusammen, als hätte man ihm einen Klapps gegeben. Und ich begriff, was all diese Legenden bedeuteten. Was die Fahedi waren. Und – ich schämte mich dieser Wahrheit, aber will sie auch nicht leugnen – in diesem Moment war ich stolz,  dieses Blut in meinen Adern zu haben.

    Als der zweite Kessel geleert wurde und die Frau zu schreien begann, kam es mir nun wie eine Prüfung vor, eine letzte Stufe zur Unverwundbarkeit. Ich verstand, warum man ihnen die Haare genommen hatte. Natürlich sollte diese magische Flüssigkeit nicht aufgehalten werden. Und dann, als sie in ihren Ketten zusammensackte, starrte ich mit großen Augen auf die erhobene Klinge. Ich musste lächeln und dankte den Göttern, Zeuge dieses Anblickes geworden zu sein.

    Dann fuhr der Säbel nieder und trennte den Kopf des Kindes von ihren Schultern. Blut spritzte zwischen ihren Schultern hervor, ihr Schädel fiel von der Plattform und Stille überkam die Massen.

    „Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle

    Tenja starrte mit großen Augen auf den Kopf, der über den Rand der Plattform rollte und dahinter verschwand. Sie hatte das Mädchen, dass gestern noch Tola genannt wurde, schon seit ihrer Geburt gekannt. Und nun war sie tot. Sie hatte bei der letzten Prüfung, dem eigentlichen Schleifen, versagt.

    Gerade noch waren ihre Gedanken bei Hujo gewesen. Sie hatte sich gleichzeitig gefreut ihn bei der dritten Prüfung zu sehen, aber ihn auch gehasst, wegen dem, was es bedeutete. Wegen der Lügen, die er ihr ins Ohr geflüstert hatte. Aber diese Gedanken hatten nur Scham und Wut auf sich selber geweckt, die Heuchlerin, die sie war. Und dann, als die Klinge bewies, dass er nun den Körper eines Mannes hatte, wollte sie lachen. Nur um dann das Blut neben ihr zu sehen.

    Als der Gana nun hinter sie trat, den Kessel erhoben, musste sie ihre Angst ein weiteres Mal bezwingen. Sie zwang sich, ihre Eltern, ihren Bruder anzusehen, die vor ihr standen und sie mit zuversichtlichen Augen anblickten. Das gab ihr Kraft, genug Kraft, um sich aufzurichten und zu nicken.

    Sobald der erste Tropfen auf ihre Schulter fiel, hatte Tenja das Gefühl, diese würde in Flammen aufgehen. Als wäre es flüssiges Feuer, dass man über sie schüttete. Die Idee, das Schleifen ohne einen Laut zu bestehen, war nun irrsinnig und irrelevant. Jetzt konnte sie nur noch kreischen. Sie schrie, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte. Ihr ganzer Körper wurde in Flammen gebadet, während sich ihre Haut aufzulösen schien. Am Rand ihrer Wahrnehmung spürte sie Lappen, die dieses etwas auf ihrem ganzen Körper verteilten. Ihre Fußsohlen gingen in Flammen auf, ihre Knie, selbst auf ihre Lippen wurde das Feuer gebracht. Sie hätte geweint, wenn sie dafür die Kraft gehabt hätte. Sie hätte geflucht, wenn sie dafür einen Gedanken gehabt hätte. Sie hätte sich getötet, wenn es ihr möglich gewesen wäre. Aber so konnte sie nur schreien, schreien und schreien. Bis das Feuer verschwand und sie nur noch in der kalten Luft hing.

    Knirschen kündigte den Gana an, der sich hinter ihr aufbaute. Wahrscheinlich hätte sie beten sollen, oder auch nur einen Gedanken aufbringen müssen, aber dazu war sie nicht fähig. Sie starrte nur auf das Meer aus bernsteinfarbenen Augen, hörte die Klinge durch die Luft fallen und dann schlug etwas gegen ihren Hals. Es tat ein wenig weh, dass schon, aber sie lebte noch. Sie zwang sich, den Blick ihrer Eltern zu suchen, sah den Stolz und die Erleichterung darin. Ihr Bruder war wohl mehr verwirrt und verängstigt, als alles andere. Der Gana beugte sich zu ihr nach unten und murmelte: „Vernimm deinen neuen Namen, Frau der Fahedi, Taja Sonnenfall.“

    Ein dünnes Lächeln stahl sich auf Tajas Lippen, während sie die Masse anblickte. Sie musterte all diese Menschen, die sie mit den verschiedensten Ausdrücken ansahen. Dann runzelte sie die Stirn.

    Dieser Mann hat seltsame Augen.

    Als der Kopf des Mädchens fiel, begriff ich, was diese Barbarei wirklich war. Ein grausames Glücksspiel, ein Vertrag mit dunklen Göttern. Am liebsten wäre ich gleich in diesem Moment geflohen, aber ich tat es doch nicht. Warum?

    Zum einen hätte es Aufmerksamkeit auf mich gezogen, etwas was ich nach diesem Anblick noch weniger wollte, als zuvor.

    Zum anderen war da ein irrationales Gefühl von Verbundenheit zu diesem dritten Kind. Dem Mädchen, dass noch immer darauf wartete, dass eine mir unbekannte Macht über ihr Leben entschied. Ich wollte bei ihr bleiben und ihre Tapferkeit, ihr Ende, oder auch ihren Triumph verfolgen. Nicht um eines Tages davon zu erzählen – ihr müsst begreifen, dass mir dieser Bericht erst viel später in den Sinn kam – sondern, damit es jemand bezeugen konnte, der keiner ihres Volkes war.

    Dumme Sentimentalität? Wahrscheinlich.

    Und so hörte ich ihren Schreien zu und seufzte erleichtert, als die Klinge an ihrem Hals abprallte. Grinsend rutschte ich langsam zurück, als… waren sich unsere Blick begegnet?

    Nun etwas hastiger, ging ich von dem Holzgestell weg und machte mich auf den Rückweg, während sich die Masse begann, aufzulösen. Wie schon zuvor zwang ich meinen Blick auf den Boden und lief davon. Ein Teil von mir wollte noch etwas verweilen, noch mehr über dieses Volk erfahren, aber ein viel größerer Teil lachte bei dieser Vorstellung. Ich hatte bereits erfahren, was sie waren und wollte mit diesem Teil meiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben.

    Zitternd drückte ich mich durch ein paar Nebengassen, bis ich einen ruhigen Weg zu den Bergen fand. Jetzt konnte ich von hier verschwinden und hoffentlich niemals wiederkommen.

    „Du bist nicht von hier.“

    Es war eine junge Stimme, weiblich, und ich wirbelte voller Schrecken herum. Vor mir stand – wenn ich es richtig erkannte – das Mädchen von der Prüfung. Nur ein paar Decken bedeckten sie und irgendetwas an ihr war anders, aber ich konnte es nicht ganz bestimmen.

    Ich stammelte irgendetwas, nur dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Alles, was mir bis zu diesem Tag im Kopf geblieben ist, sind diese unlesbaren, bernsteinfarbenen Augen. Ich versuchte irgendetwas zu sagen, aber meine Stimme gab auf.

    „Renn…“, flüsterte sie auf einmal. Ihre Stimme war unsicher und zitterte: „Verschwinde, bevor ich dich töte.“

    Seit diesem Tag, an dem ich Hals über Kopf geflohen bin, habe ich noch oft über diese Worte nachgedacht. Über ihren Wortlaut, den Ton und die Bedeutung dahinter. Es war keine Drohung, soviel weiß ich.

    Es war eine Bitte, geboren aus Angst. Wie oft habe ich mich gefragt, wovor sie solche Angst hatte. Vor der Pflicht, mich zu töten? Vor etwas, dass sie dazu zwingen würde? Würde es einen Unterschied machen?

    Ich wünschte, ich würde die Antwort kennen. Dass ich sie fragen, mit ihr reden könnte. Aber in den Jahrzehnten, seitdem ich aus dem Dorf geflohen bin, habe ich mich niemals wieder dort hin getraut. Und die Götter wissen, dass mir auch jetzt der Mut fehlt.

    „Bericht der Härtung“ – aus unbekannter Quelle

    ENDE

  • Von Monstern und Jungfrauen

    1

    Es war ein ungewöhnlich kalter Sommertag, als der Jäger kam.

    Kinder spielten auf den Wiesen, trugen nichts als ein dünnes Hemd als Schutz vor der Sonne. Die Erwachsenen – junge gleich den alten – behielten sie im Auge. Nur selten erhoben sie ihre Stimme – und dann immer mit einem warmen Lächeln -, um eines der Kinder zur Vorsicht zu bewegen.

    Doch wer genauer hinsah, konnte die Wahrheit hinter ihrem Lächeln erkennen. Die Besorgnis und auch den Schmerz. Nein, es war das Wissen um den Schmerz, der kommen würde.

    Und an eben diesem Tag, nur für die Bewohner des Dorfes von irgendeiner Wichtigkeit, kam der Mann, der Jäger, in das Dorf. Er hatte kein Reittier, obwohl die nächste große Stadt zwei Tagesmärsche entfernt war. Keine Verpflegung war an ihm zu sehen. Nein, er trug nichts anderes bei sich, als die Kleidung, die seinen Körper bedeckte.

    Und als er den Weg hinaufstieg, beendeten die Kinder ihre Spiele und bestaunten den Fremden, der so seltsame Kleidung trug. Die Jugendlichen – von ihren Eltern zur Wache über die Jüngeren verdonnert – starrten ebenso, fasziniert von den zuvor genannten Ungereimtheiten. Doch die Erwachsenen waren von Sorge erfüllt, denn sie sahen seine Augen. Ein Blick, der Veränderungen verhieß.

    Und so rannte eine alte Vettel, schneller als in den letzten zwei Jahrzehnten, um den Branjo des Dorfes zu warnen. Er würde wissen, wie mit diesem Fremden umzugehen war.

    Der Jäger jedoch ignorierte jeden Blick. Egal ob bewundernd, fasziniert, oder voller Angst. Er folgte nur dem Weg, sich über die Richtung eigenartig sicher, bis er den Ratskeller des Dorfes erreichte. Dort hängte er seinen Mantel über einen der Haken und bestellte einen Becher Wasser an der Theke.

    Jeden Anderen hätte der Wirt bei diesen Worten belacht, doch ihm fehlte der Mut. Denn der Gastwirt hatte das Kettenhemd gesehen, dass unter des Jägers Wams schimmerte. Und die Medaillons – Elf an der Zahl, eines für jede der ersten Gottheiten – an seinem Gürtel. Und der Wirt glaubte, auch wenn er sich irren mochte, dass diese Talismane aus Gold bestanden.

    Wie viel Reichtum musste dieser Fremde besitzen? Wie groß war wohl sein Glaube?

    Und so brachte der Wirt dem Mann nur sein Wasser. In der Hoffnung auf die Spende eines zufriedenen Kunden, fragte er freundlich: „Sagt, kann ich noch etwas für euch tun, Herr…“

    „Reinhard.“, stellte sich der Ritter ebenso freundlich vor: „Und das könnt ihr in der Tat, guter Mann. Ich suche einen Priester, der den Namen Kavin Breyer trägt. Kennt ihr ihn?“

    „Natürlich kenne ich Parlen Breyer, er kommt hier jeden Vierttag für einen ruhigen Abend vorbei. Manchmal sehen wir uns auch so. Es ist ein kleines Dorf, ihr versteht?“

    Reinhard nickte: „Wenn ihr ihm ausrichtet, dass er mich hier finden kann, soll es euer Schaden nicht sein.“

    Bei diesen Worten blitzten die Augen des Wirtes frohen Mutes auf und er schickte sogleich eines der Thekenmädchen, ein zierliches brünettes Kind, auf die Suche nach dem Parlen Breyer.

    „Ein Freund von euch?“, fragte der Wirt, aber der Jäger zuckte nur mit den Schultern. Die Bedeutung entging dem Anderen nicht und so ließ er ihn allein, während sich Reinhard an einen sonnigen Tisch außerhalb des Kellers setzte.

    Als er nach 5 Minuten aufblickte, war es nicht der Parlen Breyer, sondern der Branjo des Dorfes, der ihn anlächelte: „Dürfte ich mich zu euch setzten, Anje?“

    Die höfliche Anrede erregte einiges Blinzeln unter den Lauschenden, aber Reinhard zog kommentarlos einen Stuhl hervor. Der Branjo stellte sich noch immer lächelnd als Gotrik Thein vor und sagte: „Ihr solltet wissen, dass es hier das beste Bier im Umland gibt. Darf ich euch etwas anbieten?“

    „Ich bin geschäftlich hier, da trinke ich nicht.“

    „Löblich, löblich…“, murmelte der Dorfvorsteher: „Dürfte ich erfahren, was für eine Art von Geschäft ihr mit Parlen Breyer habt?“

    Der Jäger dachte kurz über die Worte nach, bevor er den Becher zurückstellte und dem Branjo direkt ins Gesicht sah: „Ihr seid nicht mein Auftraggeber, Herr Thein. Es gibt gewisse Prinzipien, ihr versteht?“

    Ehe der Andere antworten konnte, kam Bewegung in die Umstehenden und ein junger Mann kam keuchend vor dem Tisch zum Stehen. Er war beleibt und trug die Kutte eines Priesters. Seine Stirn war schweißbedeckt und er hatte einen Faden – die 11 Knoten als Repräsentation für die Götter – um seine Finger gewickelt. Gotrik lächelte ihn gezwungen an: „Parlen Breyer, ihr hättet euren Besuch gerne ankündigen können. Dann hätten wir ihn angemessen begrüßt.“

    Der nervöse Blick des Priesters glitt zwischen dem Branjo und dem Jäger hin und her, bis Reinhard sich langsam erhob: „Vielleicht sollten wir uns an einen ruhigeren Ort zurückziehen, Parlen.“

    Wenn Gotrik beleidigt war, dass der Fremde nur den Priester mit dessen Titel ansprach, zeigte er es nicht, als er Breyers Arm leicht festhielt: „Bitte, Parlen, wir alle sterben vor Neugier. Bleibt doch hier.“

    Stille hatte sich über die Zuschauer gelegt, während ihre Blicke zwischen den Dreien wechselten. Ein Jeder wusste, warum der Jäger hier war. Aber der Wunsch es zu hören, oder die Furcht davor, ließ sie nur enger zusammenrücken.

    Breyer räusperte sich nervös, bevor er Reinhard einen entschuldigenden Blick zuwarf und verkündete: „Ich sandte nach ihm, damit er jenes Monster erschlägt, dass unser Heim terrorisiert.“

    2

    Sehr geehrter Reinhard to na Sierra,

    ich schreibe aus großer Not und erflehe eure Hilfe in diesen dunklen Tagen.

    Ich bin Priester in einem kleinen, abgelegenen Dorf namens Jolia, dass im Lande Korth auf Altwehr liegt. Unser Heim wird von einer Bestie heimgesucht, ein Monster, dass sich an Tier und Mensch gleichermaßen guttut.

    Es terrorisiert unser Heim nun seit bereits 10 Jahren und hat bitteres Blut gekostet.

    Viele mögen sagen, dass es schlimmer sein könnte, dass wir das Monster nicht verärgern dürfen, doch dem stimme ich nicht zu. Der Preis, den manche bereitwillig zahlen, um dieses Geschöpf zu befriedigen, ist höher, als ich je mit meinem Gewissen vereinbaren könnte.

    Ich werde in diesem Brief nicht nennen, was wir getan haben. Zu groß ist meine Scham und die Furcht, dass die falschen Augen es lesen könnten.

    Deswegen bitte ich euch – ich flehe euch an: Helft uns. Helft meinem Dorf. Rettet uns vor dem Monster und uns selbst.

    Ich weiß, dass wir verloren sind, aber noch nicht die Kinder.

    Und so appelliere ich an eure Ehre, an euren Glauben und an euer gutes Herz.

    Parlen Kavin Breyer

    3

    Die Verlautbarung des Priesters lies die Dorfbewohner erstarren. Alle Blicke richteten sich auf Reinhard und er erkannte Hoffnung und im gleichen Maße Angst. Und doch sprach niemand ein Wort, traute sich nicht, die trügerische Stille zu zerstören.

    „Das war nicht eure Entscheidung.“, entschied der Branjo leise.

    „Es war nicht allein die meine.“, wurde er vom Priester berichtigt: „Ich bin nur der Einzige in diesem Dorf, der den nötigen Mut aufgebracht hat.“

    „Nennst du uns Feiglinge?“, rief einer der Umstehenden und der Priester lächelte traurig.

    „Ja, das tue ich. Sowie auch ich die letzten 10 Jahre ein Feigling gewesen bin.“

    „Diese Diskussion ist ohne jeden Wert.“, unterbrach der Jäger sie ruhig und erhob sich: „Ich weiß, warum ich hier bin. Und ich werde mich eurem Problem annehmen.“

    Der Branjo sprang auf und stellte sich verängstigt vor den viel größeren Mann: „Das ist nicht nötig, Anje. Bitte, wenn ihr eure Bezahlung wollt, so werden wir sie euch geben.“

    Reinhard musterte den Dorfvorsteher aufmerksam und versuchte, dessen Angst einzuordnen. Angst vor dem Wesen, oder etwas Anderes? Ohne eine Lösung gefunden zu haben, drückte er den kleinen Mann sanft zur Seite und blickte die Versammelten an: „Ihr habt Angst, liegt es daran? Angst, dass der brüchige Frieden, den ihr mit dem Ding habt, zerbrechen wird. Dass es nicht mehr reicht, ihm einen der Euren zu opfern.“

    „Du hast ihm davon erzählt?“, rief eine Frau entsetzt und die Anderen begannen nun auch, auf den Priester einzuschreien.

    „Nein… Ich… Das habe ich nie erzählt. Er sollte es nicht wissen!“

    Reinhard senkte traurig den Blick, als er seine Vermutung bestätigt fand. Dann erklärte er ruhig: „Es gibt nur eine Art von Opfer, die solche Scham erzeugt. Ihr seid nicht die Einzigen, die vermeintlichen Monstern die eigenen Leute zum Fraß vorwerfen. Eure Nachbarn, eure Familien, eure Geliebten… Das macht es nicht weniger falsch.“

    „Wir werden uns nicht von jemandem belehren lassen, der keine Ahnung…“

    „Wie habt ihr sie ausgewählt? Woran habt ihr eure Entscheidung festgemacht? Wen habt ihr geopfert?“

    Jede Frage ließ die Menge weiter zurückweichen. Ließ sie sich noch mehr abwenden. Am Ende waren es nur der Branjo und der Parlen, die seinem Blick standhielten. Also wandte sich Reinhard dem Glaubensbruder zu und fragte: „Wer ist für euch gestorben? Und wie oft?“

    „Jedes halbe Jahr eine Jungfrau.“, antwortete Branjo Gotrik leise. Der Jäger wandte sich nun ihm zu, aber der Kleinere senkte den Blick nicht: „Es war der einzige Weg.“

    „Eine Jungfrau, heh? Wie in den alten Mären.“

    Gotrik Thein war der Einzige, der ihn noch ansah und er nickte mit Augen voller Schmerz: „Es hat funktioniert, Anje. Das Monster lässt uns in Ruhe.“

    „Ich habe mehr Wesen erschlagen, als ihr euch vorstellen könnt, Branjo, aber ein Monster war noch nie darunter. Wilde Bestien, hungernde Tiere? Zahllos. Aber Monster sind ein Albtraum, ein Schatten auf euren Augen.“

    Als niemand eine Antwort gab, fragte er, wieder an Breyer gewandt: „Habt ihr mich gerufen, weil ein weiteres Opfer ansteht?“

    „Jetzt nur noch 11 Tage entfernt.“

    „Trefft eure Entscheidung, wer es sein soll. Wenn ihr denn noch nicht das letzte eurer Kinder zu Tode geschickt habt. Dann schickt sie zu mir.“

    „Zu euch, Anje?“

    „Ihr sagtet, dieses Ding mag Jungfrauen.“, antwortete Reinhard nun mit einem weit wärmeren Lächeln: „Damit kann ich nicht mehr dienen, also brauche ich einen Köder. Ich werde mich um euer… Monster kümmern.“

    „Aber…“, begann der Branjo angsterfüllt, doch Reinhard ließ ihn nicht aussprechen. Er drehte sich um – mit einem Schwert in der Hand, dass er niemals hätte verstecken können – und drückte es an den dicken Hals: „Meine Geduld neigt sich dem Ende, Branjo. Ihr habt 20 Mädchen sterben lassen, weil euch der Mut fehlte, euch diesem Ding zu stellen. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist; es gibt auch keinen Grund, warum es mich interessieren sollte. Aber jetzt werde ich dieses Ding erlegen und jeden niederschneiden, der sich mir entgegenstellt. Das ist die Entscheidung, zu der euch der Mut fehlte und die ich nun für euch treffe.“

    4

    Man brachte das Mädchen zum Waldrand, wo Reinhard auf einem Felsen saß und lustlos auf einem Laib Brot herumbiss.

    Er musterte sie – anscheinend war ihr Name Pelenon – mit einem gutmütigen Lächeln. Ihr rotes Haar fiel über ihr einfaches, weißes Leinenkleid. Sie hatte die Hände um sich geschlungen und zitterte leicht.

    „Recht unschöne Kleidung für die letzte Nacht, denkst du nicht auch?“

    Das Mädchen sah ihn angstvoll an, aber blickte dann mit unlesbarem Blick zu Boden: „Jede, die vor mir kam, trug so ein Kleid. Der Branjo sagte, dass es uns als Opfer zeigt.“

    „Hat er das gesagt, heh?“

    „Ist es wahr, dass ihr dieses Monster erschlagen werdet?“

    „Das habe ich noch nicht entschieden. Erst will ich ihm gegenübertreten. Aber ich verspreche dir, tapfere Pelenon, dass ihr es von Morgen an nicht mehr zu fürchten habt.“

    Sie sah ihn mit großen Augen an. Dann sah sie sich um, ging sicher, dass sie ganz allein auf dieser Wiese waren und fragte: „Und ihr braucht mich als Köder?“

    Reinhard stutzte bei ihrem feurigen Blick. Bei der Kraft, die sie ausstrahlte: „Ja, so ist es. Dein Branjo hat mich über die… Vorlieben des Viehs in Kenntnis gesetzt.“

    Der Blick des Mädchens brach ab und sie blickte beschämt zu Boden: „Wie gerne würde ich euch helfen, dieses Ding zu erschlagen. Mein Dorf beschützen und wenn es nur als Köder sein mag. Aber das kann ich nicht. Ich habe einen Freund, meine Familie weiß nichts von ihm. Ich habe gelogen, weil… ich euch helfen wollte.“

    Der Jäger lächelte dünn: „Du trägst mehr Mut in dir, als dieses gesamte Dorf. Du willst mich begleiten? Das kannst du. Hole dir nur eine feste Jacke und das geschwind. Ich will bald aufbrechen.“

    Pelenon sah ihn mit großen Augen an und rannte dann davon. Reinhard musste nur wenige Minuten warten, bevor sie in angemessenerer Kleidung wiederkam. Mit einem fast schon schelmischen Grinsen zeigte sie ihm eine Steinschleuder.

    Er lächelte kurz: „Dann hoffe ich doch, dass du damit umgehen kannst.“

    „Besser, als die meisten Erwachsenen.“

    Mit einen Nicken stand der Mann auf und lief in Richtung des Waldes, Pelenon gleich hinter ihm: „Seid ihr euch sicher, dass das Monster kommen wird? Es ist noch über eine Woche, bis zur eigentlichen Opferung.“

    „Ich denke nicht, dass es schlau genug ist, um die Zeit zu messen. Mehr ein Tier, als alles andere.“

    „Aber warum sollte es dann kommen, wenn ich doch keine Jungfrau bin?“

    Reinhard dachte einen langen Moment über diese Frage nach, bevor er selbst eine Frage stellte: „Weißt du, wie es aussieht?“

    Pelenon runzelte kurz die Stirn, aber zuckte dann mit den Schultern: „Es ist schon Jahre her, seit es unser Dorf direkt angegriffen hat. Sollte euch der Branjo keine Beschreibung gegeben haben?“

    „Das hat er.“, sagte Reinhard knapp: „Ich möchte trotzdem deine Bestätigung, wenn es soweit ist.“

    Als sie nickte, gingen sie in Stille weiter, bis sie die beschriebene Lichtung fanden. In der Mitte steckte ein Holzpfeiler, an dem ein altes Stück Seil hing. Reinhard wollte sie zurückhalten, doch Pelenon ging um ihn herum, bis sie vor dem Pfahl stehen blieb. Ihr Blick zitterte, ihre Augen auf die Flecken gerichtet.

    Rote Flecken auf Pfahl und Seil. Tränen stiegen in ihren Augen auf, als sie versuchte, ihr Zittern zu unterdrücken. Reinhard zögerte einen viel zu langen Moment, bevor er einen Arm um sie legte, während sie in seine Brust weinte.

    „Kanntest du die früheren… Opferungen?“

    „Es ist ein kleines Dorf.“, flüsterte sie, ohne aufzusehen.

    „Das tut mir leid.“

    Sie zuckte mit den Schultern und wickelte ihre Schleuder fester um die Hand. Dann zog sie ihre Jacke aus und stellte sich neben den Pfosten. Reinhard warf ihr einen fragenden Blick zu, worauf sie lächelte: „Ich bin doch der Köder, oder? So hält es mich für das nächste Opfer.“

    Der Jäger tätschelte ihr seufzend die Schulter, aber behielt seine Gedanken für sich. Dafür hielt er ihr ein Messer hin, dass sie vorher noch nicht gesehen hatte. Sie starrte zögerlich auf den breiten Stahl und murmelte: „Habe noch nie… Also, ich kann damit nicht umgehen…“

    „Nimm es trotzdem. Besser, als nur deine Schleuder zu haben.“

    Sie nickte knapp und stellte dann die Frage, die ihr bereits die ganze Zeit auf der Zunge lag: „Seid ihr ein Magier?“

    „Wieso fragst du?“

    „Die Alten haben mir Geschichten erzählt. Dass ihr ein Schwert aus Luft geschaffen habt.“

    Der Jäger schmunzelte und hob eine Hand. Pelenon blickte verwirrt auf die Geste, bis die Luft um Reinhards Hand zu schimmern begann. Im nächsten Moment hielt er ein Langschwert, dessen Klinge im Licht der Fackel zu glitzern schien. Dann legte er die Klinge beinahe ehrfürchtig neben sich auf den Boden: „Ich würde mich nicht als Magier bezeichnen, aber habe über die Jahre ein paar Tricks gelernt.“

    „Oh…“, murmelte sie mit großen Augen, worauf der alte Mann kurz rot anlief und dann schnell murmelte: „Es ist wirklich nicht so beeindruckend. Jeder Schüler…“

    Er brach ab, als er Pelenons leuchtende Augen sah und seufzte: „Wenn du willst, bringe ich es dir bei.“

    „Wirklich?“

    Sobald der Schrei ihre Lippen verlassen hatte, schlug sie ihre Hände vor den Mund und blickte ihn entschuldigend an. Reinhard hob langsam einen Finger vor die eigenen Lippen und drehte sich dann langsam um die eigene Achse. Sein Blick glitt von Baum zu Baum, als sich seine Finger gleichzeitig um den Schwertgriff schlossen. Dann erstarrte er und knurrte: „Kleine, hinter mich. Und halt deine Schleuder bereit.“

    Pelenon starrte ihn mit großen Augen an und wurde urplötzlich von einem Zittern erfasst. Sie hatte das Gefühl, ihr Hals würde austrocknen. Dann verließen ihre Finger jede Kraft.

    Ihr Blick war auf das Wesen gerichtet, dass sich langsam aus den Schatten des Waldes pellte. Sie kannte diese leuchtenden, gelben Augen. Sie erinnerte sich, wie dieses Geschöpf einen riesigen Bullen zerfleischt hatte, als wäre er nichts mehr, als ein Hühnchen. Die langen Klauen an den Fingern, die sie so einfach zerreißen könnten. Das graue Fell, dass mit ihrem Blut bedeckt werden würde.

    „Kleine… Pelenon!“

    Ihre Augen rissen sich los und sie blickte den Jäger verzweifelt an. Sie hätte nicht kommen dürfen. Das war dumm gewesen. Selbstsüchtig. Sie…

    „Ist es das? Ist es das Vieh, wegen dem wir hier sind?“

    Sie brachte nichts weiter als ein schwaches Nicken zustande, während der Stein aus ihrer Schleuder fiel. Ihre Beine gaben nach und sie spürte, wie ihre Hose nass wurde.

    Reinhard warf ihr noch einen letzten, aufmunternden Blick zu, dann wandte er sich dem Monster zu: „Mein Name ist Reinhard to na Sierra. Kannst du mich verstehen?“

    Das Monster begann zu knurren, während es eines seiner Gliedmaßen vor das andere setzte. Sie bemerkte erst jetzt, dass der Jäger dem Ding nur bis zur Brust reichte. Reinhard hob das Schwert, bis die Spitze nur wenige Handbreit von dem rechten Auge entfernt war: „Wenn du zur Sprache fähig bist, solltest du es zu deinem eigenen Wohl sagen. Andererseits werde ich dich als nichts anderes, denn eine wilde Bestie behandeln. Sprich, oder werde beseitigt, Tier.“

    Das Monster musterte Reinhard mit seinen leuchtenden Augen und sie glaubte, dass es in diesem Moment lächelte. Dann bemerkte sie die Bewegung.

    „Vorsicht, Links!“

    Reinhard wirbelte herum, als der Schwanz des Monsters auf ihn zu glitt. Er war viel zu lang, als dass es von den Proportionen Sinn machen würde. Und doch versuchte sich das schuppige Ding, um des Jägers Bein zu wickeln. Dieser antwortete mit einer kleinen Bewegung und dann war die Spitze des Körperteils bereits abgetrennt.

    Doch gleichzeitig war das Monster auf ihn zu gesprungen und griff mit beiden Klauenhänden nach ihm. Reinhard versuchte, noch auszuweichen, aber er war zu langsam. Eine der Pranken erwischte ihn an der Schulter und lies ihn stürzen.

    Er fluchte innerlich und versuchte, sich auf ein paar seiner anderen Tricks zu konzentrieren, aber sein Körper schien vor Schmerz zu schreien. Irgendwelche Knochen mussten in seine Nerven gepresst sein. Mit schnellen, fahrigen Bewegungen tastete er den Boden nach seinem Schwert ab, als das Vieh langsam auf ihn zu trottete. Wo war das verdammte Schwert?

    Es präsentierte ihm die scharfen Zähne und der restliche Schwanz begann, nach seinen Beinen zu greifen. Eine Ablenkung… Er brauchte nur eine kleine…

    „Hier!“, rief Pelenon mit schriller Stimme. In ihrer Hand drehte sich die neu gefüllte Schleuder. Sie breitete die zitternden Arme aus: „Ich bin Jungfrau, also komm und hol mich.“

    Das Monster blickte sie mit diesem viel zu intelligenten Blick an und Pelenon hatte das Gefühl, ihr Herz würde stehenbleiben.

    Dann wandte sich das Vieh wieder dem liegenden Mann zu. Für einen Moment war sie völlig verwirrt, aber dann nahm sie ihren Mut zusammen und ließ die Schleuder vorschnellen. Der Stein schlug dem Monster in die Wange und es kreischte überrascht auf, als einzelne Blutstropfen durch das Fell sickerten. In diesem Moment spürte Reinhard den Griff in seiner Hand und schnitt in die Brust des Tieres. Es sprang fauchend zurück, aber es hatte lange genug gedauert, dass er seine Gedanken wieder beisammenhatte: „Erwache, Nummer 7.“

    Zwei goldene Tentakel schossen aus seiner Handfläche und wickelten sich um die Vorderfüße des Tieres. Ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden, stürzte er sich nach vorne. Der Schwanz schlug zu – die Schnittstelle versprühte Blut – und er schlug ihn mit der flachen Seite des Schwertes zur Seite.

    Das Ding versuchte, ihn mit der anderen Pfote zu erwischen, aber da flog bereits der nächste Stein und diesmal traf er das Auge.

    Die Kreatur kreischte auf und wollte sich der Frau zuwenden, als Reinhard ihm die Klinge in die Hüfte rammte. Die Wucht riss ihn ein kurzes Stück mit, bevor er den Halt verlor und von einem der Hinterbeine erwischt wurde.

    Pelenon starrte mit großen Augen auf das Monster, dass ihr entgegenrannte. Ihr Körper war wieder völlig erstarrt und ihre Schleuder leer.

    Sie versuchte, nach dem Messer zu greifen, doch ihre Finger ließen sich nicht beugen. Dann stand das Monster über ihr und schlug zu.

    Viel zu spät hob sie den Arm, sodass die Krallen ihre Haut und das Fleisch bis zum Knochen zerschnitten. Blut fiel auf ihr Gesicht und sie taumelte zurück.

    Wieder sprang das Monster nach vorne, aber diesmal fand die Frau das Messer. Sie stieß zu – ohne ein wirkliches Ziel -, worauf sich die Klinge im Kiefer der Kreatur verfing. Es schrie voller Schmerz auf, aber dann wurde dieser Laut von einer ruhigen Stimme durchbrochen.

    „Erwache, Nummer 3.”

    Pelenon sah mit großen Augen zu, wie der Jäger über dem Monster in der Luft schwebte, das Schwert erhoben. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als wäre da ein zweites Monster – riesig und genauso grauenhaft, wie das vor ihnen – und als Reinhard zuschlug, fiel dieses zweite Wesen vom Himmel und schlug in den Rücken ihres Feindes.

    Reinhards Klinge ging nieder und teilte den Kopf des Monsters in einem einzigen Schnitt vom Hals.

    Als er neben ihr landete, war sie von Blut besudelt. Aber sie konnte nicht anders, als zu grinsen.

    5

    „Bist du verletzt?”, fragte der Jäger und trat langsam auf sie zu. Immer noch in der Starre, schüttelte sie erst den Kopf, bis sie dann doch den Arm hob.

    „Was hast du getan?”, fragte sie verwirrt. Noch immer konnte sie sehen, wie er das Monster erschlagen hatte, das Blut aus dessen Hals und dieses andere… Ding. Reinhard lächelte mitfühlend und führte sie zu einem Baumstamm, auf den sie sich prompt fallen ließ.

    „Ich mache das vielleicht erst wenige Jahre, aber in der Zeit habe ich gewisse Tricks aufgegriffen.”, erklärte er mit einer ruhigen, einlullenden Stimme. Er gab ihr den Mantel, in den sie sich sogleich einwickelte. Danach begann er, ihren Arm zu verbinden, wovon sie aber kaum etwas mitbekam. Als er davonging, irgendetwas mit der Monsterleiche tat, blickte sie nur auf ihre eigenen Hände. Sie zitterten.

    Nach einer Zeit, die sowohl eine Sekunde, als auch ein Tag gewesen sein könnte, kam der Jäger zurück und sie entschuldigte sich.

    „Wofür?”

    „Ich wollte dich begleiten, aber hatte die ganze Zeit nur Angst.”, antwortete sie leise und blickte auf ihre immer noch nasse Hose.

    Reinhard schnaubte abwertend: „Als ich das erste Mal um mein Leben fürchten musste, war ich auch erstarrt. Das ist nicht wichtig. Aber du hast es doch geschafft, dich zu bewegen. Das ist ein Grund stolz zu sein, Pelenon.”

    „Aber… ich war noch nicht einmal ein guter Köder! Es hat mich ignoriert, weil ich…”

    „Hast du es immer noch nicht verstanden?”, fragte der Mann mit einem erschöpften Lächeln. Sie sah ihn verwirrt an, worauf er ohne zu zögern erklärte: „Warum sollte sich ein Tier dafür interessieren, ob du Sex hattest? Es ist eine Sache der vergangenen Zeitalter, ein Teil von Mären und Mythen. Vielleicht haben die Götter früher Macht auf diese Weise verteilt, es wäre gewiss nicht ihre seltsamste Entscheidung, doch selbst dann sind diese Zeiten lang vergangen.”

    „Aber… Es hat funktioniert. Das Monster hat unser Dorf verschont.”

    „Es war intelligent, dass weiß ich jetzt. Ihr habt ihm Futter geliefert und es wollte nicht riskieren, dass ihr nach jemandem wie mir schickt. Aber die Wahrheit ist, dass ihr ihm auch eine Kuh hättet geben können.”

    Pelenon starrte auf den Pfahl im Boden, auf das getrocknete Blut. Dann stiegen ihr die Tränen in die Augen: „Sie… sie sind umsonst gestorben? Es war sinnlos?”

    „Es tut mir leid, Kleine.”

    Sie saßen noch eine lange Zeit nebeneinander, bevor Reinhard aufstand und sagte: „Wir sollten zurück. Deine Eltern werden Angst um dich haben.”

    Pelenon zwang sich zu einem Nicken, während sie ihm hinterher taumelte. Er griff ihren Arm, stützte sie leicht: „Du hast eine schwere Entscheidung vor dir.”

    „Was meinst du?”

    „Wirst du es deinem Dorf verraten? Die Wahrheit über die Opferungen?”, fragte er mit mitleidiger Stimme. Sie blieb ruckartig stehen und sah ihn mit großen Augen an. Er schüttelte traurig den Kopf: „Ich hatte eigentlich geplant, es zu verheimlichen, aber dazu habe ich kein Recht. Diese Entscheidung kann ich nicht für dich – für euch – treffen. Sollen die Eltern weiterhin um ihre Kinder trauern, aber in dem Glauben, sie wären für etwas Größeres gestorben? Oder sollen all die Deinen von ihrer Naivität lernen?”

    „Du wirst es ihnen nicht sagen?”

    „Nein, das ist nicht mein Platz. Ich habe nur noch eine letzte Sache zu tun, bevor ich gehe.”

    Sie fragte ihn nicht, was das bedeutete. Zu sehr war sie in ihren eigenen Gedanken, ihrer grausamen Entscheidung, gefangen.

    Sobald sie das Dorf erreichten, stürmten die Bewohner ihnen entgegen. Pelenon wurde von ihrer Familie in die Arme geschlossen und die Tränen flossen bald. Reinhard ging an all den lachenden Gestalten vorbei, wich ausgestreckten Händen aus und lehnte Geschenke ab, bis er den Branjo fand, der all das Geschehen beobachtete.

    „Mein Dorf steht tief in eurer Schuld, Jäger. Ich danke euch.”

    „Habt ihr einen Moment?”

    Der Dorfvorsteher nickte zögerlich und bald betraten sie sein Heim, wo er zwei Gläser hervorholte: „Ein Gläschen für euch?”

    „Nur Wasser.”

    Gotrik Thein zuckte mit den Schultern und setzte sich ihm gegenüber: „Dann ist es jetzt vorbei? Unser Dorf ist sicher?”

    „Ja.”, antwortete Reinhard knapp und genoss die kühle Erfrischung. Dann stellte er das Glas ab und blickte seinem Gegenüber direkt in die Augen: „Ich bedaure nur, nicht früher gekommen zu sein. Diese Mädchen… Das hatten sie nicht verdient.”

    „Wahrlich nicht.”, antwortete der Andere voller Trauer.

    „Mir wurde gesagt, dass es euer Einfall war, der euer Dorf beschützte. Wieso Jungfrauen?”

    Der alte Mann zuckte mit den Schultern: „Ich habe mich schon immer für die alten Geschichten interessiert. Als das Monster kam… Es war eindeutig, was es wollte. Die Entscheidung, es ihm zu geben, war die Schwerste meines Lebens.”

    Die beiden Männer ließen sich nicht aus den Augen, erkundeten des anderen Gedanken. Am Ende war es der Jäger, der zuerst den Blick abwandte: „Ich hatte gehofft, euch hassen zu können, Gotrik. In euch ein Monster zu finden. Aber ihr seid nur ein Narr.”

    Dem Branjo klappte die Kinnlade herunter, aber dann sprang er wütend auf: „Wie könnt ihr es wagen? Habt ihr keinen…”

    Seine Stimme erstarb, als Reinhard ebenfalls aufstand und die Hand hob: „Ich bin kein guter Mensch, Branjo Thein. Ich werde nicht versuchen, was jetzt kommt, zu rechtfertigen, es Gerechtigkeit zu nennen. Das ist es nicht. Aber diese Entscheidung will ich ihr nicht auch noch aufbürden.”

    „Ihr sprecht ohne Sinn!”, fauchte der Mann und wollte fliehen, doch er konnte sich nicht mehr bewegen. Sein Blick hing an dem Schatten fest, der hinter Reinhard hervortrat.

    „Erwache, Nummer Neun.”, flüsterte der Jäger und Gotrik begann zu winseln. Ein Monster stand hinter dem Fremden. Leuchtende, gelbe Augen fixierten den Dorfvorsteher. Das graufällige Biest trat hervor, seine langen Klauen schabten über den Boden.

    „Ihr… ihr sagtet, ihr würdet es töten!”

    „Das habe ich.”, flüsterte Reinhard leise und verschloss die Tür: „Aber jetzt wird es mir helfen Andere vor wilden Tieren zu beschützen. Und vor Dummköpfen.”

    Der Schrei des Mannes wurde von der Feier des Dorfes übertönt.

    6

    Aus irgendeinem Grund hatten die Bewohner von Jolia entschieden, Pelenon wie eine Heldin zu feiern. Ein Teil von ihr schämte sich, weil Reinhard so viel mehr getan hatte, aber sie genoss trotzdem die Aufmerksamkeit. Es lenkte sie von der Entscheidung ab, die dieser Mann ihr aufgezwungen hatte.

    Als die Sonne bereits aufging, war sie betrunken und kicherte wie ein kleines Kind mit ein paar Freundinnen, als sie den Jäger bemerkte. Er trug einen Reisemantel und gab einer Vettel gerade eine leere Schüssel zurück.

    Pelenon zögerte einen langen Moment, zu träge waren ihr Körper und Verstand, aber als der Mann die Dorfmitte verließ, rannte sie ihm hinterher.

    Ihr Schädel dröhnte und in der Dunkelheit wäre sie mehrmals beinahe hingefallen. Hätte der Jäger ihre Rufe nicht bemerkt und am Dorfrand auf sie gewartet, wäre es wohl eine enttäuschende Jagd gewesen. Reinhard lächelte sie warm an: „Genießt du die Feier?”

    „Du solltest dabei sein, dich feiern lassen.”

    „Die Wenigsten mögen es, von einem Fremden gerettet zu werden. Gib ihnen ein paar Jahre und es wird heißen, dass du dieses Tier alleine erlegt hast.”

    „Darauf kann ich verzichten.”, flüsterte sie leise und setzte sich neben ihn: „Du hast versprochen, mir Magie beizubringen.”

    „Tut mir leid, aber ich will nicht bleiben. Ich habe etwas getan, dass zu Problemen führen könnte, wenn ich noch hier bin. Außerdem gibt es noch viele Tiere zu jagen und holde Maiden zu retten.”

    Pelenon schnaubte belustigt, aber dann verdüsterte sich ihr Blick. Reinhard drückte ihr sanft die Schulter: „Hast du eine Entscheidung getroffen?”

    „Ja…”, antwortete sie mit rauer Stimme: „Ich werde ihnen die Wahrheit sagen. Vielleicht kann  so etwas in der Zukunft verhindert werden. Wenn wir aufhören, an diese Mären zu glauben, verlieren sie vielleicht auch eines Tages die Macht über uns.”

    Reinhard nickte langsam, aber zeigte nicht, was er von ihrer Entscheidung hielt. Also fuhr sie leise fort: „Sie werden Blut sehen wollen, einen Schuldigen suchen. Ich habe Angst, was diese Suche aus uns machen wird.”

    Als hätte er sie nicht gehört, schloss er seinen Mantel und flüsterte: „Du bist eine bemerkenswerte Frau, Pelenon von Jolia.”

    „Danke. Eine gute Jagd.”

    Der Mann gab ihr noch eine ungelenke Umarmung, bevor er sagte: „Du solltest doch mittlerweile gelernt haben, dass es so etwas wie eine gute Jagd nicht gibt.”

    Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg und Pelenon sah zu, wie seine Gestalt schon bald zwischen den Bäumen verschwand.

    Ende