5 Mächte Leseprobe: Vis und Elias I

Jahr 415 nach Schaffung der Welt

Als die Gruppe von Soldaten die Schänke betrat, war es über der Himmelsinsel bereits dunkel geworden. Sie waren zu elft, angeführt von einer Frau mit kurzen, schwarzen Haaren. Unter den Gästen wurde es unruhiger und besorgte Blicke richteten sich auf die Neuankömmlinge. Die Anführerin ging direkt an die Theke, während ihre Begleiter im Raum stehen blieben und jeden der Anwesenden aufmerksam musterten.

Sie machte sich nicht einmal die Mühe ihre Stimme zu heben, sondern erklärte knapp in den Raum hinein: »Wir sind nicht hier, um euch Umstände zu bereiten. Wir suchen nur jemanden und dann werden wir hier wieder verschwinden. Versprochen!«

Nervöses Murmeln erfüllte die Taverne, als sich die Krieger verteilten und jeden Gast nacheinander im Licht betrachteten. Elias lehnte sich noch mehr in die Schatten und versuchte abzuschätzen, wie lange sie bis zu ihm brauchen würden. Er zweifelte nicht daran, sie alle töten zu können, aber diese Frau machte ihm Sorgen. Irgendetwas an ihr war gefährlich.

Ein alter Mann begann zu fluchen, als eine der Soldatinnen ihn packte: »Ihr habt kein Recht dazu, Zerstörer! Das ist nicht euer Land! Bei der Göttin, nehmt die Finger…«

Ohne auf die Beleidigungen einzugehen, ließ sie ihn los und suchte weiter. Sie schienen also eine gute Ahnung davon zu haben, wie er aussah. Das Thekenmädchen leckte sich nervös über die Lippen und fragte an die Frau gewandt: »Verzeiht, aber was haben Soldaten der Zah auf diesem Zacken der Welt verloren?«

Sie bekam ein knappes Schulterzucken als Antwort: »Wir verfolgen einen Luriel-Soldaten auf der Flucht. Ihr habt nicht zufällig jemanden mit ihren Symbolen gesehen?«

Für einen kurzen Moment glitt der Blick des Mädchens zu Elias, bevor sie sich wieder zusammenriss. Die Soldatin lächelte aber bereits: »Vielen Dank, meine Liebe.«

Dann blickte sie Elias direkt an und er begann seinen Körper zu verstärken. Vielleicht hätte er verdeckt reisen sollen, aber das schickte sich nicht für einen offiziellen Abgesandten. Wahrscheinlich genauso wenig, wie eine blutgetränkte Uniform.

»Manchmal kann man nur falsch handeln.«, murmelte er leise und erwiderte ihren Blick. Mittlerweile hatten sich die anderen Zehn in einem Halbkreis um ihn verteilt und griffen nach ihren Waffen.

»Ihr seid weit weg von Zuhause.«, murmelte die Frau.

Elias versteckte sich hinter einem breiten Grinsen und schloss die Finger um das Schwert, welches er unter dem Tisch platziert hatte: »Eure Angriffe haben meinen Zacken zu einem unschönen Wohnort gemacht. Ich wollte mich nach Alternativen umsehen.«

»Oder Hilfe erflehen?«

Luriel flehten nicht. Sie nutzten nur die Stärke von Anderen: »Was kann ich sagen, eure Invasion ist schon recht beeindruckend. Wenn ihr eure Armee mitgenommen hättet, würde für euch jetzt gerade wohl auch eine Chance bestehen.«

Es wurde still, zwei der Soldaten hoben ihre gespannten Armbrüste und Elias wappnete sich auf das, was kommen würde. Auf die Schreie, das Blut und den Tod. Und den Schmerz. Dann stieß er sich vom Boden ab und brach durch das Fenster hinter sich. Seine verstärkten Beine ließen ihn bestimmt zehn Meter weit fliegen, bis er hart auf den Boden aufkam und sich mehrmals überschlug. Instinktiv verstärkte er seine Heilkraft und sobald er sich einmal umgedreht hatte, ließ er den Blick über die Himmelsinsel gleiten. Der Rand befand sich nur wenige Meter in seinem Rücken, danach ging es vielleicht zweihundert Meter in die Tiefe. Der Stall mit seinem Reittier befand sich gut Zwanzig vor ihm. Er konnte keine weiteren Soldaten außerhalb der Schänke sehen, aber Flucht war sowieso keine Option. Langsam richtete er sich auf, während seine elf Verfolger durch das zerbrochene Fenster kletterten.

Ehe sie sich in Position bringen konnten, sprang er nach vorn und verstärkte noch einmal seinen Schwertarm. Sein erster Schlag glitt durch Rüstung, Haut und Knochen des Soldaten, sodass es ihn halbierte. Er sah die überraschten Gesichter, aber war zu schnell, als dass sie hätten reagieren können. Nach drei weiteren Schlägen zog er sich zurück. Er wusste, dass er grinste und genau das erzeugte die Übelkeit in ihm.

Die Anführerin hatte sich sofort neben die Toten gekniet und schien sie nach Lebenszeichen abzusuchen. Er war nicht so dumm, sie jetzt anzugreifen, dafür war ihre Schwäche zu offensichtlich. Also würde er die restlichen Insekten ausrotten.

»Ihr hättet meine Heimat niemals angreifen dürfen.«, flüsterte er, während er ein paar Kieselsteine aufhob: »Habt ihr eine Ahnung, wie viele meiner Familie in diesem Krieg gestorben sind? Zu was ihr uns gezwungen habt?«

Fauchend verstärkte er auch diesen Arm und warf die Steine auf das Ungeziefer. Sie schlugen ein wie Armbrustbolzen und zerfetzten ihre Körper. Er bemerkte, wie die Anführerin überrascht herumfuhr, aber da war er bereits nach vorn gesprungen und tötete die letzten beiden Kämpfer. Dann drehte er sich zu ihr um und versuchte, das Blut an sich zu ignorieren: »Ich sagte doch, dass ihr eine Armee hättet bringen sollen.«

»Sie haben mich geschickt.«, antwortete die Frau leise und starrte auf die Toten. Dann blickte sie ihm direkt in die Augen und flüsterte: »Ich wurde geschickt, um dich zur Strecke zu bringen, Schlächter.«

»Dann wirst du uns wohl enttäuschen.«, antwortete er in der gleichen Lautstärke und nahm seine Fechtposition ein. Die Frau zog langsam ein Kurzschwert von ihrem Rücken und dann griff sie an.

Bevor sie ihn erreichte, verstärkte Elias seine Reflexe und Sehkraft, was die Paraden noch vereinfachte. Aber diese Frau war gut. Besser, als ein normaler Mensch sein sollte. Und in diesem Moment keimte in Elias ein Verdacht auf, der ihm die Brust zuschnürte. Das würde bedeuten…

Er sprang nach vorne und begann sie mit Schlägen einzudecken, die sie nur gerade so parieren konnte. Dann täuschte er an und ließ das Schwert auf ihre Beine zugleiten, als ihn auf einmal die Kraft verließ. Von einem zum anderen Moment fühlte er sich völlig ausgelaugt. Und dann griff sie mit ihrer freien Hand nach ihm. Panisch wollte er zurückspringen, aber ihre Finger schlossen sich um seinen Mantel und sie zerstörte ihn. Zuerst zerfiel der Stoff nur in kleinere Teile, aber als sie nicht losließ, wurden diese zu Staub, welcher nicht einmal mehr den Boden erreichte.

Elias schnappte zitternd nach Luft – er hatte den Mantel noch rechtzeitig abgeworfen –, während sich seine Befürchtungen bewahrheiteten. Er erhob sich und neigte leicht den Kopf: »General Elias Caros Luriel, Leibwächter von Oberhaupt Caleb Santos Luriel.«

Die Frau zögerte eine Weile, bis sie antwortete: »Neva, Ausgestoßene der Zah.«

»Ausgestoßen? Was für eine wunderbare Ausrede. Dürftest du sonst nicht auf diesem Zacken der Welt agieren?«

Neva zuckte nur mit den Schultern, sprang wieder auf ihn zu und er wehrte ihre Schläge problemlos ab. Sie war eindeutig nicht so stark wie er, aber etwas an ihr war anders. Ein Selbstvertrauen, dass sie nicht haben dürfte. Nervös schlug Elias immer und immer wieder zu, aber jedes Mal fing die Zah den Angriff ab. Sie schien nicht ansatzweise erschöpft.

Keuchend nickte er: »Ich gebe zu… ich wäre…«

Seine Stimme erstarb, als er die feinen Risse sah, die sich von ihrem Fuß aus ausbreiteten. Sie krochen in seine Richtung. Und dann erst fiel ihm auf, dass er direkt am Rand der Himmelsinsel stand.

Sie hatte nicht nur seine überlegene Schwertkunst abgewehrt, sondern ihn auch in eine unvorteilhafte Situation gebracht?

Als der Boden unter Elias zerbrach und er den Halt verlor, kam ihm nur eines über die Lippen: »Du bist wirklich gut…«

–

Er blinzelte, während die Sonne ihm auf die Augen brannte. Seine Kleidung war durchnässt und sein Körper schien an jeder Stelle zu schmerzen. Er roch Gewürze, während eine sanfte Stimme auf ihn einredete: »Lass dir Zeit beim Aufwachen. Du hast lange geschlafen und dein Körper muss sich erst wieder an das Leben erinnern. Hier, lass mich dir helfen.«

Eine Welle aus Wärme floss durch ihn hindurch, und er schnappte überrascht nach Luft. Die Schmerzen verschwanden augenblicklich und er fühlte sich gleich viel besser. Als er die Augen öffnete, sah er eine junge Frau über sich. Sie hatte langes schwarzes Haar und ein besorgtes Gesicht: »Geht es dir gut? Wir haben dich aus einem Teich gezerrt. Bist du von der Rodainsel gestürzt? Zu viel getrunken? Aber wie hättest du das überleben können?«

Er hatte Mühe, all ihre Fragen aufzunehmen und brachte selbst nur ein Stöhnen heraus. Sie nickte hastig: »Tut mir leid, dieses Gefrage sollte nicht unhöflich sein. Wer bist du?«

Wer… er war?

Er versuchte, sich zu erinnern. An einen Namen, oder auch nur einen Gedanken. Aber er fand nichts.

Wer war er?

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