1
Es war ein ungewöhnlich kalter Sommertag, als der Jäger kam.
Kinder spielten auf den Wiesen, trugen nichts als ein dünnes Hemd als Schutz vor der Sonne. Die Erwachsenen – junge gleich den alten – behielten sie im Auge. Nur selten erhoben sie ihre Stimme – und dann immer mit einem warmen Lächeln -, um eines der Kinder zur Vorsicht zu bewegen.
Doch wer genauer hinsah, konnte die Wahrheit hinter ihrem Lächeln erkennen. Die Besorgnis und auch den Schmerz. Nein, es war das Wissen um den Schmerz, der kommen würde.
Und an eben diesem Tag, nur für die Bewohner des Dorfes von irgendeiner Wichtigkeit, kam der Mann, der Jäger, in das Dorf. Er hatte kein Reittier, obwohl die nächste große Stadt zwei Tagesmärsche entfernt war. Keine Verpflegung war an ihm zu sehen. Nein, er trug nichts anderes bei sich, als die Kleidung, die seinen Körper bedeckte.
Und als er den Weg hinaufstieg, beendeten die Kinder ihre Spiele und bestaunten den Fremden, der so seltsame Kleidung trug. Die Jugendlichen – von ihren Eltern zur Wache über die Jüngeren verdonnert – starrten ebenso, fasziniert von den zuvor genannten Ungereimtheiten. Doch die Erwachsenen waren von Sorge erfüllt, denn sie sahen seine Augen. Ein Blick, der Veränderungen verhieß.
Und so rannte eine alte Vettel, schneller als in den letzten zwei Jahrzehnten, um den Branjo des Dorfes zu warnen. Er würde wissen, wie mit diesem Fremden umzugehen war.
Der Jäger jedoch ignorierte jeden Blick. Egal ob bewundernd, fasziniert, oder voller Angst. Er folgte nur dem Weg, sich über die Richtung eigenartig sicher, bis er den Ratskeller des Dorfes erreichte. Dort hängte er seinen Mantel über einen der Haken und bestellte einen Becher Wasser an der Theke.
Jeden Anderen hätte der Wirt bei diesen Worten belacht, doch ihm fehlte der Mut. Denn der Gastwirt hatte das Kettenhemd gesehen, dass unter des Jägers Wams schimmerte. Und die Medaillons – Elf an der Zahl, eines für jede der ersten Gottheiten – an seinem Gürtel. Und der Wirt glaubte, auch wenn er sich irren mochte, dass diese Talismane aus Gold bestanden.
Wie viel Reichtum musste dieser Fremde besitzen? Wie groß war wohl sein Glaube?
Und so brachte der Wirt dem Mann nur sein Wasser. In der Hoffnung auf die Spende eines zufriedenen Kunden, fragte er freundlich: „Sagt, kann ich noch etwas für euch tun, Herr…“
„Reinhard.“, stellte sich der Ritter ebenso freundlich vor: „Und das könnt ihr in der Tat, guter Mann. Ich suche einen Priester, der den Namen Kavin Breyer trägt. Kennt ihr ihn?“
„Natürlich kenne ich Parlen Breyer, er kommt hier jeden Vierttag für einen ruhigen Abend vorbei. Manchmal sehen wir uns auch so. Es ist ein kleines Dorf, ihr versteht?“
Reinhard nickte: „Wenn ihr ihm ausrichtet, dass er mich hier finden kann, soll es euer Schaden nicht sein.“
Bei diesen Worten blitzten die Augen des Wirtes frohen Mutes auf und er schickte sogleich eines der Thekenmädchen, ein zierliches brünettes Kind, auf die Suche nach dem Parlen Breyer.
„Ein Freund von euch?“, fragte der Wirt, aber der Jäger zuckte nur mit den Schultern. Die Bedeutung entging dem Anderen nicht und so ließ er ihn allein, während sich Reinhard an einen sonnigen Tisch außerhalb des Kellers setzte.
Als er nach 5 Minuten aufblickte, war es nicht der Parlen Breyer, sondern der Branjo des Dorfes, der ihn anlächelte: „Dürfte ich mich zu euch setzten, Anje?“
Die höfliche Anrede erregte einiges Blinzeln unter den Lauschenden, aber Reinhard zog kommentarlos einen Stuhl hervor. Der Branjo stellte sich noch immer lächelnd als Gotrik Thein vor und sagte: „Ihr solltet wissen, dass es hier das beste Bier im Umland gibt. Darf ich euch etwas anbieten?“
„Ich bin geschäftlich hier, da trinke ich nicht.“
„Löblich, löblich…“, murmelte der Dorfvorsteher: „Dürfte ich erfahren, was für eine Art von Geschäft ihr mit Parlen Breyer habt?“
Der Jäger dachte kurz über die Worte nach, bevor er den Becher zurückstellte und dem Branjo direkt ins Gesicht sah: „Ihr seid nicht mein Auftraggeber, Herr Thein. Es gibt gewisse Prinzipien, ihr versteht?“
Ehe der Andere antworten konnte, kam Bewegung in die Umstehenden und ein junger Mann kam keuchend vor dem Tisch zum Stehen. Er war beleibt und trug die Kutte eines Priesters. Seine Stirn war schweißbedeckt und er hatte einen Faden – die 11 Knoten als Repräsentation für die Götter – um seine Finger gewickelt. Gotrik lächelte ihn gezwungen an: „Parlen Breyer, ihr hättet euren Besuch gerne ankündigen können. Dann hätten wir ihn angemessen begrüßt.“
Der nervöse Blick des Priesters glitt zwischen dem Branjo und dem Jäger hin und her, bis Reinhard sich langsam erhob: „Vielleicht sollten wir uns an einen ruhigeren Ort zurückziehen, Parlen.“
Wenn Gotrik beleidigt war, dass der Fremde nur den Priester mit dessen Titel ansprach, zeigte er es nicht, als er Breyers Arm leicht festhielt: „Bitte, Parlen, wir alle sterben vor Neugier. Bleibt doch hier.“
Stille hatte sich über die Zuschauer gelegt, während ihre Blicke zwischen den Dreien wechselten. Ein Jeder wusste, warum der Jäger hier war. Aber der Wunsch es zu hören, oder die Furcht davor, ließ sie nur enger zusammenrücken.
Breyer räusperte sich nervös, bevor er Reinhard einen entschuldigenden Blick zuwarf und verkündete: „Ich sandte nach ihm, damit er jenes Monster erschlägt, dass unser Heim terrorisiert.“
2
Sehr geehrter Reinhard to na Sierra,
ich schreibe aus großer Not und erflehe eure Hilfe in diesen dunklen Tagen.
Ich bin Priester in einem kleinen, abgelegenen Dorf namens Jolia, dass im Lande Korth auf Altwehr liegt. Unser Heim wird von einer Bestie heimgesucht, ein Monster, dass sich an Tier und Mensch gleichermaßen guttut.
Es terrorisiert unser Heim nun seit bereits 10 Jahren und hat bitteres Blut gekostet.
Viele mögen sagen, dass es schlimmer sein könnte, dass wir das Monster nicht verärgern dürfen, doch dem stimme ich nicht zu. Der Preis, den manche bereitwillig zahlen, um dieses Geschöpf zu befriedigen, ist höher, als ich je mit meinem Gewissen vereinbaren könnte.
Ich werde in diesem Brief nicht nennen, was wir getan haben. Zu groß ist meine Scham und die Furcht, dass die falschen Augen es lesen könnten.
Deswegen bitte ich euch – ich flehe euch an: Helft uns. Helft meinem Dorf. Rettet uns vor dem Monster und uns selbst.
Ich weiß, dass wir verloren sind, aber noch nicht die Kinder.
Und so appelliere ich an eure Ehre, an euren Glauben und an euer gutes Herz.
Parlen Kavin Breyer
3
Die Verlautbarung des Priesters lies die Dorfbewohner erstarren. Alle Blicke richteten sich auf Reinhard und er erkannte Hoffnung und im gleichen Maße Angst. Und doch sprach niemand ein Wort, traute sich nicht, die trügerische Stille zu zerstören.
„Das war nicht eure Entscheidung.“, entschied der Branjo leise.
„Es war nicht allein die meine.“, wurde er vom Priester berichtigt: „Ich bin nur der Einzige in diesem Dorf, der den nötigen Mut aufgebracht hat.“
„Nennst du uns Feiglinge?“, rief einer der Umstehenden und der Priester lächelte traurig.
„Ja, das tue ich. Sowie auch ich die letzten 10 Jahre ein Feigling gewesen bin.“
„Diese Diskussion ist ohne jeden Wert.“, unterbrach der Jäger sie ruhig und erhob sich: „Ich weiß, warum ich hier bin. Und ich werde mich eurem Problem annehmen.“
Der Branjo sprang auf und stellte sich verängstigt vor den viel größeren Mann: „Das ist nicht nötig, Anje. Bitte, wenn ihr eure Bezahlung wollt, so werden wir sie euch geben.“
Reinhard musterte den Dorfvorsteher aufmerksam und versuchte, dessen Angst einzuordnen. Angst vor dem Wesen, oder etwas Anderes? Ohne eine Lösung gefunden zu haben, drückte er den kleinen Mann sanft zur Seite und blickte die Versammelten an: „Ihr habt Angst, liegt es daran? Angst, dass der brüchige Frieden, den ihr mit dem Ding habt, zerbrechen wird. Dass es nicht mehr reicht, ihm einen der Euren zu opfern.“
„Du hast ihm davon erzählt?“, rief eine Frau entsetzt und die Anderen begannen nun auch, auf den Priester einzuschreien.
„Nein… Ich… Das habe ich nie erzählt. Er sollte es nicht wissen!“
Reinhard senkte traurig den Blick, als er seine Vermutung bestätigt fand. Dann erklärte er ruhig: „Es gibt nur eine Art von Opfer, die solche Scham erzeugt. Ihr seid nicht die Einzigen, die vermeintlichen Monstern die eigenen Leute zum Fraß vorwerfen. Eure Nachbarn, eure Familien, eure Geliebten… Das macht es nicht weniger falsch.“
„Wir werden uns nicht von jemandem belehren lassen, der keine Ahnung…“
„Wie habt ihr sie ausgewählt? Woran habt ihr eure Entscheidung festgemacht? Wen habt ihr geopfert?“
Jede Frage ließ die Menge weiter zurückweichen. Ließ sie sich noch mehr abwenden. Am Ende waren es nur der Branjo und der Parlen, die seinem Blick standhielten. Also wandte sich Reinhard dem Glaubensbruder zu und fragte: „Wer ist für euch gestorben? Und wie oft?“
„Jedes halbe Jahr eine Jungfrau.“, antwortete Branjo Gotrik leise. Der Jäger wandte sich nun ihm zu, aber der Kleinere senkte den Blick nicht: „Es war der einzige Weg.“
„Eine Jungfrau, heh? Wie in den alten Mären.“
Gotrik Thein war der Einzige, der ihn noch ansah und er nickte mit Augen voller Schmerz: „Es hat funktioniert, Anje. Das Monster lässt uns in Ruhe.“
„Ich habe mehr Wesen erschlagen, als ihr euch vorstellen könnt, Branjo, aber ein Monster war noch nie darunter. Wilde Bestien, hungernde Tiere? Zahllos. Aber Monster sind ein Albtraum, ein Schatten auf euren Augen.“
Als niemand eine Antwort gab, fragte er, wieder an Breyer gewandt: „Habt ihr mich gerufen, weil ein weiteres Opfer ansteht?“
„Jetzt nur noch 11 Tage entfernt.“
„Trefft eure Entscheidung, wer es sein soll. Wenn ihr denn noch nicht das letzte eurer Kinder zu Tode geschickt habt. Dann schickt sie zu mir.“
„Zu euch, Anje?“
„Ihr sagtet, dieses Ding mag Jungfrauen.“, antwortete Reinhard nun mit einem weit wärmeren Lächeln: „Damit kann ich nicht mehr dienen, also brauche ich einen Köder. Ich werde mich um euer… Monster kümmern.“
„Aber…“, begann der Branjo angsterfüllt, doch Reinhard ließ ihn nicht aussprechen. Er drehte sich um – mit einem Schwert in der Hand, dass er niemals hätte verstecken können – und drückte es an den dicken Hals: „Meine Geduld neigt sich dem Ende, Branjo. Ihr habt 20 Mädchen sterben lassen, weil euch der Mut fehlte, euch diesem Ding zu stellen. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist; es gibt auch keinen Grund, warum es mich interessieren sollte. Aber jetzt werde ich dieses Ding erlegen und jeden niederschneiden, der sich mir entgegenstellt. Das ist die Entscheidung, zu der euch der Mut fehlte und die ich nun für euch treffe.“
4
Man brachte das Mädchen zum Waldrand, wo Reinhard auf einem Felsen saß und lustlos auf einem Laib Brot herumbiss.
Er musterte sie – anscheinend war ihr Name Pelenon – mit einem gutmütigen Lächeln. Ihr rotes Haar fiel über ihr einfaches, weißes Leinenkleid. Sie hatte die Hände um sich geschlungen und zitterte leicht.
„Recht unschöne Kleidung für die letzte Nacht, denkst du nicht auch?“
Das Mädchen sah ihn angstvoll an, aber blickte dann mit unlesbarem Blick zu Boden: „Jede, die vor mir kam, trug so ein Kleid. Der Branjo sagte, dass es uns als Opfer zeigt.“
„Hat er das gesagt, heh?“
„Ist es wahr, dass ihr dieses Monster erschlagen werdet?“
„Das habe ich noch nicht entschieden. Erst will ich ihm gegenübertreten. Aber ich verspreche dir, tapfere Pelenon, dass ihr es von Morgen an nicht mehr zu fürchten habt.“
Sie sah ihn mit großen Augen an. Dann sah sie sich um, ging sicher, dass sie ganz allein auf dieser Wiese waren und fragte: „Und ihr braucht mich als Köder?“
Reinhard stutzte bei ihrem feurigen Blick. Bei der Kraft, die sie ausstrahlte: „Ja, so ist es. Dein Branjo hat mich über die… Vorlieben des Viehs in Kenntnis gesetzt.“
Der Blick des Mädchens brach ab und sie blickte beschämt zu Boden: „Wie gerne würde ich euch helfen, dieses Ding zu erschlagen. Mein Dorf beschützen und wenn es nur als Köder sein mag. Aber das kann ich nicht. Ich habe einen Freund, meine Familie weiß nichts von ihm. Ich habe gelogen, weil… ich euch helfen wollte.“
Der Jäger lächelte dünn: „Du trägst mehr Mut in dir, als dieses gesamte Dorf. Du willst mich begleiten? Das kannst du. Hole dir nur eine feste Jacke und das geschwind. Ich will bald aufbrechen.“
Pelenon sah ihn mit großen Augen an und rannte dann davon. Reinhard musste nur wenige Minuten warten, bevor sie in angemessenerer Kleidung wiederkam. Mit einem fast schon schelmischen Grinsen zeigte sie ihm eine Steinschleuder.
Er lächelte kurz: „Dann hoffe ich doch, dass du damit umgehen kannst.“
„Besser, als die meisten Erwachsenen.“
Mit einen Nicken stand der Mann auf und lief in Richtung des Waldes, Pelenon gleich hinter ihm: „Seid ihr euch sicher, dass das Monster kommen wird? Es ist noch über eine Woche, bis zur eigentlichen Opferung.“
„Ich denke nicht, dass es schlau genug ist, um die Zeit zu messen. Mehr ein Tier, als alles andere.“
„Aber warum sollte es dann kommen, wenn ich doch keine Jungfrau bin?“
Reinhard dachte einen langen Moment über diese Frage nach, bevor er selbst eine Frage stellte: „Weißt du, wie es aussieht?“
Pelenon runzelte kurz die Stirn, aber zuckte dann mit den Schultern: „Es ist schon Jahre her, seit es unser Dorf direkt angegriffen hat. Sollte euch der Branjo keine Beschreibung gegeben haben?“
„Das hat er.“, sagte Reinhard knapp: „Ich möchte trotzdem deine Bestätigung, wenn es soweit ist.“
Als sie nickte, gingen sie in Stille weiter, bis sie die beschriebene Lichtung fanden. In der Mitte steckte ein Holzpfeiler, an dem ein altes Stück Seil hing. Reinhard wollte sie zurückhalten, doch Pelenon ging um ihn herum, bis sie vor dem Pfahl stehen blieb. Ihr Blick zitterte, ihre Augen auf die Flecken gerichtet.
Rote Flecken auf Pfahl und Seil. Tränen stiegen in ihren Augen auf, als sie versuchte, ihr Zittern zu unterdrücken. Reinhard zögerte einen viel zu langen Moment, bevor er einen Arm um sie legte, während sie in seine Brust weinte.
„Kanntest du die früheren… Opferungen?“
„Es ist ein kleines Dorf.“, flüsterte sie, ohne aufzusehen.
„Das tut mir leid.“
Sie zuckte mit den Schultern und wickelte ihre Schleuder fester um die Hand. Dann zog sie ihre Jacke aus und stellte sich neben den Pfosten. Reinhard warf ihr einen fragenden Blick zu, worauf sie lächelte: „Ich bin doch der Köder, oder? So hält es mich für das nächste Opfer.“
Der Jäger tätschelte ihr seufzend die Schulter, aber behielt seine Gedanken für sich. Dafür hielt er ihr ein Messer hin, dass sie vorher noch nicht gesehen hatte. Sie starrte zögerlich auf den breiten Stahl und murmelte: „Habe noch nie… Also, ich kann damit nicht umgehen…“
„Nimm es trotzdem. Besser, als nur deine Schleuder zu haben.“
Sie nickte knapp und stellte dann die Frage, die ihr bereits die ganze Zeit auf der Zunge lag: „Seid ihr ein Magier?“
„Wieso fragst du?“
„Die Alten haben mir Geschichten erzählt. Dass ihr ein Schwert aus Luft geschaffen habt.“
Der Jäger schmunzelte und hob eine Hand. Pelenon blickte verwirrt auf die Geste, bis die Luft um Reinhards Hand zu schimmern begann. Im nächsten Moment hielt er ein Langschwert, dessen Klinge im Licht der Fackel zu glitzern schien. Dann legte er die Klinge beinahe ehrfürchtig neben sich auf den Boden: „Ich würde mich nicht als Magier bezeichnen, aber habe über die Jahre ein paar Tricks gelernt.“
„Oh…“, murmelte sie mit großen Augen, worauf der alte Mann kurz rot anlief und dann schnell murmelte: „Es ist wirklich nicht so beeindruckend. Jeder Schüler…“
Er brach ab, als er Pelenons leuchtende Augen sah und seufzte: „Wenn du willst, bringe ich es dir bei.“
„Wirklich?“
Sobald der Schrei ihre Lippen verlassen hatte, schlug sie ihre Hände vor den Mund und blickte ihn entschuldigend an. Reinhard hob langsam einen Finger vor die eigenen Lippen und drehte sich dann langsam um die eigene Achse. Sein Blick glitt von Baum zu Baum, als sich seine Finger gleichzeitig um den Schwertgriff schlossen. Dann erstarrte er und knurrte: „Kleine, hinter mich. Und halt deine Schleuder bereit.“
Pelenon starrte ihn mit großen Augen an und wurde urplötzlich von einem Zittern erfasst. Sie hatte das Gefühl, ihr Hals würde austrocknen. Dann verließen ihre Finger jede Kraft.
Ihr Blick war auf das Wesen gerichtet, dass sich langsam aus den Schatten des Waldes pellte. Sie kannte diese leuchtenden, gelben Augen. Sie erinnerte sich, wie dieses Geschöpf einen riesigen Bullen zerfleischt hatte, als wäre er nichts mehr, als ein Hühnchen. Die langen Klauen an den Fingern, die sie so einfach zerreißen könnten. Das graue Fell, dass mit ihrem Blut bedeckt werden würde.
„Kleine… Pelenon!“
Ihre Augen rissen sich los und sie blickte den Jäger verzweifelt an. Sie hätte nicht kommen dürfen. Das war dumm gewesen. Selbstsüchtig. Sie…
„Ist es das? Ist es das Vieh, wegen dem wir hier sind?“
Sie brachte nichts weiter als ein schwaches Nicken zustande, während der Stein aus ihrer Schleuder fiel. Ihre Beine gaben nach und sie spürte, wie ihre Hose nass wurde.
Reinhard warf ihr noch einen letzten, aufmunternden Blick zu, dann wandte er sich dem Monster zu: „Mein Name ist Reinhard to na Sierra. Kannst du mich verstehen?“
Das Monster begann zu knurren, während es eines seiner Gliedmaßen vor das andere setzte. Sie bemerkte erst jetzt, dass der Jäger dem Ding nur bis zur Brust reichte. Reinhard hob das Schwert, bis die Spitze nur wenige Handbreit von dem rechten Auge entfernt war: „Wenn du zur Sprache fähig bist, solltest du es zu deinem eigenen Wohl sagen. Andererseits werde ich dich als nichts anderes, denn eine wilde Bestie behandeln. Sprich, oder werde beseitigt, Tier.“
Das Monster musterte Reinhard mit seinen leuchtenden Augen und sie glaubte, dass es in diesem Moment lächelte. Dann bemerkte sie die Bewegung.
„Vorsicht, Links!“
Reinhard wirbelte herum, als der Schwanz des Monsters auf ihn zu glitt. Er war viel zu lang, als dass es von den Proportionen Sinn machen würde. Und doch versuchte sich das schuppige Ding, um des Jägers Bein zu wickeln. Dieser antwortete mit einer kleinen Bewegung und dann war die Spitze des Körperteils bereits abgetrennt.
Doch gleichzeitig war das Monster auf ihn zu gesprungen und griff mit beiden Klauenhänden nach ihm. Reinhard versuchte, noch auszuweichen, aber er war zu langsam. Eine der Pranken erwischte ihn an der Schulter und lies ihn stürzen.
Er fluchte innerlich und versuchte, sich auf ein paar seiner anderen Tricks zu konzentrieren, aber sein Körper schien vor Schmerz zu schreien. Irgendwelche Knochen mussten in seine Nerven gepresst sein. Mit schnellen, fahrigen Bewegungen tastete er den Boden nach seinem Schwert ab, als das Vieh langsam auf ihn zu trottete. Wo war das verdammte Schwert?
Es präsentierte ihm die scharfen Zähne und der restliche Schwanz begann, nach seinen Beinen zu greifen. Eine Ablenkung… Er brauchte nur eine kleine…
„Hier!“, rief Pelenon mit schriller Stimme. In ihrer Hand drehte sich die neu gefüllte Schleuder. Sie breitete die zitternden Arme aus: „Ich bin Jungfrau, also komm und hol mich.“
Das Monster blickte sie mit diesem viel zu intelligenten Blick an und Pelenon hatte das Gefühl, ihr Herz würde stehenbleiben.
Dann wandte sich das Vieh wieder dem liegenden Mann zu. Für einen Moment war sie völlig verwirrt, aber dann nahm sie ihren Mut zusammen und ließ die Schleuder vorschnellen. Der Stein schlug dem Monster in die Wange und es kreischte überrascht auf, als einzelne Blutstropfen durch das Fell sickerten. In diesem Moment spürte Reinhard den Griff in seiner Hand und schnitt in die Brust des Tieres. Es sprang fauchend zurück, aber es hatte lange genug gedauert, dass er seine Gedanken wieder beisammenhatte: „Erwache, Nummer 7.“
Zwei goldene Tentakel schossen aus seiner Handfläche und wickelten sich um die Vorderfüße des Tieres. Ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden, stürzte er sich nach vorne. Der Schwanz schlug zu – die Schnittstelle versprühte Blut – und er schlug ihn mit der flachen Seite des Schwertes zur Seite.
Das Ding versuchte, ihn mit der anderen Pfote zu erwischen, aber da flog bereits der nächste Stein und diesmal traf er das Auge.
Die Kreatur kreischte auf und wollte sich der Frau zuwenden, als Reinhard ihm die Klinge in die Hüfte rammte. Die Wucht riss ihn ein kurzes Stück mit, bevor er den Halt verlor und von einem der Hinterbeine erwischt wurde.
Pelenon starrte mit großen Augen auf das Monster, dass ihr entgegenrannte. Ihr Körper war wieder völlig erstarrt und ihre Schleuder leer.
Sie versuchte, nach dem Messer zu greifen, doch ihre Finger ließen sich nicht beugen. Dann stand das Monster über ihr und schlug zu.
Viel zu spät hob sie den Arm, sodass die Krallen ihre Haut und das Fleisch bis zum Knochen zerschnitten. Blut fiel auf ihr Gesicht und sie taumelte zurück.
Wieder sprang das Monster nach vorne, aber diesmal fand die Frau das Messer. Sie stieß zu – ohne ein wirkliches Ziel -, worauf sich die Klinge im Kiefer der Kreatur verfing. Es schrie voller Schmerz auf, aber dann wurde dieser Laut von einer ruhigen Stimme durchbrochen.
„Erwache, Nummer 3.”
Pelenon sah mit großen Augen zu, wie der Jäger über dem Monster in der Luft schwebte, das Schwert erhoben. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als wäre da ein zweites Monster – riesig und genauso grauenhaft, wie das vor ihnen – und als Reinhard zuschlug, fiel dieses zweite Wesen vom Himmel und schlug in den Rücken ihres Feindes.
Reinhards Klinge ging nieder und teilte den Kopf des Monsters in einem einzigen Schnitt vom Hals.
Als er neben ihr landete, war sie von Blut besudelt. Aber sie konnte nicht anders, als zu grinsen.
5
„Bist du verletzt?”, fragte der Jäger und trat langsam auf sie zu. Immer noch in der Starre, schüttelte sie erst den Kopf, bis sie dann doch den Arm hob.
„Was hast du getan?”, fragte sie verwirrt. Noch immer konnte sie sehen, wie er das Monster erschlagen hatte, das Blut aus dessen Hals und dieses andere… Ding. Reinhard lächelte mitfühlend und führte sie zu einem Baumstamm, auf den sie sich prompt fallen ließ.
„Ich mache das vielleicht erst wenige Jahre, aber in der Zeit habe ich gewisse Tricks aufgegriffen.”, erklärte er mit einer ruhigen, einlullenden Stimme. Er gab ihr den Mantel, in den sie sich sogleich einwickelte. Danach begann er, ihren Arm zu verbinden, wovon sie aber kaum etwas mitbekam. Als er davonging, irgendetwas mit der Monsterleiche tat, blickte sie nur auf ihre eigenen Hände. Sie zitterten.
Nach einer Zeit, die sowohl eine Sekunde, als auch ein Tag gewesen sein könnte, kam der Jäger zurück und sie entschuldigte sich.
„Wofür?”
„Ich wollte dich begleiten, aber hatte die ganze Zeit nur Angst.”, antwortete sie leise und blickte auf ihre immer noch nasse Hose.
Reinhard schnaubte abwertend: „Als ich das erste Mal um mein Leben fürchten musste, war ich auch erstarrt. Das ist nicht wichtig. Aber du hast es doch geschafft, dich zu bewegen. Das ist ein Grund stolz zu sein, Pelenon.”
„Aber… ich war noch nicht einmal ein guter Köder! Es hat mich ignoriert, weil ich…”
„Hast du es immer noch nicht verstanden?”, fragte der Mann mit einem erschöpften Lächeln. Sie sah ihn verwirrt an, worauf er ohne zu zögern erklärte: „Warum sollte sich ein Tier dafür interessieren, ob du Sex hattest? Es ist eine Sache der vergangenen Zeitalter, ein Teil von Mären und Mythen. Vielleicht haben die Götter früher Macht auf diese Weise verteilt, es wäre gewiss nicht ihre seltsamste Entscheidung, doch selbst dann sind diese Zeiten lang vergangen.”
„Aber… Es hat funktioniert. Das Monster hat unser Dorf verschont.”
„Es war intelligent, dass weiß ich jetzt. Ihr habt ihm Futter geliefert und es wollte nicht riskieren, dass ihr nach jemandem wie mir schickt. Aber die Wahrheit ist, dass ihr ihm auch eine Kuh hättet geben können.”
Pelenon starrte auf den Pfahl im Boden, auf das getrocknete Blut. Dann stiegen ihr die Tränen in die Augen: „Sie… sie sind umsonst gestorben? Es war sinnlos?”
„Es tut mir leid, Kleine.”
Sie saßen noch eine lange Zeit nebeneinander, bevor Reinhard aufstand und sagte: „Wir sollten zurück. Deine Eltern werden Angst um dich haben.”
Pelenon zwang sich zu einem Nicken, während sie ihm hinterher taumelte. Er griff ihren Arm, stützte sie leicht: „Du hast eine schwere Entscheidung vor dir.”
„Was meinst du?”
„Wirst du es deinem Dorf verraten? Die Wahrheit über die Opferungen?”, fragte er mit mitleidiger Stimme. Sie blieb ruckartig stehen und sah ihn mit großen Augen an. Er schüttelte traurig den Kopf: „Ich hatte eigentlich geplant, es zu verheimlichen, aber dazu habe ich kein Recht. Diese Entscheidung kann ich nicht für dich – für euch – treffen. Sollen die Eltern weiterhin um ihre Kinder trauern, aber in dem Glauben, sie wären für etwas Größeres gestorben? Oder sollen all die Deinen von ihrer Naivität lernen?”
„Du wirst es ihnen nicht sagen?”
„Nein, das ist nicht mein Platz. Ich habe nur noch eine letzte Sache zu tun, bevor ich gehe.”
Sie fragte ihn nicht, was das bedeutete. Zu sehr war sie in ihren eigenen Gedanken, ihrer grausamen Entscheidung, gefangen.
Sobald sie das Dorf erreichten, stürmten die Bewohner ihnen entgegen. Pelenon wurde von ihrer Familie in die Arme geschlossen und die Tränen flossen bald. Reinhard ging an all den lachenden Gestalten vorbei, wich ausgestreckten Händen aus und lehnte Geschenke ab, bis er den Branjo fand, der all das Geschehen beobachtete.
„Mein Dorf steht tief in eurer Schuld, Jäger. Ich danke euch.”
„Habt ihr einen Moment?”
Der Dorfvorsteher nickte zögerlich und bald betraten sie sein Heim, wo er zwei Gläser hervorholte: „Ein Gläschen für euch?”
„Nur Wasser.”
Gotrik Thein zuckte mit den Schultern und setzte sich ihm gegenüber: „Dann ist es jetzt vorbei? Unser Dorf ist sicher?”
„Ja.”, antwortete Reinhard knapp und genoss die kühle Erfrischung. Dann stellte er das Glas ab und blickte seinem Gegenüber direkt in die Augen: „Ich bedaure nur, nicht früher gekommen zu sein. Diese Mädchen… Das hatten sie nicht verdient.”
„Wahrlich nicht.”, antwortete der Andere voller Trauer.
„Mir wurde gesagt, dass es euer Einfall war, der euer Dorf beschützte. Wieso Jungfrauen?”
Der alte Mann zuckte mit den Schultern: „Ich habe mich schon immer für die alten Geschichten interessiert. Als das Monster kam… Es war eindeutig, was es wollte. Die Entscheidung, es ihm zu geben, war die Schwerste meines Lebens.”
Die beiden Männer ließen sich nicht aus den Augen, erkundeten des anderen Gedanken. Am Ende war es der Jäger, der zuerst den Blick abwandte: „Ich hatte gehofft, euch hassen zu können, Gotrik. In euch ein Monster zu finden. Aber ihr seid nur ein Narr.”
Dem Branjo klappte die Kinnlade herunter, aber dann sprang er wütend auf: „Wie könnt ihr es wagen? Habt ihr keinen…”
Seine Stimme erstarb, als Reinhard ebenfalls aufstand und die Hand hob: „Ich bin kein guter Mensch, Branjo Thein. Ich werde nicht versuchen, was jetzt kommt, zu rechtfertigen, es Gerechtigkeit zu nennen. Das ist es nicht. Aber diese Entscheidung will ich ihr nicht auch noch aufbürden.”
„Ihr sprecht ohne Sinn!”, fauchte der Mann und wollte fliehen, doch er konnte sich nicht mehr bewegen. Sein Blick hing an dem Schatten fest, der hinter Reinhard hervortrat.
„Erwache, Nummer Neun.”, flüsterte der Jäger und Gotrik begann zu winseln. Ein Monster stand hinter dem Fremden. Leuchtende, gelbe Augen fixierten den Dorfvorsteher. Das graufällige Biest trat hervor, seine langen Klauen schabten über den Boden.
„Ihr… ihr sagtet, ihr würdet es töten!”
„Das habe ich.”, flüsterte Reinhard leise und verschloss die Tür: „Aber jetzt wird es mir helfen Andere vor wilden Tieren zu beschützen. Und vor Dummköpfen.”
Der Schrei des Mannes wurde von der Feier des Dorfes übertönt.
6
Aus irgendeinem Grund hatten die Bewohner von Jolia entschieden, Pelenon wie eine Heldin zu feiern. Ein Teil von ihr schämte sich, weil Reinhard so viel mehr getan hatte, aber sie genoss trotzdem die Aufmerksamkeit. Es lenkte sie von der Entscheidung ab, die dieser Mann ihr aufgezwungen hatte.
Als die Sonne bereits aufging, war sie betrunken und kicherte wie ein kleines Kind mit ein paar Freundinnen, als sie den Jäger bemerkte. Er trug einen Reisemantel und gab einer Vettel gerade eine leere Schüssel zurück.
Pelenon zögerte einen langen Moment, zu träge waren ihr Körper und Verstand, aber als der Mann die Dorfmitte verließ, rannte sie ihm hinterher.
Ihr Schädel dröhnte und in der Dunkelheit wäre sie mehrmals beinahe hingefallen. Hätte der Jäger ihre Rufe nicht bemerkt und am Dorfrand auf sie gewartet, wäre es wohl eine enttäuschende Jagd gewesen. Reinhard lächelte sie warm an: „Genießt du die Feier?”
„Du solltest dabei sein, dich feiern lassen.”
„Die Wenigsten mögen es, von einem Fremden gerettet zu werden. Gib ihnen ein paar Jahre und es wird heißen, dass du dieses Tier alleine erlegt hast.”
„Darauf kann ich verzichten.”, flüsterte sie leise und setzte sich neben ihn: „Du hast versprochen, mir Magie beizubringen.”
„Tut mir leid, aber ich will nicht bleiben. Ich habe etwas getan, dass zu Problemen führen könnte, wenn ich noch hier bin. Außerdem gibt es noch viele Tiere zu jagen und holde Maiden zu retten.”
Pelenon schnaubte belustigt, aber dann verdüsterte sich ihr Blick. Reinhard drückte ihr sanft die Schulter: „Hast du eine Entscheidung getroffen?”
„Ja…”, antwortete sie mit rauer Stimme: „Ich werde ihnen die Wahrheit sagen. Vielleicht kann so etwas in der Zukunft verhindert werden. Wenn wir aufhören, an diese Mären zu glauben, verlieren sie vielleicht auch eines Tages die Macht über uns.”
Reinhard nickte langsam, aber zeigte nicht, was er von ihrer Entscheidung hielt. Also fuhr sie leise fort: „Sie werden Blut sehen wollen, einen Schuldigen suchen. Ich habe Angst, was diese Suche aus uns machen wird.”
Als hätte er sie nicht gehört, schloss er seinen Mantel und flüsterte: „Du bist eine bemerkenswerte Frau, Pelenon von Jolia.”
„Danke. Eine gute Jagd.”
Der Mann gab ihr noch eine ungelenke Umarmung, bevor er sagte: „Du solltest doch mittlerweile gelernt haben, dass es so etwas wie eine gute Jagd nicht gibt.”
Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg und Pelenon sah zu, wie seine Gestalt schon bald zwischen den Bäumen verschwand.
Ende